Hochkonzentriert: Jakob Rietschel im E-Sports-Trainingszentrum der Eintracht am Riederwald. 	oeser
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Hochkonzentriert: Jakob Rietschel im E-Sports-Trainingszentrum der Eintracht am Riederwald. oeser

E-Sports

Von der Breite in die Spitze

  • Timur Tinç
    vonTimur Tinç
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E-Sports wird bei Eintracht Frankfurt immer wichtiger – vor allem für Talente aus der Region. Die E-Sports-Teams der Eintracht sollen weiter wachsen.

Jakob Rietschel spielt auf der Position des sogenannten Jungler. „Ich bin den größten Teil des Spiels im Wald und kämpfe gegen Monster“, erklärt er seine Rolle im Computerspiel League of Legends (LoL). Der 19-Jährige sitzt im E-Sports-Trainingszentrum von Eintracht Frankfurt am Riederwald vor einem der zehn aufgestellten Bildschirme. Mit der Maus lenkt er seinen „Champion“, seine Spielfigur, über die virtuelle Karte. Mit der Tastatur tippt er Befehle ein. Als dann plötzlich die ersten Kreaturen auftauchen, funkt und blitzt es, als sein Champion das Schwert schwingt.

Rietschel, der im Spiel den Namen „Sapphire“ trägt, gehört seit Januar zum neu gegründeten LoL-Team von Eintracht Frankfurt. Das fünfköpfige Team kämpft von erst von daheim aus gegen andere Gegner, ab April sollte dann sollte eigentlich gemeinsam am Riederwald an der Feinabstimmung und an der Taktik im sogenannten Multiplayer Online Battle Arena-Spiel gefeilt werden. Doch daraus wurde und wird wegen Corona auf absehbare Zeit nichts. „Die Corona-Krise hat unsere Abteilung trotzdem nicht so stark betroffen“, sagt Max Brömel, der seit Januar 2018 E-Sports-Koordinator bei der Eintracht ist. Im Gegenteil. Durch das von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) ausgerichtete virtuelle Turnier in der Fußballsimulation Fifa mit einem E-Sportler und einem Fußballprofi hat E-Sports eine gewisse Aufmerksamkeit im ganzen Verein genossen. An anderen Standorten wie Stuttgart oder Bielefeld wurden die Abteilungen hingegen geschlossen.

Seit Juni 2019 ist E-Sports eine eigene Abteilung im eingetragenen Verein des Fußball-Bundesligisten. Die Eintracht ist der einzige Profiklub, der eine Mitgliedschaft im E-Sports anbietet. Die ist Voraussetzung, um am Training teilzunehmen. Man kann aber auch Mitglied werden, wenn man nur Interesse an der E-Sports-Community hat. „Wir arbeiten dabei immer mit unserem Gesamtkonzept: von der Breite in die Spitze“, sagt Brömel. Noch sind die marketinggetriebenen Modelle vorherrschend. In anderen Klubs gibt es aber die Tendenz, auf einen Breitensportansatz wie die Eintracht zu setzen. Regionalligist 1860 München macht das schon.

„Wir haben mittlerweile über 100 Mitglieder und sind sehr stolz darauf“, sagt Brömel. Der Altersdurchschnitt beträgt knapp 17 Jahre. Entgegen der vorherrschenden Auffassung, nur Jungs würden E-Sports betreiben, gibt es auch Frauen. Im Moment werden je zwei Trainingseinheiten die Woche im Strategiespiel League of Legends und der Fußballsimulation Fifa online angeboten. „Zu uns können vom Anfänger bis zum hochtalentierten Spieler alle kommen“, sagt Brömel.

Die ersten Schritte im elektronischen Sport hat die Eintracht bereits im Frühjahr 2018 gemacht, als sie zwei Spieler bei einem Auswahlturnier für die Virtual Bundesliga (VBL) bei Fifa suchte, die mit einer Wildcard für den Klub am sogenannten Grand Final teilnahmen. Im Herbst 2018 ging dann erstmals ein eigenes Eintracht-Team in der VBL-Club-Championship der Deutschen Fußball-Liga (DFL) an den Start.

