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Gab viele Jahre bei der Eintracht die Richtung vor: Friedhelm Funkel.

Eintracht Frankfurt

Eine neue Ära

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Weil Ralf Rangnick sich zu schade war, das Eintracht-Team zu übernehmen, durfte Friedhelm Funkel eine furiose Aufholjagd starten. Teil sieben der FR-Serie.

Weil Ralf Rangnick sich zu schade war, das Eintracht-Team zu übernehmen, durfte Friedhelm Funkel eine furiose Aufholjagd starten. Teil sieben der FR-Serie.

Als Friedhelm Funkel ganz locker mit einer dunklen Sonnenbrille in den Haaren zu seiner Vorstellung bei Eintracht Frankfurt schlenderte, war es nicht so, dass er von allen mit offenen Armen empfangen worden wäre. Die Fans waren gespalten, und auch nicht alle Reporter fanden die Lösung Friedhelm Funkel prickelnd oder stilprägend innovativ. Bis heute legendär ist eine SMS, die ein ganz besonders entsetzter Journalist damals versandt hat. „Wieso immer den schlechtesten, phantasielosesten Vogel, der unter Fußball einbetonieren versteht? Wie kann man erst Rangnick wollen und dann Funkel nehmen? Gegen den war der Willi ja ein Offensivkünstler, Funkel ist von allen Lösungen die schlechteste. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Herzlichen Glückwunsch, Herr Bruchhagen.“
Gut fünf Jahre später herrschte andächtige Stille im Presseraum tief unten im Bauch der WM-Arena, als sich Friedhelm Funkel nach einem halben Jahrzehnt mit bewegenden Worten verabschiedete. Am Ende klopfte das Auditorium wie im Hörsaal auf Holz. Voller Anerkennung. Friedhelm Funkel hatte Spuren und Eindruck hinterlassen, er krabbelte in Frankfurt aus den Schubladen, in denen er fest steckte und in die er auch heute wieder zurückgestopft wurde. Friedhelm Funkel und Eintracht Frankfurt – das war Liebe auf den zweiten Blick.
Dass Funkel damals, 2004, tatsächlich auf die Kommandobrücke des gerade abgestiegenen Traditionsvereins kletterte, war der Absage von Ralf Rangnick zu verdanken, der, wie er mal der FR sagte, den Job ausschlug, weil er keine Entscheidungsgewalt über das Leistungszentrum und die U23 haben konnte. „Ist das dein Ernst, Heribert“, habe er Vorstandsboss Bruchhagen gefragt. Der nickte nur. In Wahrheit hat es sich Rangnick nicht zugetraut, mit dem geringen Budget und der gerade abgestiegenen Mannschaft den direkten Wiederaufstieg zu packen. „Das Traineramt bei der Eintracht ist für mich ein zu großes, nicht kalkulierbares Risiko“, räumte er ein.

Schurs gestrecktes Bein

Friedhelm Funkel also. Der Rheinländer war die B-Lösung, die zweite Wahl. Aber das scherte den Fußballlehrer nicht die Bohne, dazu ist er zu realistisch, zu unprätentiös, zu fokussiert. Funkel war heiß darauf, sich bei einem großen, stolzen Traditionsverein zu beweisen, für ihn war die Eintracht eine ziemlich gute Chance, sieben Monate nach der Entlassung beim 1. FC Köln. Und auch der von Bruchhagen auferlegte Sparzwang ließ ihn nicht zweifeln.
Er setzte er auf junge Spieler wie Patrick Ochs, Christopher Reinhard, Markus Husterer, Du-Ri Cha, Benjamin Köhler oder Alex Meier (damals 21) und ließ sie an der Seite von gestandenen Profis wie Alex Schur, Arie van Lent, Torben Hoffmann oder Markus Weissenberger wachsen. Das klappte anfangs ganz ordentlich, aber nach ein paar Spielen stotterte der Motor, es kamen Dissonanzen im Umgang hinzu. Heribert Bruchhagen etwa ließ nach dem 0:3 in Saarbrücken Dampf ab und stellte Kapitän Alexander Schur an den Pranger, weil dieser die Niederlage mit einer Gelb-Roten Karte nach nur 23 Minuten maßgeblich zu verschulden hatte. „Ich sehe Schur immer wieder mit gestrecktem Bein. Das kommt dann dabei raus“, meckerte Bruchhagen. Auf Schur, die Identifikationsfigur, war er sowieso nicht gut zu sprechen, weil er sich unter Druck gesetzt fühlte und sich getrieben sah von der Öffentlichkeit. Das ist für Bruchhagen so ziemlich das Schlimmste. Sogar Bürgermeister Achim Vandreike habe ihn dazu gedrängt, Schurs Vertrag zu verlängern. Bruchhagen knickte ein.
Die Hessen stürzten auch mit Alex Schur ab. Im Oktober begann ein erschreckender Sinkflug: 1:2 gegen 1860 München, 1:2 in Fürth, 2:3 gegen Ahlen und 0:2 in Unterhaching. Gerade die Pleite in Unterhaching ließ die Alarmglocken schrillen. Und da kamen auch erste Zweifel an Funkel auf, denn der Trainer hatte nach den Wochen der Dürre ein Zeichen setzen wollen: Er beorderte Patrick Ochs, Alex Meier und Arie van Lent auf die Bank, ließ Jens Keller einen Libero alter Prägung spielen, stellte den blutjungen Marco Russ in seinem ersten richtigen Profispiel in die Innenverteidigung – ausgerechnet gegen das mit allen Wassern gewaschene Schlitzohr Francisco Copado, und im Sturm durfte der längst als untauglich enttarnte Nico Frommer sein Glück versuchen. Das konnte eigentlich nur schiefgehen. Es ging auch schief. Der lange schwer verletzte Keller kam mit dem Tempo nicht klar, Copado fuhr mit Russ Schlitten (und machte beide Tore) und Frommer berührte den Ball ungefähr viermal. „Zum ersten Mal in dieser Saison hat mich meine Mannschaft richtig enttäuscht“, sagte Funkel. „Das ist nicht die Eintracht, die ich kenne.“

