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Verlierer im Glitterregen: Eintracht Frankfurts Spieler nach dem Schlusspfiff in Berlin.

Eintracht Frankfurt

Eine Saison der verpassten Gelegenheiten

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Für Eintracht Frankfurt wäre nicht nur im DFB-Pokalfinale mehr drin gewesen, der Trainer spricht dennoch vom "Maximum".

Irgendwie ist nie Schluss unter Trainer Niko Kovac. Auch nicht nach dem Pokalfinale. Und so treffen sich Spieler und Staff von Eintracht Frankfurt am heutigen Montag noch einmal im Stadtwald an der WM-Arena – zur Abschlussbesprechung. Es gibt einiges aufzuarbeiten, die individuellen Trainingspläne für den Urlaub wollen verteilt sein, ein Resümee wird zu ziehen sein, und dann wird endlich ein Schlussstrich unter eine Saison gezogen werden, die sich ganz schwer einordnen lässt. War sie gut, weil Eintracht Frankfurt nichts mit dem Abstieg zu tun gehabt und eine ruhige Runde gespielt hatte mit der Krönung eines (verlorenen) Pokalfinales am Ende? Oder war sie wenige gut, weil Eintracht Frankfurt zum Schluss mit leeren Händen dasteht? Platz elf, kein Pokal, keine Europa League, nicht Fisch, nicht Fleisch.

„Das war das Maximum, mehr war nicht drin“, fasste Trainer Niko Kovac aus seiner Sicht eine Saison zusammen, die er als „äußerst gut“ umschrieb. Sie habe „Hunger auf mehr“ gemacht. „In der heutigen Gesellschaft geht es nur um höher, schneller, weiter, aber wir müssen auch mal innehalten. Wir werden nicht rumspinnen, sondern mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben.“

Und doch liegt die Vermutung nahe, dass deutlich mehr möglich gewesen wäre in diesem Jahr – auch wenn man seine Zielvorgabe erfüllt hat. Es wäre mehr drin gewesen in diesem Endspiel, in dem „wir auf Augenhöhe mitspielen konnten“, wie Vorstand Axel Hellmann am frühen Morgen beim Bankett in einem Berliner Hotel sagte, und es wäre in der Bundesliga, im Brotgeschäft, mehr drin gewesen. Selbst nach diesem verkorksten Jahr 2017, in der es Eintracht Frankfurt schaffte, elf von 18 Spielen zu verlieren, wäre noch ein Happy End möglich gewesen – es hätte allein gereicht, die letzten Begegnungen gegen Wolfsburg und Mainz (bei eigener 2:0-Führung) zu gewinnen und die Hessen wären als Tabellensiebter im kommenden Jahr international dabei. Das ist jetzt der zweite Aufsteiger, der SC Freiburg. Für Eintracht Frankfurt war es somit auch eine Saison der verpassten Gelegenheiten.

Der Einbruch, der einer hohen Zahl an Verletzten, Sperren sowie mangelnder Form einiger Leistungsträger geschuldet war, hat Eintracht Frankfurt zudem Millionen gekostet. Der Klub hat drei Plätze im TV-Ranking verloren, muss mit sieben Millionen Euro weniger kalkulieren als geplant. Der Personaletat wird sich bei 41, 42 Millionen Euro einpendeln, für Neuverpflichtung stehen zwischen 13 und 15 Millionen Euro zur Verfügung, sechs sind bereits für die Verpflichtung von Sebastien Haller (FC Utrecht) ausgegeben, zudem kommt Luca Jovic (Benfica Lissabon).

Immerhin hat der Pokal knappe zehn Millionen Euro in die Kasse gespült, allein als Verlierer kassierten die Hessen 3,3 Millionen Euro. Dazu hat die Eintracht in Berlin endlich einen neuen Hauptsponsor gefunden, es ist ein ausländisches Unternehmen. Der Name des Konzerns soll in den nächsten Tagen öffentlich werden, wann, entscheidet der neue Hauptsponsor. „Wir sind uns in Berlin in allen Punkten einig geworden“, sagte Hellmann zufrieden.

