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Die unmögliche Aufgabe des Mathelehrers

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Von: Thomas Kilchenstein

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Thomas Letsch soll den VfL Bochum in der Bundesliga halten – das wird verdammt schwer.
Thomas Letsch soll den VfL Bochum in der Bundesliga halten – das wird verdammt schwer. © Imago/Jan Huebner

Der Schwabe Thomas Letsch soll den abgeschlagenen Letzten VfL Bochum retten - womöglich mit Mitteln aus der RB-Schule.

An seinem ersten Arbeitstag an der Castroper Straße hörte sich der Mann an wie ein Politiker, der ein Krisengebiet besucht, „es gibt leichtere Aufgaben in der Welt als diese“, sagte also Thomas Letsch, nachdem er beim VfL Bochum, sieglos in der Liga bislang und bei einem Zähler aus acht Spielen mit der Einstellung eines Start-Negativrekords gesegnet, einen Vertrag unterschrieben hatte, der auch für eine Klasse tiefer gilt. Vor dem Spiel am Samstagnachmittag (15.30 Uhr/Sky) gegen Eintracht Frankfurt und nach einer weiteren Niederlage, einer saftigen 0:4-Klatsche gegen RB Leipzig, hörte sich der 54-Jährige so an, als habe er Energie-, Klima-, Inflations und noch mehr Krisen zur gleichen Zeit zu schultern: „Da muss man höllisch aufpassen“, unkte der Mann, der die Westdeutschen retten soll. Dabei warnte er nur vorm „gefährlichen Umschaltspiel“ der Frankfurter, die zwischen zwei Champions-League-Spielen gegen Tottenham Hotspur ihre liebe Mühe damit haben, den abgeschlagenen Letzten vor lauter blitzendem Scheinwerferlicht überhaupt zu sehen.

Die Lage ist für Bochum freilich vertrackt und ein klassisches Beispiel dafür, wie gutes Arbeiten Segen und Fluch sein kann, im Falle des VfL jetzt vornehmlich Fluch. Denn dass sich der wackere Aufsteiger im vergangenen Jahr unter dem jetzt vorschnell entlassenen Thomas Reis vorzeitig und relativ souverän den Klassenerhalt gesichert hatte, zuweilen durch spektakuläre Weitschusstore aus unmöglichen Entfernungen, hat Begehrlichkeiten geweckt. Flugs waren die Schatullen geöffnet, schon steckten Leistungsträger wie Armel Bella-Kotchap, Milos Pantovic, Maxim Leitsch oder Sebastian Polter in neuen Trikots. Und der herbeigeholte Ersatz konnte diese Abgänge bei weitem nicht auffangen. Somit ist dieser VfL qualitativ schwächer besetzt als im vergangenen Jahr, dazu kommt: Bochum hat in der letzten Saison auch davon profitiert, dass in Greuther Fürth und Arminia Bielefeld zwei klar überforderte Teams unten standen und schließlich abstiegen, Werder Bremen, selbst Schalke 04, die beiden Neuen, sind da ein anderes Kaliber.

„Pressen und ärgern“

Thomas Letsch also, der Schwabe aus Esslingen, im Brotberuf Gymnasiallehrer (Mathematik und Sport) soll die Herkulesaufgabe meistern, die Ruhrpottler irgendwie in der Liga zu halten. Der Mann kommt aus der berühmten RB-Schule, zwischen 2012 uns 2017 arbeitete er in Salzburg im Nachwuchsbereich, dann im RB-Farmteam FC Liefering - und ist seit dem bestens mit Eintracht-Trainer Oliver Glasner bekannt. Ob er RB-Fußball, der auf einer sehr hohen Laufbereitschaft und aggressivem Pressing fußt, mit dem VfL spielen lassen will und kann, ist offen, zuletzt galt Bochum, ohnehin das Team mit dem höchsten Altersschnitt, als eines der laufschwächsten Mannschaften der Liga. Am Samstag fällt definitiv noch Spielgestalter Kevin Stöger aus, der positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Die Grundproblematik in Bochum liegt auf der Hand. Der VfL hat die wenigstens Tore (5) aller 18 Klubs erzielt, dafür die meisten kassiert (23), drei Gegentore im Schnitt pro Spiel - trotz eines Torwarts Manuel Riemann, der Schlimmeres verhinderte.

Immerhin verfügt Letsch über Erfahrung in unterschiedlichen Ligen, er coachte bereits die Stuttgarter Kickers, FC Heilbronn, SSV Ulm, Austria Wien und zuletzt zwei Jahre lang Vitesse Arnheim in Holland, es war das jüngste Team der Eredivisie, sogar eine Ablöse haben die Niederländer für ihren scheidenden Coach erhalten. Während seiner Zeit bei der SG Sonnenhof-Großaspach, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Ralf Rangnick, der ihn in den RB-Kosmos holte, arbeitete er Vollzeit im Schuldienst. Danach, von 2009 bis 2012, war er Lehrer an einer deutschen Schule in Lissabon, hatte mit Fußball kaum noch etwas zu tun, sieht man einmal von der Mädchen-Fußball-AG in der Penne ab, die er leitete. Rangnick lotse ihn in den Fußball zurück. Unter dem „Fußball-Professor“ hat der 54-Jährige auch seine Spielphilosophie verfeinert: „Den Gegner hoch pressen und ihn ärgern.“

Immer klappt das natürlich nicht: 2017 trat Thomas Letsch bei Erzgebirge Aue die Nachfolge von Domenico Tedesco an, die Liaison hielt nicht lange. Letsch wurde schon nach drei Niederlagen am Stück wieder entlassen.

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