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Der Frankfurter Marius Wolf (r) freut sich über das Tor zum 2:2 mit Mannschaftskamerad Sebastien Haller.

Eintracht Frankfurt

Eine Eins mit Sternchen

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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
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Eintracht Frankfurt sorgt gegen den BVB für ein wildes Spektakel und darf sich als moralischer Sieger fühlen.

Der Frankfurter Trainer Niko Kovac ist keiner, der ein Spiel kommentarlos auf seiner Trainerbank sitzend verfolgt. Das macht er nicht bei ganz normalen Spielen, und das hat er natürlich auch nicht bei diesem ganz besonderen Spiel gegen Borussia Dortmund gemacht. Einem Spiel voller Klasse und Rasse, das hin und her wogte und an den Nerven zerrte. Unablässig marschierte er in seiner Coachingzone umher, diskutierte mit dem Vierten Unparteiischen, gestikulierte, schimpfte, trieb an, verzweifelte. „Ich bin keiner, der einfach so dasitzt. Wenn ich das tue, dann könnt ihr mich in den Ruhestand schicken“, sagte er.

Dieses 2:2 (0:1) zwischen Eintracht Frankfurt und Borussia Dortmund war tatsächlich jenes „Fußballfest“, auf das Eintracht-Vorstand Axel Hellmann nach dem Last-Minute-Sieg in Hannover gehofft hatte. Es war ein wildes, packendes Spiel zweier Mannschaften, die ihr Heil in bedingungsloser Offensive suchten, die nach einer kurzen Abtastphase scheinbar alle taktische Zwänge über Bord geworfen hatten und Torchance auf Torchance produzierten. „Wahnsinn, wie viele Möglichkeiten wir hatten“, staunte Sportvorstand Fredi Bobic, „alles oder nichts“ hätten beide Teams gespielt. „Das war einen Schlacht bis zur letzten Sekunde“, sagte Eintracht-Kapitän David Abraham bei der Analyse mit rotem Kopf. Nicht nur er war „stehend k.o.“ nach dem Abnutzungskampf. Es war eine Partie, die für jeden etwas bot, in der alles drin gewesen war, „ein Leckerbissen für jeden Fußballfan“, wie Kevin-Prince Boateng die 90 Minuten umschrieb.

Kein Mensch unter den 51 500 Zuschauern im Stadtwald hätte sich gewundert, wenn diese mitreißende Partie auch „4:4 oder 5:5“ geendet hätte, wie Torwart Lukas Hradecky sagte: „Ein geiles Spiel.“ 15 Schüsse gaben Frankfurter Spieler auf das Tor ab, 20 die Dortmunder. Beide Teams hätten die Partie locker für sich entscheiden können, beide auch verlieren können. „Das war Fußball zum Vorzeigen“, sagte Kovac. „Alle sind auf ihre Kosten gekommen. Meine Mannschaft hat    ein Topspiel gegen einen Topgegner geliefert.“

Natürlich fühlte sich das 2:2 für die Frankfurter wie ein Sieg an. Nach einer knappen Stunde hatte kaum einer mehr einen Pfifferling auf die tapfer kämpfende Mannschaft gegeben. 0:2 lagen die Gastgeber hinten, ohne zu wissen, warum und ohne viel schlechter zu sein. Nuri Sahin (18.) und Max Philipp (57.) hatten getroffen. „Wenn du gegen Dortmund 0:2 hinten liegst, dann hast du eigentlich keine Chance mehr“, befand Trainer Kovac. Und Kollege Peter Bosz meinte im Grunde mit anderen Worten dasselbe: „Wenn man 2;0 führt, muss man das Spiel gewinnen.“ Tat der BVB aber nicht, weil er es, in den Personen von Pierre-Emerick Aubameyang und Christian Pulisic verpasste, das dritte Tor zu machen. Weil Makoto Hasebe sich seine allerbeste Tat bis Sekunden vor Schluss aufhob und allein auf der Linie einen Schuss von Sahin gerade noch abblocken konnte.