Sie war auf Platz 14 abgerutscht, Rat- und Hilflosigkeit machte sich breit, die ersten Fragen nach Funkels Zukunft wurden gestellt. Die Eintracht schien vor dem freien Fall – und weit und breit niemand in Sicht, der ihn hätte stoppen können. Es folgte das Knackspiel der Saison, Freitagabend, 19 Uhr, gegen Erzgebirge Aue, 16400 Zuschauer auf der Baustelle Waldstadion. Arie van Lent war es, der die Frankfurter mit zwei Toren erlöste und für die Wende sorgte. Die Eintracht blieb in den darauffolgenden sechs Spielen ungeschlagen, nach dem 3:0 in Burghausen am letzten Vorrundenspieltag hatten sich die Hessen auf Rang fünf geschoben, immer noch stattliche acht Zähler hinter dem dritten Aufstiegsplatz, auf dem Greuther Fürth rangierte. Funkel saß fest im Sattel, die Mannschaft folgte ihm, das Team hatte sich berappelt. „Wenn wir unsere Chance kriegen, wollen wir da sein“, formulierte der Coach.

Eine neu Ära

Im Wintertrainingslager an der Algarve straffte Funkel die Defensive, die auch Verstärkung bekommen hatte, aber was der Eintracht da für ein entscheidendes Schnäppchen gemacht hatte, war noch nicht abzusehen: Aleksandar Vasoski hieß der Mann, der zur Mannschaft stieß. Der Mazedonier war der echte Titan, ein Mann aus Eisen, der überall ganz feste hin trat, wo es ganz besonders wehtat. Ein Glücksgriff.
Die Eintracht kam mit einem 1:0 gegen den Vierten aus Aachen aus der Winterpause, auch die anderen Spitzenteams aus Fürth und Köln wurden knapp, aber stets souverän mit 1:0 geschlagen, man spürte, da ist was zusammengewachsen. Hinten schaffte es der überragende Markus Pröll, ohne einen einzigen Fehler durch die gesamte Saison zu kommen, vorne traf irgendwann sogar Du-Ri Cha, der wegen seiner so herrlichen Fehlbarkeit zum Publikumsliebling avancierte. Alex Meier deutete damals schon an, welch herausragender Spieler er mal werden würde. Und ganz vorne traf Arie van Lent immer dann, wenn es wichtig wurde, insgesamt 16-mal. Nur einmal, in der Hinserie, schoss er am leeren Tor vorbei, das war in Essen beim spektakulären 4:4, aber dieses Spiel bleibt letztlich in Erinnerung, weil die Eintracht-Fans sich darauf besannen, das halbe Stadion an der Hafenstraße zu zerlegen. Ganz toll.
Die furiose Aufholjagd spitzte sich zu, und gerade in den für besonders knifflig gehaltenen Duellen im Osten schlug die Eintracht endgültig Kurs Richtung Oberhaus ein. Nach dem 5:0 in Aue am 29. Spieltag eroberten die Frankfurter erstmals Platz drei, auch in Erfurt und in Cottbus (Dreierpack Alex Meier) behielten sie die Oberhand, am letzten Spieltag machte ein 3:0 über Burghausen die Rückkehr in die Bundesliga und eine fette Sause im Beachclub am Osthafen perfekt.
Friedhelm Funkel war der Vater des Erfolges, er hatte Nerven und Ruhe bewahrt, er realisierte die Bundesligarückkehr, die sich ein anderer nicht zugetraut hatte. Er leitete eine neue Ära ein, die Funkel-Jahre.
Der Absender der SMS vom 9. Juni 2004 war übrigens schnell umgeschwenkt, als „Funkel-Freund“ wird er noch heute ab und an bezeichnet.
Lesen Sie im nächsten Teil: Die Eintracht auf Europa-Tournee.

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