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So geht Eintracht im Herbst 2018: Gelson Fernandes (rechts) und Jonathan de Guzman (Mitte) mit vereinten Kräften gegen Caiuby.

FC Augsburg - Eintracht Frankfurt

Eine ganz heiße Nummer

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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
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Wohin führt der Weg der furiosen Eintracht? Vielleicht sogar in die Champions League.

Das Grinsen im Gesicht von Bruno Hübner war fast eingefroren, es wollte gar nicht mehr weichen, so oder so ähnlich muss es aussehen, das berühmte Honigkuchenpferd. Der Sportdirektor der Frankfurter Eintracht, so schien es, würde gleich jeden einzelnen Reporter zum Abschied noch herzen, jene Journalisten, die er vor einigen Monaten nach dem blamablen Pokalaus in Ulm mit bebender Unterlippe angiftete und am liebsten auf den Mond geschossen hätte. Am Samstag, nach dem neunten Sieg im zehnten Pflichtspiel, sagte der freudig erregte Manager: „Wir haben so viel Wucht, Power und Euphorie, das ist beeindruckend.“ Und weiter: „Wenn wir unser Potenzial abrufen, ist es schwer, gegen uns zu spielen.“ Und so generell: „Wir wollen so lange wie möglich oben bleiben, aber das wird nicht einfach.“ Einfach nicht, unmöglich aber auch nicht. 

Eintracht Frankfurt greift momentan nach den Sternen, hat sich in der Spitzengruppe der Bundesliga eingenistet und auf einen Champions-League-Rang geschoben, auch in der Europa League eilen die Hessen von Sieg zu Sieg. Es ist eine erstaunliche, fast schon beängstigende Entwicklung, die kein Mensch mit halbwegs gesundem Verstand vor zwei Monaten zu prophezeien gewagt hätte. Die alles überlagernden Fragen lauten: Wo sind die Grenzen? Wo soll das alles enden? 

Die Verantwortlichen sind hin- und hergerissen, natürlich geben sie keine neuen Ziele aus, weshalb sollten sie? Aber sie spüren und sehen, zu was diese Mannschaft fähig ist, sie bremsen das Team daher nicht, lassen es laufen, die Spieler sollen die Welle surfen, so lange sie nicht bricht. Aber wird sie das überhaupt? „Es ist etwas Tolles, etwas Besonderes“, sagt Trainer Adi Hütter und schränkt sogleich ein: „Wir können es aber einordnen, wir wissen, wo wir herkommen.“ 

Nach einem guten Drittel der Saison lässt sich noch immer nicht sagen, wohin die Reise letztlich führen wird, dazu ist die Runde noch zu lang, dazu gibt es viel zu viele Unwägbarkeiten, die jetzt vielleicht noch gar nicht absehbar sind. Doch klar ist, dass der Siegeszug kein Zufall ist, eher das Gegenteil davon. Die Eintracht steht zu Recht weit oben, sie ist eine ganz heiße Nummer, zurzeit sicher die aufregendste Mannschaft der Bundesliga. Sie ist in aller Munde, wird wahrgenommen und wertgeschätzt, sie rockt die Liga, pflügt in wildem Ritt hindurch durch die Premiumklasse. Wenn von Dortmund-Verfolgern die Rede ist, fällt in der Branche der Name Eintracht, selbst BVB-Coach Lucien Favre hat die Frankfurter als Konkurrent auf dem Zettel, und es ist ernst gemeint. 

Hat die Eintracht also das Zeug dazu, in diesen Sphären zu bleiben? Das hängt von vielen Faktoren ab, etwa, ob die Leistungsträger ihre herausragende Form konservieren können, wie das Team mit Rückschlägen umgehen und wie es auftreten wird, wenn sich das Selbstvertrauen nicht mehr auf dem Maximallevel einpendelt, sondern im Normalbereich. Natürlich spielt auch die körperliche Unversehrtheit eine Rolle, sollten einige Führungskräfte, etwa Makoto Hasebe oder ein, zwei Mann aus der gefürchteten Büffelherde im Sturm, längerfristig ausfallen, wäre das eine Schwächung, die das Ensemble kaum auffangen könnte. Der Kader ist nämlich nicht so austariert, dass die Hinterbänkler dieses Niveau halten würden. Schon jetzt hat Trainer Adi Hütter einen Stamm von 15, 16 Spielern, dem er vertraut – zuletzt wechselte er selbst seine erste Elf nur sporadisch und in homöopathischen Dosen. Nicht ohne Grund: Die zurzeit aufgebotene Startformation ist einfach die beste, die Spieler passen wie die Faust aufs Auge zueinander, jeder weiß, was er zu tun hat. Und es wird entscheidend sein, dass die Eintracht auch mal halbwegs unbeschadet durch die Rückrunde kommt. In den vergangenen beiden Spielzeiten brachen die Hessen regelmäßig ein, das hatte allerdings auch seine Gründe: Ex-Coach Niko Kovac steuerte das Training und die Belastungen nicht so, dass die Mannschaft frisch genug gewesen wäre, er powerte seine Spieler auch mental aus. Das ist bei Adi Hütter anders, er hat bisher die rechte Dosierung, Ansprache und Balance gefunden. Topfit ist seine Mannschaft dennoch, in fast jedem Spiel sprinten seinen Akteure mehr als die des Kontrahenten. 

Und es wird davon abhängen, ob die Frankfurter Kampfeinheit ihre Mentalität und Bereitschaft in dieser Form bewahren kann, denn wenn sie etwas weniger investiert, als sie eigentlich investieren könnte, könnte sie auch Schiffbruch erleiden. „Das haben wir in Nürnberg und auch jetzt in Augsburg für 30, 40 Minuten gesehen“, sagte Mittelfeldarbeiter Gelson Fernandes: „Wir müssen ganz konzentriert sein, sonst sind wir eine normale Mannschaft.“ Der Umkehrschluss liegt dann aber ebenfalls auf der Hand. 

Eine europäische Vision kann die Eintracht für die kommende Saison durchaus entwerfen, es wäre nun nicht die große Überraschung, wenn sie am Ende unter den ersten Sechs einlaufen würde. Selbst der Sprung hinauf in die Königsklasse scheint nicht illusorisch. Eine Champions-League-Teilnahme wäre der ganz große Coup, da würden sich mit einem Schlag ganz andere Möglichkeiten auftun. Finanziell sowieso. Die Königsklasse überstrahlt alles, absorbiert den Glanz und wird entsprechend bezuschusst. Die Uefa schüttet viermal mehr Geld als für die Europa League aus, insgesamt sage und schreibe 2,04 Milliarden Euro, jeder Starter erhält 15,25 Millionen Euro fix, pro Sieg winken 2,7 Millionen. Die Eintracht könnte mit Einnahmen in Höhe von rund 30 Millionen Euro rechnen. Das wäre ein Quantensprung und ein absoluter Wachstumstreiber. 

Und auch für das Prestige wäre das von großem Wert: Die Möglichkeit, die Mannschaft zusammenzuhalten und sie entsprechend zu verstärken, würde um ein Vielfaches steigen. Schon jetzt, nach dem Pokaltriumph und der Qualifikation für die Euro League, hat die Eintracht in ganz anderen Gewässern mit dickeren Fischen angeln können. 

Das alles ist, natürlich, Zukunftsmusik, doch wie sagte Jetro Willems: „Träumen dürfen wir.“ 

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