Und weil die Frankfurter nach dem 0:2 allenfalls „eine Sekunde kurz nachgedacht“ hätten, wie Boateng sagte, dann „wieder Gas“ gegeben habe. Die Moral, nach dem 0:2 weiter zu fighten und zurückzukommen, nannte Bobic „sensationell“, das sei „eine Eins mit Sternchen.“
In der Tat war der Glaube im Team nie geschwunden, diese Begegnung noch drehen zu können. Nur ein Tor hatte gefehlt, als es dann fiel, „war es der Löser“, wie Bobic sagte. Sebastien Haller (64.) verwandelte einen Foulelfmeter - Ante Rebic war von BVB-Torhüter Roman Bürki förmlich über den Haufen gerannt worden - gewohnt cool. Haller hatte nach dem Spiel noch einmal Grund zur Freude: Er wurde für seinen spektakulären Seitfallzieher gegen den VfB Stuttgart als Torschütze des Monats ausgezeichnet. Verdientermaßen.

Sein Elfer war der neuerliche Auftakt zu einem begeisternden Sturmlauf, dem Marius Wolf (68.) kurz darauf das 2:2 folgen ließ. Und Mijat Gacinovic, der die beiden ersten Treffer wunderschön vorbereitet hatte, hätte nur eine Minute danach per Kopf sogar das 3:2 machen müssen.

Dass seine Mannschaft noch einmal derart zurückgekommen sei, zeige, „dass die Moral stimmt, dass die Mannschaft an sich glaubt, dass sie gut eingestellt war“, lobte Kovac, der seinem Team ein weiteres Kompliment machte: „Das sind tolle Charaktere. Das war eine tolle Sache, tolle Leistung. Chapeau.“ Dem Spiel kam die eklatante Schwäche der Dortmunder Verteidigung zugute. Im Kern war jeder steil oder lang geschlagene Ball eine Torchance, mit wenigen Pässen kamen die Frankfurter fast mühelos hinter die Abwehrreihe durch. „Wir wollten sehr viel in die Tiefe spielen“, berichtete Kovac. Man habe sich da so ein bisschen Leipzig als Beispiel genommen, das in Dortmund obsiegt hatte. „Wir haben so ähnlich wie sie gespielt.“

Ab nach Schweinfurt

Vor allem Ante Rebic, der wuchtige Flügelstürmer, war nie einzufangen, machte mit den Dortmunder Abwehrspielern, was er wollte (siehe Seiten S2 und S3). Er allein hätte zwei, drei Tore schießen können. Insgesamt hatte sich die Eintracht bestimmt zehn hochkarätige Möglichkeiten geboten, Haller, Rebic, Wolf, Gacinovic – sie alle hatten beste Einschussgelegenheiten.

Keine Frage: Eintracht Frankfurt hat am Samstag das beste Spiel dieser Saison gemacht, sogar dieses Jahres. Lange haben die Fans nicht mehr so ein spannendes, zügelloses Spiel gesehen. Die Eintracht hatte dieses Mal auch Wert auf spielerische Lösungen gelegt und nicht nur die Bälle nach vorne geschossen. Ein spielerischer Aufwärtstrend ist unübersehbar. „Soll noch mal einer sagen, wir können keinen schönen Fußball spielen“, konnte sich Boateng einen Spitze gegen die Kritiker nicht verkneifen.

Realist Kovac, der sein Team taktisch hervorragend eingestellt hatte, bremste die Begeisterung rund um sein Ensemble ein wenig. „Wir können nicht alle entzaubern, so stark sind wir nicht. Wir sind nicht so gut wie Bayern oder Dortmund.“ Für den 1.FC Schweinfurt sollte es reichen. Beim Tabellenvierten der Regionalliga Bayern müssen die Frankfurter morgen (20. 45 Uhr) in der zweiten Runde des DFB-Pokals antreten. Der Einzug ins Achtelfinale ist, na klar, Pflicht.

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