Doch wird es für die neue Saison erneut einen Umbruch geben? „Ich will nicht sagen, wir fangen bei Null an“, erklärte Kovac, aber ein neues Gesicht wird die Mannschaft schon bekommen. Haris Seferovic (Benfica Lissabon), Heinz Lindner, Shani Tarashaj, Michael Hector und Guillermo Varela werden den Klub definitiv verlassen, bei den beiden Leihspielern Jesus Vallejo und Ante Rebic ist das noch nicht sicher. Rebic hat mit seinem Pokaltor seinen Wert unterstrichen, ihn müsste die Eintracht für knapp drei Millionen vom AC Florenz auslösen. „Wenn er sein Potenzial abruft, ist er für jede Mannschaft eine Bereicherung“, sagte Kovac. Im Falle von Vallejo, der Real Madrid gehört, sind der Eintracht die Hände gebunden, bei Slobodan Medojevic soll in dieser Woche eine Entscheidung fallen. Dazu soll versucht werden, den im Finale nicht eingesetzten Marius Wolf noch ein Jahr von Hannover 96 auszuleihen, Wolf selbst möchte einen Dreijahresvertrag.

Schließlich ist da noch die Personalie Lukas Hradecky. Der Finne, der sich nach dem Finale erklären wollte, sagte nun, er kehre nach seinem Urlaub zurück nach Frankfurt. Die Eintracht freilich will schnellstmöglich Klarheit über seine Zukunft: Entweder der 27-jährige Torhüter verlängert seinen 2018 auslaufenden Vertrag oder er wechselt gegen eine hohe Ablösesumme den Arbeitgeber. Dass die Hessen ähnlich verfahren wie bei Haris Seferovic, der ablösefrei gehen konnte, wird es nicht geben. Sollte Hradecky, der nahezu eine Verfünffachung seines Gehaltes fordert, das neue Vertragsangebot der Eintracht ausschlagen, würde ihm, wie es intern heißt, die Tribüne drohen.

Ansonsten suchen die Hessen personelle Verstärkungen in allen Mannschaftsteilen, vor allem im Mittelfeld, auch weil offen ist, wann Omar Mascarell, Makoto Hasebe oder auch Marc Stendera wieder im Vollbesitz ihrer Kräfte sind. Auch dieses Mal wird Eintracht Frankfurt wieder Fantasie entwickeln müssen, wie Vorstand Fredi Bobic sagte, um das Team konkurrenzfähig zu machen. Zumal die Bundesliga durch die Aufsteiger VfB Stuttgart und Hannover 96 noch einmal an Qualität gewonnen hat. „Die Ansprüche steigen immer mehr. Aber nach Platz elf sagen wir jetzt nicht: Wir werden Fünfter“, sagte Kovac vorausblickend. Sicher ist nur: „Wir werden genauso arbeiten wie zuletzt.“

Gut vier Wochen haben die Eintracht-Profis nun Urlaub, zumindest die meisten. Einige haben noch internationale Verpflichtungen. Hradecky etwa, auch Marco Fabian (Confed-Cup), Taleb Tawatha oder Mijat Gacinovic, der erst mit Serbiens A-Team spielt und dann die EM mit der U21 bestreitet. Das Endspiel wird am 30. Juni angepfiffen. Zwei Tage vorher wird der Ball auch bei der Eintracht wieder rollen, eine Woche später geht es für die Mannschaft auf den zweiwöchigen Trip durch die USA. Daran schließt sich noch ein Trainingslager im österreichischen Gais an.
Die sportliche Leitung wird ein paar Tage länger in Frankfurt bleiben. „Ich werde nicht morgen verschwinden“, sagte Kovac. „Wir werden viele Sachen durchsprechen müssen.“ Im vergangenen Jahr waren die Kovac-Brüder, Bobic und Sportdirektor Bruno Hübner in Salzburg in Klausur gegangen und hatten die Saison geplant. Auch dieses Mal müssen Weichen gestellt werden. Richtungsweisende.

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