1. Startseite
  2. Eintracht

Die Vernunft gewinnt

Erstellt:

Von: Katja Sturm

Kommentare

Gesicht des Frankfurter Frauenfußballs: Siegfried Dietrich.
Gesicht des Frankfurter Frauenfußballs: Siegfried Dietrich. © Imago/Hartenfelser

Siggi Dietrich, „Mr. Frauenfußball“ aus Frankfurt, zieht sich gesundheitlichen Gründen zurück

In den vergangenen Wochen hatte Siegfried „Siggi“ Dietrich sich schon ungewohnt rar gemacht. Beim torlosen Bundesligaauftakt der Eintracht-Fußballerinnen gegen Bayern München in der Frankfurter Arena Mitte September, dem 23 200 Zuschauende beiwohnten, erschien der seit Jahrzehnten in seiner Sportart omnipräsente Manager und Funktionär zwar mal kurz in der Mixed Zone, um seine Begeisterung über die Rekordresonanz kundzutun. Doch ansonsten trat der 65-Jährige in der Öffentlichkeit kaum mehr auf und fehlte auch am Mittwoch bei der Pressekonferenz des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), bei der es um das neue Höchstniveau bei der Vermarktung der Frauenliga, eines seiner Lieblingsthemen, ging.

Einen Tag später ließ der Sportdirektor von seinem Klub verkünden, dass er sich aus gesundheitlichen Gründen mit sofortiger Wirkung aus der Eintracht Frankfurt Fußball AG zurückzieht und bis 31. Dezember auch das Amt als Generalbevollmächtigter und alle anderen Aufgaben bei der Eintracht und beim DFB, wo er erst im März als Ausschussvorsitzender für die Frauen-Bundesligen einstimmig wiedergewählt worden war, niederlegen wird.

Sein Ausstieg zu diesem Zeitpunkt, an dem der Frauenfußball hierzulande, aber auch international einen deutlichen Aufschwung erfährt, sei „besonders bitter und schmerzhaft“, ließ Dietrich wissen. Doch er habe „verstärkte Signale seines Körpers empfangen“, die ihn an seine Situation vor eineinhalb Jahren erinnerten. Schon damals hatte „Mr. Frauenfußball“ sich eine viermonatige Auszeit genommen. „Nur wenn ich mich jetzt komplett rausnehme und eine längere Zeit Abstand gewinne, sehe ich gute Chancen, gesundheitlich wieder bestmöglich in die Spur zu kommen“, so Dietrich.

Tiefe Spuren hinterlassen

Es ist der Abgang eines Mannes, der den Frauenfußball besonders in Frankfurt, aber auch weit darüber hinaus mehr als 30 Jahre lang prägte. Der gelernte Physiotherapeut veranstaltete Eiskunstlaufgalas, als er über die Bekanntschaft mit Monika Staab, der damaligen Trainerin des Bundesligisten SG Praunheim, auf die in wirtschaftlicher Hinsicht noch brachliegende Sportart aufmerksam wurde und deren Potenzial erkannte. Die daraufhin betriebene Gründung des reinen Frauenfußballvereins 1. FFC Frankfurt 1998 stellte den Anfang einer herausragenden Erfolgsstory dar: Mit Dietrich als Manager und Investor wurde der FFC in seiner Sparte zur ersten Adresse, vier europäische und neun nationale Pokalsiege sowie sieben deutsche Meistertitel zieren die Historie des Klubs. Welt- und Europameisterinnen wie Birgit Prinz, Nia Künzer oder Renate Lingor reiften am Main.

Doch Dietrich erkannte auch die Zeichen der Zeit und fädelte die Fusion des FFC mit dem Männer-Bundesligisten und Großklub Eintracht Frankfurt vor zwei Jahren ein. Ihm war klar geworden, dass ein reiner Frauenfußballverein auf Dauer nicht mehr konkurrenzfähig sein würde. Darüber hinaus setzte sich der umtriebige Macher seit 1993 in verschiedenen Gremien auf Bundesebene ein, um den Frauenfußball in Sachen Vermarktung und Medienpräsenz voranzubringen.

Dieses Engagement fordert nun offenbar seinen Tribut. Bei der Eintracht, wo Dietrichs Vertrag bis Juni 2023 gelaufen wäre, soll vorerst Trainer Niko Arnautis die Verantwortung als Sportdirektor mit übernehmen, die restlichen Aufgaben werden fachbezogen innerhalb der Organisation verteilt. Einen Nachfolger zu finden, wird eine Herausforderung. Dietrich, der nicht immer unumstritten war, trat während seiner Karriere manchem auf die Füße, aber er hat tiefe Spuren hinterlassen.

Auch interessant

Kommentare