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Eintracht: Feierbiest Paciencia als Taktgeber - SGE feiert wie in der Kreisliga

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Von: Thomas Kilchenstein, Ingo Durstewitz

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Der Einzug ins europäische Finale lässt die Frankfurter Gefühlswelt überschwappen - nun will die Eintracht auch den Pokal gewinnen.

Frankfurt - Als die Dämme brachen, kurz vor 23 Uhr an diesem 5. Mai im Stadtwald, war der Präsident mittendrin, wo auch sonst. Peter Fischer, mit rotem Eintracht-Schal um den Hals, badete förmlich in der Menge, einem weißen Meer, das den Rasen flutete, er saugte diese ganz spezielle Atmosphäre, diese ungezwungene Freude, diese Glut, diesen Überschwang in sich auf, genoss das Momentum. Und natürlich ließ er sich anstecken von diesem chaotischen Gefühlskarussell, die Augen wurden ihm schnell feucht, da war er wahrlich nicht der einzige an diesem denkwürdigen Abend. „Und jetzt im Finale, Tradition gegen Tradition, Weltklasse“, sagte er ins TV-Mikrofon, das Herz voll, die Zunge locker, „das ist pure Lebensfreude.“

Auch die, die es am Ende geschafft hatten, West Ham United im Halbfinale in zwei Spielen zu besiegen, 2:1 in London, 1:0 in Frankfurt, die Spieler, sie spürten am eigen Leib diese Leidenschaft, diese Verbundenheit ihrer Anhänger: Sie alle wurden in den Arm genommen, geherzt, umarmt, keiner blieb allein, gerade Martin Hinteregger, der ungekrönte Fan-Liebling, aber auch alle anderen, Kevin Trapp schier aus dem Häuschen, Ansgar Knauff, der Aufsteiger der Rückrunde, Rafael Borré, der Torschütze, Timmy Chandler, jeder, der zu greifen war, wurde überschwemmt von Emotionen, überrollt, übermannt.

Eine Klasse für sich: Eintracht Frankfurt steht im Finale der Europa League. Unfassbar irgendwie.
Eine Klasse für sich: Eintracht Frankfurt steht im Finale der Europa League. Unfassbar irgendwie. © dpa

Eintracht wird für Platzsturm zahlen müsssen

Natürlich ist ein Platzsturm nicht das, was die gestrengen Regelhüter der Uefa sehen wollen, und es stellt sich auch die Frage, ob es sehr clever ist, unter den Augen der kompletten Uefa-Chefetage mit Boss Aleksander Ceferin an der Spitze über die Bande zu springen, das dürfte Eintracht Frankfurt eine Stange Geld kosten. Aber alles war sehr friedlich, fast schon gesittet abgelaufen, bar jeder Aggressivität und wirklich nicht zu vergleichen mit Platzstürmen aus dunkler Vergangenheit.

„Die Fans wollten ihre Lieblinge drücken, das war pure Freude und Dankbarkeit“, sagte später ein erstaunlich abgeklärter Trainer Oliver Glasner, der ebenfalls, mit seinen drei Kindern im Final-T-Shirt („Sevilljaaaa in diesem Jahr“) Objekt der Begierde war. Er nahm es gelassen: „Das Schönste ist doch, wenn man den Menschen Freude bereiten kann.“

Eintracht feiert wie ein Kreisligist

Der Österreicher, der vor seinem größten sportlichen Triumph steht, hatte nur in „glückliche Gesichter“ geschaut an diesem besonderen, an diesem „wunderbaren Abend“. Und dieser Abend war noch lange nicht zu Ende, nicht in der Stadt, nicht in der Eintracht-Kabine, in der Feierbiest Goncalo Paciencia den Takt vorgab und es im Kern nicht viel anders zuging als beim SV Sachsenhausen nach dem Aufstieg in die Kreisoberliga Frankfurt, Bierbuddel inklusive.

Eintracht Frankfurt hat mit dem Erreichen des Finales am 18. Mai in Sevilla in der Tat einen Meilenstein gesetzt, wie das Vorstandssprecher Axel Hellmann schon die Tage zuvor gesagt hat. Als letzter deutscher Vertreter in einem europäischen Endspiel zu stehen, kommt wahrlich nicht alle Tag vor, letztmals hatte das im Mai 2009 Werder Bremen geschafft, unterlag aber Schachtar Donezk nach Verlängerung 1:2, 25 Jahre ist es her, dass Schalke 04 letztmals einen Titel in diesem Wettbewerb holte, den Sportvorstand Markus Krösche „den kleinen Bruder der Champions League“ nannte, ewige 42 Jahre gar, dass die Hessen letztmals den Uefa-Pokal, wie er damals hieß, in die Luft stemmte. Und jetzt?

