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Der Wahnsinn hat Methode

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Von: Ingo Durstewitz

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Kamen aus dem Jubeln gar nicht mehr heraus: Spieler von Eintracht Frankfurt nach Schlusspfiff.
Kamen aus dem Jubeln gar nicht mehr heraus: Spieler von Eintracht Frankfurt nach Schlusspfiff. © afp

Eintracht Frankfurt schreibt durchs Weiterkommen in der Königsklasse Geschichte und will sich auf die Spuren von Villarreal begeben.

Inmitten des Sporting-Sturmlaufs in den letzten Minuten dieses nicht hochklassigen, aber rassigen Fußballspiels im Estadio José Alvalade zu Lissabon huschte plötzlich Haris Seferovic an Axel Hellmanns geistigem Auge vorüber. Jener frühere Eintracht-Stürmer, der mit einem einzigen Treffer vor gut sechs Jahren, wenn man so will, den Boden dafür bereitet hat, dass der Frankfurter Klub nun in einer anderen Welt zu Hause ist, in der Welt der Champions und Könige. „Bei mir ist in den letzten Minuten noch einmal der Seferovic durchgelaufen, ich habe ihn gesehen, wie er das Ding da irgendwie reinwurschtelt“, erzählt der Vorstandssprecher schmunzelnd.

Ja, irgendwie reingewurschelt hat er ihn, der Haris Seferovic, damals, im Mai 2016 im entscheidenden Relegationsspiel in Nürnberg, 1:0. Es war haarscharf. Hätte der heute kreuzunglücklich auf der Bank bei Galatasaray versauernde Schweizer das nicht getan, wäre die Eintracht vielleicht abgestiegen in die zweite Klasse und ganz sicher nicht dort, wo sie jetzt steht: im Achtelfinale der Champions League, erstmals in ihrer Geschichte.

Durch den 2:1-Erfolg in Portugal kletterte die Eintracht auf Rang zwei des Tableaus der Staffel D und ist im Topf dabei, wenn am Montag in Nyon das Achtelfinale ausgelost wird. Eine unglaubliche Erfolgsgeschichte. „Man muss diesen Tag als historisch bezeichnen“, sagt Axel Hellmann. Und Vorstandskollege Markus Krösche flankiert: „Das ist ein ganz besonderer, ein richtig großer Moment für Eintracht Frankfurt.“ Vor nicht mal einem halben Jahr Europa-League-Sieger, nun in der K.o.-Runde in der Liga der Könige. „Da fehlen einem schon manchmal die Worte“, bekundet Kapitän Sebastian Rode.

Die Frankfurter haben sich auch am Dienstagabend nicht ins Bockshorn jagen lassen, sie haben Widerständen getrotzt und das Weiterkommen erzwungen, weil sie einfach immer weiter gemacht haben. Obwohl sie in Lissabon gewiss nicht ihren besten Tag erwischten, obwohl sie mit den gleichsam strukturierten wie quirligen Portugiesen ihre liebe Mühe und Not hatten.

„Ihre Spielweise liegt uns nicht so“, räumte Spielführer Rode ein, der nach seiner Einwechslung der entscheidende Faktor dafür war, dass die Hessen den 0:1-Rückstand im zweiten Abschnitt noch in einen 2:1-Erfolg drehten (siehe weiteren Bericht.

Dieser Erfolg ist ein deutliches Zeichen für Haltung und Widerstandsfähigkeit. „Es ist unglaublich, welche Mentalität die Jungs haben, sie stecken nie auf“, sagte Chefcoach Oliver Glasner. „Ich bin schwer beeindruckt. Es ist der Wahnsinn, was die Jungs immer abreißen. Wir stehen hochverdient im Achtelfinale.“ Das ist korrekt. Wer in einer kniffligen Gruppe drei Siege einfährt und zehn Punkte holt, der ist ein legitimer Starter in der illustren Runde der 16 besten Teams Europas.

