1. Startseite
  2. Eintracht

Eintracht Frankfurt blickt zum Gipfel

Erstellt:

Von: Ingo Durstewitz

Kommentare

Ein Dank geht an die Könige von Europa, Eintarcht Frankfurt ist gemeint. Foto: Imago images
Ein Dank geht an die Könige von Europa, Eintarcht Frankfurt ist gemeint. Foto: Imago images © Imago

Eintracht Frankfurt schaut auf ein erfolgreiches Halbjahr zurück, hat Lehren aus der Vergangenheit gezogen und sieht sich noch nicht am Ende der Entwicklung.

Frankfurt - Als Eintracht Frankfurt das letzte Mal so viele Zähler auf ihr Konto geladen hatte wie in dieser Saison (nämlich 27 nach 15 Spielen), gab es für einen Sieg noch zwei Punkte und bei einer Niederlage zwei Minuspunkte. Klaus Toppmöller, der Lockenkopf aus Rivenich, war der Trainer, im Kasten stand Uli Stein, die Abwehr dirigierte Manni Binz, im Mittelfeld zauberten Maurizio Gaudio, Uwe Bein und Jay-Jay Okocha, vorne schoss Tony Yeboah Tore am Fließband, und die FR schrieb irgendwann, und es war ernst gemeint: „Wie soll diese Mannschaft noch ein Spiel verlieren, wer soll diese Mannschaft schlagen?“

Das schaffte dann, wie sollte es anders sein, eine graue Maus, der MSV Duisburg, 1:0. Und doch: Die Eintracht war das Maß aller Dinge, hatte nach 15 Partien 24:6 Zähler erspielt, zehn Siege, vier Unentschieden, eine Niederlage. Zwei Spieltage später sicherte sie sich die Herbstmeisterschaft vor den Bayern (am Ende wurde sie freilich nur Fünfter). Das war 1993. Herrschaftszeiten.

Eintracht Frankfurt erkämpft sich Punkt in Mainz

Fast 30 Jahre später käme niemand ernsthaft auf die Idee, Eintracht Frankfurt als unbezwingbare Truppe hinzustellen. Wie schwer die Bundesliga ist und wie hart man für jeden einzelnen Punkt kämpfen muss, hat das Jahresabschlussspiel in Mainz gezeigt. Beim Nachbarn erkämpften sich die Hessen dank einer signifikanten Leistungssteigerung im zweiten Abschnitt ein 1:1, es war ein verdammt hartes Stück Arbeit in einem Spiel, das so gar nicht nach dem Gusto der Frankfurter gelaufen ist: Ein Gegner, der viele lange Bälle spielt, tief steht und die Räume verdichtet, dazu schön auf die Socken gibt, nicht unfair, aber unerbittlich.

Da muss man dann dagegenhalten und die rechte Einstellung zum Spiel finden. Doch es ist ein Qualitätsmerkmal, solche Begegnungen eben nicht schnöde mit, sagen wir, 0:2 zu verlieren, sondern zumindest noch einen Teilerfolg zu erzwingen. Das ist Ausdruck einer gewissen Reife und Klasse.

Eintracht Frankfurt: Platz vier verdiente Platzierung

Insofern ist Rang vier, auf dem die Hessen überwintern werden, eine verdiente Platzierung, die zur erneuten Teilnahme an der Champions League berechtigen würde, wenn jetzt schon 34 und nicht erst 15 Spieltage vorüber wären. Ob sie das Niveau halten können? Das ist seriös nicht zu beantworten, niemand weiß, wie die Teams im Januar aussehen, wie die Spieler die WM verkraftet haben, ob der Flow noch da oder die Form vielleicht auf der Strecke geblieben ist. Viele Unwägbarkeiten. Trainer Oliver Glasner bleibt erfolgsbesessen: „Wir sammeln uns jetzt, um den nächsten Gipfel erreichen zu können.“

Dass sich die Eintracht da oben eingenistet hat, ist umso erstaunlicher, da sie ein enormes Pensum zu bewältigen hat. 48 Pflichtspiele in diesem Jahr, 24 seit Saisonbeginn, 13 davon in den letzten sechs Wochen. Sie hat dieses Mammutprogramm erfolgreich gewuppt. In einer kniffligen Champions-League-Gruppe hat sie sich am letzten Spieltag in Lissabon fürs Achtelfinale qualifiziert – und sie ist, das ist die hohe Kunst, auch in der Bundesliga nicht eingebrochen, sondern hat trotz der massiven Belastung das Feld von hinten aufgerollt. Das war ihr noch in der vergangenen Spielzeit nicht gelungen, da schmierte sie von Rang sechs auf elf ab.

