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Gnadenlos: In der letzten Saison war es höchst unangenehm, gegen Eintracht Frankfurt zu spielen.

Eintracht Frankfurt

Eine Frage der Härte

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Wie sich das Spiel der Frankfurter Eintracht verändert hat, seit Niko Kovac das Weite suchte. Eine Analyse.

Nach dem vergangenen Wochenende ploppte in der Bundesliga das auf, was ruckzuck die „Freiwild-Debatte“ genannt wurde. Niko Kovac, einst in Frankfurt und nun in München an der Seitenlinie, hatte sich darüber echauffiert, dass seine Bayern-Stars von den tumben Gegenspielern ohne Rücksicht auf Verlust umgenietet würden. „So langsam reicht es mir. Wir haben den dritten Spieltag, und ich habe das Gefühl, dass wir Freiwild sind“, polterte der Kroate. 

Die Hoffenheimer hätten am ersten Spieltag eine ebenso raue Gangart an den Tag gelegt wie zuletzt auch Bayer Leverkusen. Das Gezeter hat in erster Linie damit zu tun, dass der Leverkusener Karim Bellarabi den Münchner Rafinha – tatsächlich rücksichtslos in die Hacken trat, was für den Brasilianer eine längere Verletzungspause nach sich zog und für Bellarabi neben der fälligen Roten Karte samt vierwöchiger Sperre auch noch einen Rüffel der ganz besonderen Art von Obermotzki Uli Hoeneß einbrachte: „Geisteskrank.“ Ist klar. 

Nun ist es müßig darüber zu streiten, ob die Bayern härter angegangen werden als früher, was sich anhand der Zahlen zumindest nicht belegen lässt. Aber interessant ist das Lamento deshalb, weil es gerade von Niko Kovac vorgebracht wurde. Der 46-Jährige hat seine Mannschaft, als er noch in Frankfurt tätig war, nämlich zu einer brettharten Kampfeinheit geformt, einer Truppe, die sich nichts gefallen ließ, die nicklig und eklig zu bespielen war, die sich oft an der Grenze oder auch darüber hinaus bewegte. 

Es war das Markenzeichen der Frankfurter Mannschaft, und als sein Team dann irgendwann in die Ecke gedrängt und als „Tretertruppe“ abgestempelt wurde, da wurde er gar fuchsig,der Herr Kovac: „Ich möchte das klarstellen, vor allen Dingen für die Medien, die das alles potenzieren: Wenn wir der Meinung sind, dass wir lieber Basketball spielen wollen, dann können wir alle in die Basketballhalle gehen. Ich möchte Eintracht Frankfurt nicht als Tretertruppe Nummer eins abstempeln lassen. Das ist eine Frechheit, das lasse ich so nicht gelten.“

Drei Spielzeiten als Schlusslicht der Fairplay-Tabelle

Ein wild um sich holzendes Ensemble hatte sich Kovac wirklich nicht zusammengebaut, aber eben doch ein sehr unangenehm spielendes. In Kovacs Amtszeit (8. März 2016 bis 30. Juni 2018), das hat der „Kicker“ errechnet, foulte keine Mannschaft häufiger als seine, 15,4-mal pro Spiel. Die letzten drei Saisons beendete die Eintracht immer als Schlusslicht der Fairplay-Tabelle, der Abstand zum Vorletzten war nicht mal klein, und natürlich sammelten die Frankfurter auch die meisten gelben Karten. 72 in der zurückliegenden Saison, 83 in der Runde zuvor und 90 in der Spielzeit 2015/16. Macht insgesamt 245. Das ist kein Zufall. Unter Kovacs Nachfolger Adi Hütter sind es bisher erst deren vier Verwarnungen – nur Bayern (1), Dortmund (2), Gladbach, Augsburg und Freiburg (je 3) sahen noch weniger Gelbe Karten. 

Dass die Eintracht aktuell dennoch auf Platz 15 der Fairnesstabelle liegt, ist der Roten Karte für Jetro Willems geschuldet, die aber eher der Rubrik tölpelhafte Unbeherrschtheit und weniger einer generell harten Gangart zuzurechnen ist. Auch in der Europa League flog Willems prompt vom Platz. Nicht sehr clever. 

