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Tränen um Kostic

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Von: Thomas Kilchenstein

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Letztes Spiel im Trikot der Eintracht: Filip Kostic (li.) im Duell mit Bayerns Benjamin Pavard.
Letztes Spiel im Trikot der Eintracht: Filip Kostic (li.) im Duell mit Bayerns Benjamin Pavard. © afp

Schulabbrecher Filip Kostic: Der schnelle Linksaußen hat Eintracht Frankfurt lange Jahre geprägt - bei Juve läuft es aktuell nicht so rund.

Frankfurt – Unlängst ist erst wieder Rudi Völler bei einer Veranstaltung des FR-Schlappekickers über die Leistung des verlorenen Frankfurter Sohnes schier in Verzückung geraten. Der frühere Teamchef, der lange Zeit in Rom gespielt, gelebt und sich ein Faible für den italienischen Fußball bewahrt hat, hat eines Sonntagnachmittags die Serie A geguckt, natürlich das Spitzenspiel zwischen Juventus Turin gegen Inter Mailand und hat dabei den „besten Mann auf dem Platz“ im schwarz-weiß gestreiften Dress der „Alten Dame“ verortet, es war natürlich Filip Kostic.

In dieser Partie, die 2:0 für Juve endete, hatte Kostic beide Tore vorbereitet, zudem einmal den Pfosten getroffen, so wie man das von ihm vier Jahren lang bei der Eintracht kannte. Filip Kostic weinen in Frankfurt noch viele heiße Tränen nach, manche fragen sich: Wo stünde diese Eintracht, wenn er noch da wäre. Und nun also mischt er die Serie A auf?

Filip Kostic bei Eintracht Frankfurt – Glasner noch heute gerührt

So ganz stimmt das nicht. Und vermutlich hat sich der Serbe, der jetzt bei der WM in Katar mit der Nationalmannschaft nach der enttäuschend verlaufenen Vorrunde die Heimreise antreten musste, auch mehr erwartet von seinem Wechsel Ende August nach Italien, der Eintracht Frankfurt immerhin 13 Millionen Euro und ein paar nicht zu verachtende Boni eingebracht hat.

Zwar hat der 30-Jährige alle 15 Spiele in der Liga bestritten und ebenso alle sechs Partien in der Champions League, aber nur eine Handvoll über die vollen 90 Minuten. Kostic wird regelmäßig vor der Zeit vom Feld geholt, große Spuren hat der Linksfuß – außer vielleicht im Clasico gehen Inter – bei Juve noch nicht hinterlassen, ein einziges Tor steht bei ihm zu Buche, fünf Vorlagen. Hat sich der Wechsel für ihn also nicht gelohnt?

Es war ja sein Herzenswunsch, im Herbst seiner Karriere noch mal zu einem namhaften Klub zu wechseln. Dieser Bitte hat die Eintracht entsprochen. In Frankfurt hat sich Kostic richtig wohlgefühlt, hier war er anerkannt, hochgeachtet, der wichtigste Baustein – und damit komplett anders als bei seinen vorherigen Stationen in der Bundesliga beim Hamburger SV und VfB Stuttgart. Noch heute überkommt Trainer Oliver Glasner die Rührung, wenn er an die Abschieds-Whatsapp denkt, die ihm Kostic beim Weggang geschickt hat.

Filip Kostic nach Abschied von Eintracht Frankfurt – noch keine außergewöhnliche Rolle eingenommen

So furchtbar rund läuft es aktuell sportlich nicht bei Kostic. Dazu kommen ganz erhebliche finanzielle Probleme der Italiener, Juve soll eine Viertelmilliarde Euro Verbindlichkeiten haben, der komplette Vorstand ist dieser Tage zurückgetreten, muss mit Anklage rechnen. In der Liga rangiert Juve mit zehn Punkten Abstand, fast schon abgeschlagen, deutlich hinter Tabellenführer SSC Neapel, Gegner der Eintracht im Achtelfinale der Champions League. Juve übrigens hat es als Gruppen-Dritter mit Müh und noch mehr Not wenigstens in die Europa League geschafft. Auch bei der WM ist Kostic unauffällig geblieben, im ersten Spiel gegen Brasilien saß er auf der Ersatzbank, gegen Kamerun (3:3) und Schweiz (2:3) wirkte er mit. Mehr aber auch nicht. Allerdings: Er ging angeschlagen ins Turnier, der Oberschenkel zwickte.

Weder bei Juve noch in der serbischen Auswahl spielt Filip Kostic jene exponierte, außergewöhnliche Rolle, die er in Frankfurt innehatte. Dort war er der Unterschiedsspieler, der Partien mit seiner Wucht und seinen Soli oft im Alleingang für die Hessen gewann. Es sei nur an das Spiel seines Lebens erinnert, in Barcelona beim 3:2-Erfolg hatte er die spanischen Superstars reihenweise schwindelig gespielt und zwei Tore erzielt. Bei der Eintracht kam er in vier Jahren auf insgesamt 172 Pflichtspiele, in denen er 33 Treffer erzielte, aber stolze 64 Vorlagen gab, quasi in jedem zweiten Spiel eine direkte Torbeteiligung.

Filip Kostic bei Eintracht Frankfurt – Großer Beifall zur Abschiedsrunde

In dieser Saison kam er bei den Frankfurtern nur noch zweimal zum Einsatz, im Pokal gegen Magdeburg und zum Rundenauftakt gegen Bayern München. Da stand schon fest, dass er den Klub verlassen würde. Als er – ausnahmsweise – in der 74. Minute ausgewechselt wurde, ist er auf Höhe der Gegengerade vom Platz gegangen. Und wurde im Stadion auf dem langen Weg zur Bank – trotz eines 1:5-Rückstandes – von den Fans frenetisch bejubelt. Es war, wie man heute weiß, seine Abschiedsrunde. (Thomas Kilchenstein)

Unterdessen stand Oliver Glasner der FR Rede und Antwort. Im Interview äußert sich der Österreicher über Reibung im Alltag und den Geschmack der Champions League, und seine Vertragslaufzeit.

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