„Jetzt wollen wir Europa-League-Sieger werden, ganz klar“, sagt Krösche. Der Mann, im Sommer als Nachfolger von Fredi Bobic mit der Reputation gekommen, in der ostwestfälischen Provinz und als zweiter Mann in Leipzig gearbeitet zu haben, hat in seinem ersten Jahr in Frankfurt ohne Zweifel mehr erreicht als gedacht, vor allem nach dem Stotterstart mit dem Aus in der ersten Pokalrunde beim Drittligisten Waldhof Mannheim und einem dann doch erheblichen personellen Umbruch.

Der Pott ist für die Eintracht zu greifen

An ein europäisches Finale mit der Eintracht habe er als letztes gedacht, da waren andere Dinge auf seinem Schirm. So ging es auch Kevin Trapp, der 18. Mai schien damals im September, als die erste Partie bei Royal Antwerpen angepfiffen wurde, „so weit weg“, nun ist der Pott mit Händen zu greifen.

Den Schlüssel für diesen Erfolg in dieser „sehr, sehr außergewöhnlichen Europa-League-Saison“ sieht Markus Krösche in allererste Linie darin, dass man als Eintracht Frankfurt „diesen Wettbewerb zu 100 Prozent angenommen“ habe, die Mannschaft habe es geschafft, in jedem der zwölf ungeschlagen überstandenen internationalen Spiele „zu 100 Prozent“ an ihre Grenzen zu kommen, „nicht einer, sondern alle“.

Wenn das Flutlicht in Europa angeschaltet wird, hat Fußballlehrer Glasner längst erkannt, „dann packen wir alles rein in diese Nächte, wir sind emotional drüber“, im Gegensatz zu den Spielen in der Liga, die insgesamt enttäuschend verliefen, „da liegen wir emotional drunter“: Und nach Lage der Dinge wird sich daran auch nichts ändern. Es ist schwer vorstellbar, dass die Hessen am Sonntag im Heimspiel (15.30 Uhr/Dazn) gegen Borussia Mönchengladbach weder ihre miese Heimbilanz aufhübschen noch die Rückrundenstatistik (13 Punkte, Bielefeld hat als Letzter elf Zähler) entscheidend verbessern können. Auch gegen Adi Hütters Gladbacher dürften Spieler zum Einsatz kommen, die eher nicht zur ersten Garnitur zählen.

Erstaunliches Zusammengehörigkeitsgefühl bei der Eintracht

Einerlei, der Scheinwerfer ist längst auf ein anderes, viel, viel bedeutsameres Ziele gerichtet. Und warum soll Eintracht Frankfurt nicht gelingen, was den Alten vor vier Jahrzehnten schon einmal gelungen war? Sicher, die Glasgow Rangers, der 55-fache schottische Meister, 33-fache FA-Cup-Gewinner, ist eine Hausnummer. Aber Eintracht Frankfurt kann auf andere Faktoren setzen, auf weiche: den Enthusiasmus der ganzen Region und ein erstaunliches Zusammengehörigkeitsgefühl der Fußballer.

Vor der entscheidenden Partie gegen ein enttäuschendes West Ham United, deren Trainer David Moyes sich zuweilen nicht in der Gewalt hatte, einen Ball wutentbrannt in Richtung eines Balljungen schoss, ihn nur um Haaresbreite verfehlte und daraufhin auf die Tribüne verbannt wurde, hat Glasner seinem Team ein paar Dinge ins Stammbuch geschrieben: Dinge, die der Motivation dienten, Dinge, die auch das Innenleben charakterisieren. Er habe seiner Mannschaft vor der Partie gesagt, er wisse nicht, ob „wir die besten Spieler sind, oder ob wir die besten Coaches sind. Aber ich weiß: Als Gruppe sind wir außergewöhnlich, als Gruppe können wir die Besten sein“.

Und die Besten gewinnen den Pokal. (Ingo Durstewitz, Thomas Kilchenstein)

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