Interessant ist überdies ein Blick auf die Statistik der Fouls, die Eintracht kommt da bislang im Schnitt auf 9,7 Vergehen pro Spiel – deutlich weniger als in der Vergangenheit. 

Ob sich daraus ein genereller Trend ableiten lässt, werden die nächsten Spiele weisen. Aber klar scheint, dass Trainer Hütter seine Mannschaft nicht zu einer derart harten und scharfen Gangart anhält, sondern eher gemäßigter ins Spiel schickt. Das ist per se nicht schlecht, dreimal hintereinander das unfairste Team der Liga zu sein, ist weder Zufall noch ein Ruhmesblatt. Es zeigt aber auch, dass ein System, eine Methode dahinter steckte. 

Mit der war Niko Kovac erfolgreich. Zwar konnte seine Mannschaft diese Art des Fußballs, der stark auf Körperlichkeit ausgerichtet war, nicht über ein ganzes Jahr durchziehen, weil die Akkus irgendwann an Saft verloren haben und auch die mentale Beanspruchung einfach zu groß und massiv war. Das hatte zur Folge, dass die Spieler im Schlussspurt oft ausgequetscht erschienen und die Mannschaft in der letzten Saisonhälfte jedes Mal einbrach – daran ändert auch der fulminante Pokalsieg nichts, der ja unter völlig anderen Bedingungen in einem einzigen großen Finale errungen wurde. Grundsätzlich hat der gestrenge und extrem ehrgeizige Fußballlehrer Kovac sein Team nach vorne gebracht und weiterentwickelt – eben mit seinen Mitteln, die vielleicht nicht immer zur feinen englischen Art zählten, aber eben doch zweckmäßig waren und auch auf sein Team gepasst haben. 

Härte mag Rasenballsport Leipzig nicht

Als Paradebeispiel für diese Art des Fußballs kann sehr wohl das letzte Aufeinandertreffen gegen Leipzig in Frankfurt herhalten, das war im Februar dieses Jahres, als die Eintracht ihre ganzen Kovac-Urtugenden in den Ring warf. „Die Frankfurter“, schrieb die FR damals, „haben eine brachiale Vollgasveranstaltung auf den Rasen gebracht, dieses Spitzenspiel auch deshalb gewonnen, weil sie all ihren Willen, ihre Leidenschaft und Hingabe in den Ring warfen. Sie haben den keinesfalls enttäuschenden Kontrahenten förmlich erdrückt, ihn zermürbt und einfach nicht mehr locker gelassen, bis er ausgeknockt am Boden lag.“ Trainer Kovac räumte ein: „Wir sind an die Grenze gegangen, wir wollten Leipzig besiegen.“ Die Hessen hatten die Sachsen, wie es im Fußballjargon oft heißt, aufgefressen, sie gejagt und schließlich zu Fall gebracht. Ein probates Mittel gegen RB, eine solche Herangehensweise mögen die Jungs von Trainer Ralf Rangnick gar nicht, das behagt ihnen nicht. 

Ist die Eintracht auch jetzt, in Zeiten des Umbruchs und mit der Europapokalbelastung in den Knochen, zu einer ähnlichen Darbietung fähig? Kann Trainer Hütter sein Team zu einer solchen Extrem-Leistung anstacheln? Gerade nach dem kräftezehrenden Spiel in Marseille, das aber durch den unerwarteten 2:1-Sieg zumindest mental Rückenwind geben sollte. Und: Bei der Niederlage der Leipziger gegen den RB-Ableger aus Salzburg war auch wieder zu erkennen, wie anfällig die Sachsen in der Defensive sind, wenn sie entsprechend beschäftigt werden. 

Adi Hütter wird, wie vor jedem Spiel, mit aller Akribie nach dem Masterplan suchen, um die Leipziger zu knacken. Der Österreicher ist sehr gewissenhaft und versucht, seine Mannschaft durch kleine Schritte in die Richtung zu lenken, die er für die richtige hält. Mit jedem Sieg wird die Überzeugung wachsen – egal, ob auf europäischem oder nationalem Geläuf. 

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