Besonders beeindruckend auch, dass die Frankfurter allen Drucksituationen trotzten: Nach dem 0:3 im ersten Spiel gegen Sporting standen sie bereits unter Zugzwang und nach der 2:3-Niederlage in Tottenham war klar, dass sie die noch beiden verbliebenen Spiele gewinnen müssen, um eine Runde weiterzukommen. Das haben sie letztlich bravourös geschafft: 2:1 gegen Marseille, 2:1 in Lissabon. „Wir waren immer wir, das macht mich stolz“, sagt Trainer Glasner völlig zu Recht.

Der Fußballlehrer selbst hatte auf der iberischen Halbinsel ebenfalls entscheidenden Anteil an der Auferstehung im zweiten Abschnitt. Seine Personalentscheidungen verfingen allesamt, die Einwechslungen waren genau richtig. Und auch seine Ansprache in der Halbzeitpause fiel auf fruchtbaren Boden, denn natürlich ist dem Österreicher nicht verborgen geblieben, dass der erste Durchgang so gar nicht eintracht-like war, wenig mit dem zu tun hatte, was die Hessen zuletzt ablieferten. „Die Köpfe waren unten“, sagte Glasner. „Ich habe gesagt: Spielt mit Überzeugung, ganz oder gar nicht. Wir können das besser, nehmt die Köpfe hoch.“ Es sollte sich auszahlen. Daichi Kamada und Randal Kolo Muani drehten die Partie.

Für Vorstand Hellmann ein Qualitätsmerkmal, dass die Eintracht nun Spiele gewinnen kann, wenn sie nicht auf dem Höhepunkt ihres Schaffens agiert. „Wir haben jetzt Waffen“, sagt er und meint auch Kolo Muani, der durch seine Schnelligkeit und seine Durchsetzungsfähigkeit besticht und nach den Fahrkarten gegen Dortmund unbedingt etwas reißen wollte. „Er wollte – bumm – dieses Ding machen“, sagte Hellmann, der sich überdies zum einen über Sporting ärgerte, weil der Klub sich dagegen entschied, zumindest einen Teil der 10 000 freien Plätze an Frankfurter Fans zu vergeben. „Mich betrübt das“, sagte er. „Wir würden das anders regeln. Zumal es keine Anzeichen dafür gab, dass ein problematisches Spiel bevorsteht. Ich habe da eine andere Vorstellung, wie man so ein Fußballfest zelebrieren sollte.“ Und er war nahezu erbost darüber, dass die Polizei rund 800 Frankfurter Fans den Zugang ins Stadion erst zur zweiten Halbzeit erlaubte, was zu einem massiven Stimmungseinbruch führte. „Unsere Fans sind schikaniert worden“, zürnte der Vorstandsboss. „Das muss aufgearbeitet werden.“ Dass es trotzdem zum Happyend reichte, verbuchte Hellmann kurzerhand so: „Es gibt Karma.“

Und nun? Wie geht es weiter für die Eintracht? Zunächst einmal am Samstag in Augsburg, weshalb es auch keine „wilde Party“ in Lissabon (Krösche) gab. Glasner scheint fest entschlossen, mit seinem Team in der Bundesliga weiter zu marschieren. „Wir wollen das jetzt auf höchstem Niveau durchziehen.“

Am Montag richten sich die Blicke nach Nyon, wo die Eintracht als Zweite einem Gruppenersten zugelost wird – ausgenommen sind deutsche Teams und Tottenham. Es könnte also heftig werden im Achtelfinale, das zwischen dem 14. Februar und dem 15. März ausgespielt wird, es warten Hochkaräter wie Manchester City. Die Eintracht nimmt es, wie es kommt, insgeheim aber rechnet sie sich was aus. „Auf leisen Sohlen träumen wir von einem zweiten Villarreal“, sagte Hellmann. Die Spanier haben in der Vorsaison in der Königsklasse überrascht und sind als Europa-League-Gewinner bis ins Halbfinale marschiert. Vielleicht wiederholt sich Geschichte auch hier.

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