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Dageblieben: Martin Hinteregger beim Versuch, VfB-Angreifer Silas Wamangituka aufzuhalten.

Auswärtsspiel

Eintracht Frankfurt nach dem Remis in Stuttgart: Ein Hauch von Ernüchterung

  • Thomas Kilchenstein
    vonThomas Kilchenstein
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Das 2:2 in Stuttgart macht klar: Eintracht Frankfurt droht in dieser Saison im Bundesliga-Mittelmaß zu versumpfen. Das liegt auch am seltsam vorsichtigen Trainer Hütter.

Frankfurt - Makoto Hasebe hat seine sprichwörtliche asiatische Zurückhaltung schnell aufgegeben. Noch in den Katakomben der Stuttgarter Arena, die Kollegen marschierten gerade laut stollenschuhklappernd in die Kabinen, redete der Japaner Tacheles. Der mit 36 Jahren älteste Spieler der Liga legte schonungslos die Hände in die Wunde, er nannte die erste Halbzeit seiner Mannschaft „eine Katastrophe“, bemängelte fehlende Leidenschaft und Aggressivität, monierte, viel „zu passiv“ agiert und mal wieder „zwei Gesichter gezeigt“ zu haben. „Wir müssen mit dem Unentschieden zufrieden sein“, sagte der Frankfurter nach dem 2:2 (0:2) gegen einen kecken, flinken Aufsteiger aus Stuttgart fast schon resignierend, er mahnte an: „Wir müssen uns steigern.“

Eintracht Frankfurt: Viertes Remis im siebten Spiel

Hinterher war man sich im Lager von Eintracht Frankfurt weitgehend einig, das Remis im Ländle, bereits das vierte im siebten Bundesligaspiel, als „gewonnenen Punkt“ einzuordnen, wie das Trainer Adi Hütter tat. Das kann man so machen: Wer nach einem 0:2 zur Pause – nach den Treffern von Nicolas Gonzalez (14.) und Gonzalo Castro (37.) – zurückkommt, wer „Mentalität und Charakter“ (Hütter) an den Tag legt und am Ende mit ein bisschen Fortune fast noch gewonnen hätte, wer selbst in einer reichlich verschlafenen, pomadigen ersten Halbzeit durchaus nicht wenige Torchancen kreiert, der kann nicht komplett unzufrieden nach Hause fahren. Der kann es, wie Sportdirektor Bruno Hübner auch „positiv sehen“. Lediglich eine Niederlage (gegen die Über-Bayern) in sieben Spielen ist nicht die allerschlechteste Bilanz, zehn Punkte ebenfalls nicht. Und doch legt sich nach und nach ein feiner Schleier an Ernüchterung über das Gebotene, wächst das Gefühl der Desillusion, steigt ein Hauch von Missmut auf. Denn auch diese Begegnung gegen wilde, unbekümmerte Stuttgarter hat gezeigt, dass viel mehr möglich gewesen wäre für Eintracht Frankfurt, und dazu hätte es nicht einmal viel bedurft.

Erneut haben die Hessen Punkte liegen lassen, wie schon gegen den 1. FC Köln (1:1), wie gegen Werder Bremen (1:1), und jetzt in Stuttgart mussten sie im Grunde froh sein, dass der VfB „uns am Leben gelassen hat“, wie Hütter zu Recht sagte. Mit einem möglichen 0:3 – der Kopfball von Mateo Klimowicz (48.) an die Latte – wäre der Sack zu gewesen. Danach taute die Eintracht auf. Es sind genau diese Spiele gegen Gegner auf Augenhöhe und in denen die Hessen die bessere Mannschaft sind, die am Ende weh tun, wenn sie nicht erfolgreich abgeschlossen werden. Diese verlorenen Zähler schmerzen, vier bis sechs Punkte mehr hätten die Hessen haben können. Dass sie die nicht haben, hat Gründe.

Gegen den VfB etwa setzte Trainer Hütter zunächst auf die deutlich defensivere Grundordnung, vertraute, wie schon seit Wochen, auf die selben Spieler. „Kontinuität und Stabilität“ hatte er sich davon versprochen, er sei keiner, der „in jedem Spiel fünf, sechs Spieler wechselt“. So trat in der ersten Halbzeit eine Mannschaft auf, die ihre Stärken nicht im Spiel nach vorne hat, entsprechend holprig und ungenau gestaltete sich der Aufbau. Mal wieder wirkte das Angriffsspiel sehr eindimensional, starr, behäbig, ohne Esprit, erneut standen anfangs zu viele spielerisch limitierte Eintrachtler auf dem Rasen. Erst als Hütter Aymen Barkok und Amin Younes einwechselte, Akteure also, die mit dem Ball etwas anzufangen wissen, die ins Dribbling gehen, die offensiv denken und sich auch was trauen, wurde die Partie aus Frankfurter Sicht ansehnlicher. Warum fehlte Hütter nur der Mumm, beide nicht schon von Anfang an zu bringen? Der Coach predigt doch stets, mutigen Angriffsfußball bieten zu wollen, aggressiv zu sein – dann muss er die, die es können, auch von der Leine lassen. Prompt spielte die Eintracht im zweiten Abschnitt deutlich „griffiger, giftiger“, kam häufiger in Eins-gegen-Eins-Situationen, prompt bereitete der starke Barkok beide Treffer durch André Silva (61.) und Kapitän David Abraham (75.) vor. Auch Filip Kostic hätte man, wenn er schon im Kader steht (anders als Danny da Costa übrigens), früher als in der 87. Minute bringen können. Insgesamt stimmte zumindest in den ersten 45 Minuten die Balance zwischen Offensive und Defensive nicht, dazu kommt: Gegentore (12) kassiert die Eintracht weiterhin zu leicht und zu viele.

Eintracht Frankfurt: Erneuter Rückstand

Erneut war Eintracht Frankfurt in dieser Begegnung in Rückstand geraten, zum fünften Mal im siebten Spiel. Warum nur, fragt sich der Fußballlehrer, benötige sein Team stets „Nackenschläge“, ehe es aufdreht? „Zu kritisieren ist, dass wir viel zu lange brauchen, um im Spiel zu sein“, deckelte Hütter. Immerhin offenbarten die Hessen erstaunliche Nehmerqualitäten, die Moral ist allemal intakt. „Bei einem 0:2 gibt es nur Vollgas und Feuer“, sagte Verteidiger Martin Hinteregger. Und dann, wenn es schon fast zu spät ist, kann Eintracht Frankfurt phasenweise guten Fußball spielen und Druck ausüben. Warum nicht von Anfang an?

Im Augenblick tritt diese Mannschaft auf der Stelle, kommt nicht voran. Sie ist Mittelmaß, vielleicht gehobenes, aber der Weg zu internationalen Plätzen wird umso weiter, je häufiger sie sich gegen Teams auf Augenhöhe so schwer tut. Vielleicht aber ist die Eintracht nicht besser, vielleicht entspricht Platz zehn genau dem momentanen Leistungsstand. Wer europäische Ambitionen hegt, muss anders auftreten, couragierter, zielgerichteter. Das Niemandsland ist nah, zumal die nächsten Aufgaben, zumindest in den drei Heimspielen, gewaltig erscheinen: RB Leipzig, Borussia Dortmund, Borussia Mönchengladbach. Dazwischen warten Union Berlin und VfL Wolfsburg. Die Eintracht hat es verpasst, Punktespeck für die kalten Tage anzufressen.

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