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Die Wandlung des Djibril Sow

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Von: Ingo Durstewitz

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Djibril Sow von Eintracht Frankfurt
Djibril Sow von Eintracht Frankfurt zeigt jubelnd auf das Vereinsemblem. © Arne Dedert / dpa

Eintracht-Abräumer Djibril Sow hat an Format gewonnen und sich zum quasi unantastbaren Leistungsträger entwickelt.

Frankfurt – Für gewöhnlich sind Fußballlehrer nicht erpicht darauf, über einzelne Spieler des Kollektivs zu sprechen. Ist ja klar, da geht es um dynamische Prozesse, Gleichheit, Gemeinschaft, ums große Ganze eben, die Führung einer großen Gruppe, die nicht selten heterogen ist. Trainer, gerade auf höchstem Niveau, haben eine bessere Chance, dauerhaft erfolgreich zu sein, wenn sie neben dem ohnehin erforderlichen Fachwissen auch eine gute Sozialkompetenz haben und pädagogisch geschult sind. Sie müssen wissen, wie die Spieler ticken und sie einbetten in eine Gesamtkomposition, wissen, wie sie sie zu welcher Zeit anzupacken haben.

Oliver Glasner, der Eintracht-Trainer, ist ganz gewiss einer, der alles mitbringt, die ganze Palette bedient, die Gruppe steht bei ihm über allem. Bei einem seiner Spieler aber trägt es den 48-Jährigen förmlich davon, da verfällt in wahre Elogen, sogar ohne explizit gefragt zu werden.

Zuweilen nutzt er ihn sogar dazu, um anderen Spielern mal die Leviten zu lesen. Nach der ernüchternden Leistung beim 0:1 gegen den VfL Wolfsburg also polterte Oliver Glasner sehr deutlich: „Wenn Djibril Sow, der mit Abstand die meisten Minuten gespielt hat, unser aggressivster Spieler auf dem Platz ist, dann machen viele andere etwas falsch.“ Rumms. Djibril Sow also.

Eintracht Frankfurt: Sow ist unantastbar

Auch nach dem letzten Bundesligasieg vor neun Tagen in Stuttgart hob der Coach den Schweizer Auswahlakteur hervor. In jedem Spiel spule der 25-Jährige unendlich viele Kilometer ab, zwölf, manchmal 13, und zwar verlässlich, immerzu, ohne Pause, ohne Schonung, Sow läuft und läuft und läuft, er ist der Marathonmann, der Immerspieler, unverzichtbar, nie verletzt, nie müde, nie krank.

Und er spielt noch gut Fußball obendrauf, meistens zumindest. Für Sows Einstellung findet Glasner nur ein Wort, und das meint er nicht ummantelt in dem Superlativ-Sprech der Neuzeit, sondern einfach aufrichtig: „Wahnsinn.“ Der Frankfurter Mittelfeldspieler ist ein wahres Ausdauerwunder, „Laufen macht mir nicht aus“, sagt er, „das liegt in meinen Genen, habe ich von meinem Vater.“ Wenn sich andere quälen, macht Sow einfach weiter. Spiele im Drei-Tages-Rhythmus – na und?

Der Familienvater, seit 2019 in Frankfurt, ist längst in die Gilde der absoluten Leistungsträger aufgestiegen, er ist unantastbar. Elf Pflichtspiele standen für Eintracht Frankfurt nach dem Europa-League-Sieg im Mai auf dem Programm – Sow stand elfmal in der Startformation, elfmal spielte er durch.

Sow ist an seinen Aufgaben bei der Eintracht gewachsen

Natürlich möchte er eine Führungsfigur sein, Verantwortung übernehmen, den anderen Spielern helfen, sie besser machen. Er untermauert diesen Anspruch auf dem Feld, nicht unbedingt lautstark oder exaltiert, aber doch bestimmend, wenn es denn sein muss: „Es geht darum, die Spieler an ihre Aufgaben zu erinnern.“ Auch das ein Prozess innerhalb einer Gruppe.

Sow ist an den Aufgaben in Frankfurt gewachsen, er ist ein anderer Spieler als noch zu seiner Anfangszeit, als er sich nicht so richtig traute und aus Angst vor Fehlern lieber quer oder zurück spielte. Da tauchte er oft ab, war eher ein Mitläufer. Und auch heute, das gehört ebenfalls zur Wahrheit, versteckt er sich noch ab und an, wenn es hart auf hart geht. Wenn es fürs gesamte Team nicht gut läuft, läuft es für Djibril Sow zumeist auch nicht gut.

Das liegt beim Eidgenossen freilich in der Natur der Sache oder, besser gesagt, in seinem Wesen begründet. Der Dauerläufer ist ein kluger Kopf, ein sensibler Typ, der vieles mit sich selbst ausmacht, grübelt, zweifelt, der sich auch mal runterziehen lässt. Das ist per se nichts Schlechtes, Selbstreflektion und Empathie sind grundsätzlich gute Eigenschaften. Doch im knallharten Profigeschäft kann’s eben hinderlich sein, die mentale Beschaffenheit ist von elementarer Bedeutung. Keiner weiß das so gut wie Djibril Sow, der Taktgeber, „das Metronom“, wie ihn die FR nannte.

Sow bei Eintracht Frankfurt: „So eine Leistung wie gegen Wolfsburg darf es nicht mehr geben.“

Sow macht zuweilen noch immer eine Metamorphose durch, in einiger Schnelligkeit. Vor dem ersten Champions-League-Spiel gegen Sporting Lissabon saß er vor der Partie voller Selbstvertrauen auf dem Podium und stellte sich den Fragen der Pressevertreter. „Auf unserem Weg sind die Grenzen nach oben nicht bestimmt“, sagte er über die Mannschaft, die Muskeln schwollen förmlich an.

Nur drei Tage und zwei Niederlagen später rekapitulierte er ratlos: „Wir gehen nicht in die Situationen, in denen es wehtut. Das ist eine Kopfsache und das müssen wir schleunigst ändern. So eine Leistung wie gegen Wolfsburg darf es nicht mehr geben.“ Es folgten zwei Siege, einer in Marseille, einer in Stuttgart. Es liegt alles eng beisammen – bei der Mannschaft, bei Djibril Sow. Heute so, morgen so.

Sow bei Eintracht Frankfurt: Millionenofferte juckt nicht

Der Schweizer ist ein integrer Typ, ein feiner Kerl, der mit beiden Beinen auf den Boden steht. Deshalb kam es für ihn auch nicht infrage, die Offerte von der Insel anzunehmen. Nottingham Forest hätte den Abräumer gerne verpflichtet und wäre bereit gewesen, der Eintracht eine Entschädigungssumme in Höhe von fast 25 Millionen Euro zu zahlen und den Spieler mit mehr als sechs Millionen Euro zu entlohnen.

Das wäre mehr als das Doppelte seines Eintracht-Salärs. Sow, Marktwert 22 Millionen, lehnte ab. Er ist zu dankbar für das, was er erleben durfte und auch zu stolz darauf. Seine Mission Frankfurt ist noch nicht beendet.

Sein gestiegener Stellenwert zeigt sich auch im Nationalteam, in dem ihm lange nicht die Wertschätzung zuteil wurde, die ihm zustand. Das ist jetzt anders, am Samstag stand er in der Startformation der „Nati“, die Spanien mit 2:1 bezwang. Sow, der Teamplayer, spielte so, wie er oft spielt: unspektakulär, uneigennützig, aber bienenfleißig. Wichtig fürs große Ganze. Ein echter Djibril Sow eben. (Ingo Durstewitz)

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