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Eine Stadt träumt grün und weiß

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Von: Daniel Schmitt

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Tanz zwischen Genie und Wahnsinn: Nabil Fekir, Betis‘ Spielmacher.
Tanz zwischen Genie und Wahnsinn: Nabil Fekir, Betis‘ Spielmacher. © AFP

Real Betis spielt die beste Saison seit Jahren – doch reicht die Konzentration für drei Wettbewerbe? Der Franzose Fekir ragt heraus.

Sevilla ist eine bunte Stadt, mal gedecktere Farben, mal grellere, vor allem sind sie gefühlt intensiver als an so vielen anderen Orten dieser Welt. Der tiefblaue Himmel, die strahlend-goldene Sonne, die Traje de Luces, die glitzernden Lichtkleider der Stierkämpfer. Auch der Fußball.

Der FC Sevilla und Real Betis - zwei Klubs spalten eine Stadt. Die einen, die Rot-Weißen, die Nervionenses aus dem Geschäftsviertel im Osten. Die anderen, die Grün-Weißen, die Béticos aus dem Arbeiterviertel im Süden. Bemalte Parkbänke, Marktstände, Haltestelle, Hauswände - überall markieren Fans ihr Revier, vor allem wenn das derbi sevillano ansteht. So wie vor zwei Wochen, als sich wieder einmal der Favorit aus dem Osten der Stadt durchsetzte. Der FC Sevilla ist nicht nur zwei Jahre älter als Real Betis, er ist in seiner 114-jährigen Geschichte auch deutlich erfolgreicher. Real Betis Balompié, der kleine Bruder, der die Stadt nicht im offiziellen Vereinsnamen trägt, ist bereits neun Mal abgestiegen aus La Liga, dem gegenüber stehen nur drei Titel: Meister 1935, Pokalsieger 1977 und 2005. Der Klub der „stolzen Verlierer“, wie es die „Marca“ treffend titelte.

Stolz, das sind sie auf ihre Fußballer derzeit ganz besonders. Kürzlich nach dem gegen St. Petersburg erspielten Achtelfinaleinzug in der Europa League feierten die Fans bald eine Dreiviertelstunde lang nach Abpfiff im Stadion – absolut unüblich in spanischen Fußballarenen, die sich sonst binnen Minuten leeren.

Überhaupt: Das Estadio Benito Villamarin, 1929 erbaut, oft modernisiert, rund 60 000 Menschen fassend, ist die Heimat von heißblütigen Fans. Real Betis gilt landesweit als einer der leidenschaftlichsten und verrücktesten Vereine - mitunter haftet ihm auch der Makel eines Skandalklubs an. So musste erst in dieser Pokalsaison im Stadtderby nach einem Stangenwurf das Spiel abgebrochen und am nächsten Tag fortgesetzt werden.

Unterschiedsspieler Fekir

Ansonsten aber könnte die Stimmung kaum besser sein. Zwar ist der Europa-League-Gegner von Eintracht Frankfurt an diesem Mittwoch (18.45 Uhr/RTL+) am Wochenende durch ein 1:3 gegen Topteam Atletico Madrid in der heimischen Tabelle auf Rang fünf abgerutscht, alles in allem aber sind die Andalusier die Saisonüberraschung des spanischen Fußballs. Die Qualifikation für die Champions League ist weiterhin möglich, und erst vergangene Woche machte die Mannschaft von Trainer Manuel Pellegrini den Finaleinzug im nationalen Pokal perfekt. Ein Tanz auf drei Hochzeiten also, der dem Team viel Selbstvertrauen bringt. Einerseits. Andererseits kostet er Kräfte und Konzentration. Die beiden Duelle gegen die Eintracht, eigentlich absolute Höhepunkte für Betis, verloren zuletzt zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung an Bedeutung.

Pellegrini, einst bei Manchester City und Real Madrid, steuert bewusst dagegen, hebt die Bedeutung des Europapokals hervor, pusht seine Mannschaft, die er zu einer erstaunlichen Einheit geformt hat. Eine, die auf ihren erfahrenen Trainer, 68, el ingeniero, den Ingenieur (in Anlehnung an dessen Studium des Bauingenieurwesens), hört, die ihm vertraut, ihm folgt. Der zerzaust wirkende Chilene ist keiner für große Gesten, er agiert sachlich, manchmal fast unangenehm nüchtern in Momenten der kollektiven Ekstase, und er ist jener Trainer mit der besten Siegquote in der Klubgeschichte.

Die Mannschaft verbindet Ballbesitzfußball mit Überfallspiel. Verschnörkelt und schnell. Den Gegner locken und dann zuschlagen. Wenn man so will: wie beim Stierkampf. Es ist ein typischer Spielstil für Teams aus Sevilla, auch der FC agiert ähnlich. „Auf Basis des Spielstils hat sich eine Gemeinschaft zwischen Fans und Spielern gebildet“, sagt Pellegrini.

Der, der auf dem Platz oft den Unterschied macht, ist Nabil Fekir, Weltmeister von 2018. Der französische Spielmacher, der im Grunde gar nicht bei Betis das Spiel machen dürfte. Warum nicht? Er ist zu gut, zumindest manchmal. An diesen Tagen dann ist der 28-Jährige ein begnadeter Kicker, ein Gefühlsfußballer, der Gegenspieler und ganze Mannschaften mit nur einer Finte ins Leere laufen lassen kann, der Tore vorbereitet und schießt, manchmal sogar von der Eckfahne, der in Madrid, Liverpool oder Turin sein Geld verdienen könnte. An anderen Tagen aber hat er keine Lust, er wirkt dann jedenfalls so, verliert gefühlt alle Zweikämpfe, träumt vor sich hin. Dann ist selbst Betis zu groß für ihn.

Pellegrini ist es gelungen, nicht nur bei Fekir, sondern dem gesamten Team, einem aus früh Gescheiterten und spät Erweckten, taktische Ordnung mit fußballerischer Kunst zu verbinden. So heißt es: Sevilla ist bunt, derzeit grün-weißer denn je.

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