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Beifall für die Himmelsstürmer: Eintracht-Trainer Adi Hütter hat allen Grund, zufrieden zu sein.

VfB Stuttgart - Eintracht Frankfurt

Wie einst bei Tony und Jay-Jay

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Im Stile einer Spitzenmannschaft fegt Eintracht Frankfurt durch die Liga. Das ist auch der Verdienst des Trainers Adi Hütter.

Kevin Trapp ist ein Mensch, der sich, wie er erst kürzlich sagte, „selten zufrieden gibt.“ Der Schlussmann im Frankfurter Tor ist ein Ehrgeizling, ein positiv Getriebener, einer, der sich immer hohe Ziele setzt und sie auch erreichen möchte. Im Klub genauso wie in der Nationalmannschaft. „Man will immer mehr“, sagte er, „das kann ich leider nicht abstreiten“.

Wahrscheinlich auch deshalb ist der 28-Jährige aus dem saarländischen Merzig am vorvergangenen Sonntag, nach einem 1:1 beim 1. FC Nürnberg, so aus der Haut gefahren und hat sein Team ziemlich in den Senkel gestellt („das war ungenügend“). Nun, am Freitagabend stellte sich derselbe Kevin Trapp in Stuttgart nach einer 3:0-Gala ans Flatterband und war rundherum zufrieden, mit sich, mit seinen Kollegen, mit der Welt. 

Man reibt sich die Augen in Frankfurt

Erstmals, seitdem er wieder in Frankfurt unter der Latte steht, hatte er sein Tor sauber gehalten und keinen Gegentreffer kassiert. Das hat ihn zuletzt doch arg gefuchst, „jetzt ist der Bann gebrochen“. Zum anderen war er angetan von der Vorstellung, die Eintracht Frankfurt in Stuttgart geboten hatte. „Das war eine sehr, sehr gute Leistung, sehr souverän.“ Zu kritisieren gäbe es momentan wenig, seit sieben Pflichtspielen, davon sechs Siege, sind die Hessen ungeschlagen, und ein bisschen haben sie ganz im Sinne Trapps offenbar Blut geleckt. „Wenn der Trainer zufrieden ist, sind die Spieler zufrieden“, sagte Adi Hütter, „und dann geht es in die falsche Richtung.“ Auf ihren Lorbeeren wollen sie sich nicht ausruhen, auf gar keinen Fall.

Tatsächlich reiben sich derzeit viele in Frankfurt die Augen über diese Mannschaft, die mit einer Offensivpower in die Partien geht als spielten noch Tony Yeboah, Uwe Bein, Jay-Jay Okocha und Andreas Möller mit, Stars der glorreichen 90er-Jahre. Die Eintracht des Jahres 2018 agiert neuerdings mit einer Spielfreude, die man lange nicht gesehen hat. Es geht nahezu permanent in hohem Tempo nach vorne, Angriff ist die beste Verteidigung, scheint die Devise zu sein, und doch wird die Defensive nicht vernachlässigt. Ständig wird attackiert, gestört, angelaufen, und das ganz weit vorne. Zuweilen dauert es ganze fünf Sekunden, dann ist die Kugel nach Ballgewinn im gegnerischen Netz. Stressfußball nennt das Trainer Hütter, der am Freitagabend viel Courage bewies und der Einfachheit halber (und weil Mijat Gacinovic unpässlich war) gleich die komplette Frankfurter Torfabrik zum Laufen brachte: Sebastien Haller, Luka Jovic, Ante Rebic – das neue magische Dreieck.

Es ist natürlich auch ein Ausdruck gewachsenen Vertrauens in die eigene Stärke, in einem Auswärtsspiel fast schon brutal und kompromisslos auf Sieg zu spielen, ohne Wenn und Aber und mit einer Selbstverständlichkeit, die verblüffte. Da ist nichts mehr mit verzagtem Ballgeschiebe, abwartendem Taktieren oder, wie noch im vergangenen Jahr, mit dem Fokus auf der Defensive: Visier hoch und hinein ins Getümmel, unerschrocken, aggressiv, fordernd. Mittlerweile sucht die Eintracht konsequent ihr Glück in der Offensive, spielt jetzt genau den attraktiven, schnörkellosen Angriffsfußball, für den Hütter steht und für den er auch geholt wurde.