In der abgelaufenen Saison spielten Maik Kubitzki (X-Box), und Andi Gube (Playstation) für die Eintracht in der 22 Teams großen Liga, bestehend aus Erst- und Zweitligisten mit E-Sports-Abteilungen. Dazu hatte die Eintracht zwei Ersatzspieler. Das große Finale in Köln verpassten Kubitzki und Gube, die Saison beendeten sie auf Rang neun. Im Moment plant Brömel die kommende Saison und will das bislang aus vier Spielern bestehende Fifa-Team auf sechs aufstocken. Neben der VBL plant der DFB seinen eigenen E-DFB-Pokalwettbewerb.

Bei League of Legends ist das neue Team in der sogenannten Prime League in der zweiten Division eingestiegen. Der Aufstieg wurde knapp verpasst. „Wir haben die ersten fünf Spiele der neuen Saison gewonnen und sind guter Dinge, dass es diesmal klappt“, sagt Brömel. Das große Ziel ist die Pro Division der Prime League, die höchste Liga. Darüber gibt es noch die League of Legends Championship Series. „In dieses Franchise-System müsste man sich einkaufen“, erklärt Brömel. „Das spielt für uns keine Rolle. Wir wollen mit dem Konzept wachsen.“

Das heißt: Eigene Talente aus der Rhein-Main-Region suchen und ausbilden, statt große Stars der E-Sports-Szene einzukaufen. „Wir wollen uns gemeinsam hochspielen, um eine gewisse Geschichte mit den Jungs zusammen zu erzählen. Das ist wesentlich authentischer“, findet Brömel. Deshalb gibt es auch ein Nachwuchsteam, das acht Spieler umfasst und in der vierten Division spielt. E-Sports ist innerhalb kürzester Zeit voll bei Eintracht Frankfurt angekommen und „spielt eine entscheidende Rolle in der digitalen Strategie“, betont Marketingvorstand Axel Hellmann. Die E-Sports-Abteilung hat bereits vier feste Geldgeber. Im Fanshop werden Mousepads, Tastaturen, USB-Sticks und der Gamingstuhl im Eintracht-Design angeboten.

„Wir sind finanziell auf einem guten Weg und sind offen für neue Partner. Wachsen kann man immer“, sagt Brömel. Wie hoch der Etat ist, will die Eintracht nicht verraten. Die Spieler und Übungsleiter werden vergütet, große vierstellige Gehälter werden aber nicht gezahlt, so wie das andere Bundesligisten im Fifa-Bereich machen. Schalke 04 spielt ohnehin eine Sonderrolle, dort wurde gar eine E-Sports GmbH gegründet, die einen Etat von acht Millionen Euro für den elektronischen Sport zur Verfügung hat.

Die Eintracht hält sich bei ihrer Entwicklung alle Optionen offen. Etwa bei der Frage, ob noch weitere Spieletitel hinzukommen werden – wobei klar ist, dass Shooterspiele wie Counter Strike auch in Zukunft keine Rolle spielen sollen. „Wir haben uns mit League of Legends viel Verantwortung aufgebürdet, weil die Debatte beim Thema E-Sports in Deutschland immer noch hitzig ist“, sagt Brömel. „Das wollen wir gut und nachhaltig machen.“

Prävention spielt eine wesentliche Rolle. Die Eintracht arbeitet eng mit der Sport- und Trainingswissenschaft zusammen. Auch der Austausch mit dem E-Sports-Bund Deutschland (ESBD) sei eng. Die Erfahrung der anderen Abteilungen wird ebenfalls genutzt, um den Trainern Tipps an die Hand zu geben. Natürlich auch zum Thema Ausgleichssport. „So unsportlich sind E-Sportler nicht. Die meisten unserer E-Sportler sind bereits Teil eines klassischen Sportvereins“, sagt Brömel zu dem immer wieder kehrenden Vorurteil, dass es sich um dicke, sich ungesund ernährende Nerds handelt.

Jakob Rietschel zum Beispiel macht seit vier Jahren Thai-Boxen. Im E-Sports ist es vor allem eine mentale Anstrengung. „Bei wichtigen Spielen konzentriert man sich schon stark“, sagt der 19-Jährige. League of Legends spielt der gebürtige Frankfurter, der in Dietzenbach wohnt, seit 2014. Dass die Eintracht im Dezember über Twitter zu Tryouts einlud, „kam für mich wie gerufen. Ich habe schon immer den Traum gehabt, mit E-Sports mein Geld zu verdienen“, sagt Rietschel. Den ersten Schritt zum Vollzeitprofi hat er bei der Eintracht gemacht.

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