Eintracht Frankfurt: Bochum war ein Wendepunkt

Zurzeit indes scheint es so, als käme sogar die Pause ungelegen, als sei die Energie quasi unerschöpflich. Obwohl das Team mit viel Aufwand und Intensität spielt. Und fast immer in derselben Besetzung. In dieser Hinsicht hat bei Glasner ein Lerneffekt eingesetzt, denn die krachende 0:3-Schlappe im Oktober beim VfL Bochum war so etwas wie der Wendepunkt, ein Hallo-Wach-Erlebnis. Denn damals glaubte der Coach, gleich fünf Spieler (in Hasebe, Rode und Kamada drei Korsettstangen) austauschen und die Taktik (Vierer- statt Dreierkette) verändern zu müssen. Es ging schief, seither findet Rotation nur noch in homöopathischen Dosen und Systemwechsel gar nicht mehr statt.

Die aktuelle Leistung ist umso höher zu bewerten, da der Saisonstart doch recht holprig verlief: 1:6 gegen Bayern, 1:1 gegen Hertha, 1:1 gegen Köln. Der Zauber des Europa-League-Triumphs schien verflogen, die Mühen der Ebene holte die Eintracht ein. „Eine Entwicklung nach oben verläuft immer in kleinen Wellentälern“, gibt Trainer Glasner zu bedenken und erinnert an die Umstände zu Saisonbeginn: „Wir haben 40 Prozent des Personals ausgetauscht und zehn neue Spieler in der Kabine, die mussten sich erst mal finden und einspielen.“ Zudem sei es „unruhig“ gewesen, was am späten Abgang von Starspieler Filip Kostic lag, auch Daichi Kamada (Benfica Lissabon) und Kevin Trapp (Manchester United) waren in den Fokus anderer Klubs geraten – entschieden sich aber letztlich für die Eintracht.

Kamada und Ndicka bleiben bis Sommer bei Eintracht Frankfurt

Das wird im Sommer bei zwei Leistungsträgern eher nicht mehr der Fall sein, Evan Ndicka und eben Kamada tendieren, wie die FR berichtete, stark dazu, den Verein zu verlassen. Ihre Verträge laufen aus, sie sind ablösefrei zu haben, was die Aussicht auf eine gewaltige Antrittsgage beim neuen Verein deutlich erhöht. Die Rede ist von Summen im mittleren bis hohen einstelligen Millionenbereich.

Für die Eintracht ist das sportlich wie wirtschaftlich denkbar schlecht, sie bedient sich allerdings ihrerseits in dieser Form bei anderen Klubs. Ein Beispiel: Randal Kolo Muani, der Überflieger, kam ablösefrei aus Nantes.

Eintracht Frankfurt: Keine Vorwürfe an die sportliche Leitung

Dass gerade ein Spieler wie Kamada bei seinen formidablen Leistungen in diesem Jahr und der Aussicht auf eine exorbitante Gehaltssteigerung bei einem absoluten Topklub kaum zu halten ist, liegt auf der Hand. Der aktuellen Sportlichen Führung ist da kein Vorwurf zu machen, sie hat sich sehr um die Spieler bemüht. Schon vor gut zwei Jahren hätte man die Akteure zu einer Vertragsverlängerung bewegen sollen – doch da deutete sich bereits der Abgang der damaligen Sportführung an. Die Prioritäten der handelnden Personen können sich dann schon mal verschieben.

Die Spieler werden den Verein jedenfalls nicht im Winter verlassen, und die Eintracht hat gar kein Interesse daran, jetzt einen ihrer Leistungsträger abzugeben. Sie will die sportlichen Ziele nicht gefährden. Denn gegen ein ähnliches Abschlussklassement wie die Zwischenbilanz nach 15 Spielen hätte sie nicht viel einzuwenden.

Auch interessant

Kommentare