In Stuttgart agierten die Frankfurter teilweise mit fünf Angreifern, weil auch die Außenverteidiger Danny da Costa und Filip Kostic immer wieder den Weg an die Grundlinie suchten. In der zweiten Hälfte, nach der Einwechslung von Marc Stendera für den muskulär leicht angeschlagenen Gelson Fernandes, standen genau drei gelernte Defensive auf dem Platz, die drei Verteidiger David Abraham, der wieder bärenstarke Makoto Hasebe und Evan Ndicka.

Die konsequente Ausrichtung nach vorne ist einer erstaunlichen Weiterentwicklung der Mannschaft geschuldet. Eingangs der Saison konnte Hütter diesen Angriffsfußball nicht spielen lassen, weil noch wichtige Akteure fehlten (etwa Kostic und Rebic) und die taktische Balance im Kader noch nicht stimmte. Die ist längst gefunden: „Wenn du solch drei Stürmer da vorne hast, musst du im Mittelfeld für sie die Drecksarbeit machen“, fasste Marc Stendera treffend zusammen. Inzwischen arbeiten die drei Angreifer auch fleißig nach hinten. „So stelle ich mir das vor“, sagte Hütter nach „der Klasseleistung. Es war ein anderer Wind drin“. In Stuttgart ließen die Frankfurter eine Möglichkeit der Hausherren durch Mario Gomez zu. Das war’s auch schon. Inzwischen ist die Lust am Spiel bis unters Tribünendach zu spüren. Und keine Spur von Müdigkeit.

Die Belastung durch die bislang ebenfalls außerordentlich erfolgreichen Gastspiele in der Europa League jedenfalls schüttelt das Team locker ab. „Wir machen das nicht zum Thema“, sagte Hütter. Im Gegenteil: Jeder freue sich auf die Spiele auf internationaler Bühne, nehmen sie als ein Geschenk. Und wenn dann dennoch eine gewisse Mattheit einzutreten droht, dann gibt der Fußballlehrer, wie am vergangenen Dienstag, schon mal „ruhigen Gewissens“ einen Extratag frei. „Den Tag haben wir gebraucht“, sagte Trapp. Und das Entgegenkommen des Trainers zahlte die Mannschaft mit einer Gala-Vorstellung zurück. „Es ist immer ein Geben und Nehmen“, sagte Trapp, der Trainer wisse haargenau, wie er „uns zu nehmen hat“.

Tatsächlich hat der Österreicher diese Mannschaft, nach anfänglichen Schwierigkeiten, besser gemacht. Es ist eine klare Handschrift zu erkennen, und vier Faktoren für den momentanen Höhenflug: Da ist die Ruhe, die Kevin Trapp im Tor ausstrahlt, die, zweitens nur noch getoppt wird von der des überragenden Strategens Makoto Hasebe in der Dreierabwehrkette. Drittens kommt enormer Druck über die Flügel in den Personen da Costa und vor allem Kostic, viertens die unglaubliche Wucht der torgefährlichen Drei. Das ist das ganze Geheimnis des Frankfurter Höhenflugs. 

Und schließlich ist die Mannschaft körperlich topfit. Was die Lauf- und Zweikampfwerte angeht, gehört Eintracht Frankfurt ohnehin zu den Führenden, in Stuttgart war auch die körperliche Präsenz, die physische Überlegenheit eklatant. Selbst zum Ende eines Spiels haben die Frankfurter noch ausreichend Körner. In Nürnberg fiel der Ausgleich in der Nachspielzeit, in Stuttgarter der dritte Treffer in der 89. Minute, übrigens seit langem wieder ein Tor, ohne dass der zauberhafte Dreizack in der Spitze seine Füße im Spiel hatte: Die Einwechselspieler Jetro Willems und Nicolai Müller schafften das allein. 

Nach der 0:3-Schlappe hat VfB-Manager Michael Reschke davon gesprochen, dass „Frankfurt im Stile einer Spitzenmannschaft und eine Klasse über uns“ gespielt habe. Eintracht – eine Spitzenmannschaft? Danny da Costa will „das Wort so noch nicht in den Mund nehmen.“ Noch nicht. Er glaube, man habe „eine gute Mannschaft mit Qualität, auch individuell“ beieinander. Fest steht aber auch: Mit den Qualitäten, die die Frankfurter seit fünf, sechs Wochen, im Grunde seit dem 1:1 gegen Leipzig zeigen, können sie sich im oberen Drittel festkrallen. Ohnehin geht ja inzwischen der Blick eher nach oben denn nach unten. „Wir haben immer noch Hunger“, fasste Kevin Trapp die Stimmungslage zusammen. Warum also sollte die Eintracht nicht weiter auf der Welle surfen?

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