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Der Sehnsuchtsort

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Von: Thomas Kilchenstein

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Was für eine Aussicht: Camp Nou, das Stadion des FC Barcelona, ist mehr, viel mehr als eine Fußballarena. imago images
Was für eine Aussicht: Camp Nou, das Stadion des FC Barcelona, ist mehr, viel mehr als eine Fußballarena. imago images © imago images/Carlos S. Pereyra

Um das berühmte Camp Nou des FC Barcelona ranken sich viele Mythen und Legenden - manche stimmen sogar.

Der Tourist aus Österreich war schwer beeindruckt. Beeindruckt von der Größe, von der Erhabenheit, von der Pracht. Natürlich. Eigentlich sind alle Touristen beeindruckt, nachdem sie die U-Bahn Linie 5 bei Collblanc oder 3 bei Palau Reial verlassen haben und im „Heiligtum des Barcelonismus“, wie es heißt, spazieren gegangen sind: dem Camp Nou, jener legendären, offiziell 99 354 Zuschauer fassenden Betonschüssel im Herzen der katalonischen Hauptstadt, vis-à-vis dem Cementiri de les Corts gelegen, dem Friedhof.

Auch Tourist Oliver Glasner war beeindruckt, als er vor einigen Jahren im spanischen Fußballtempel mit seiner Familie weilte und das Besucherprogramm durchlief. Damals war er noch ein unbekannter Trainer des Linzer Athletik-Sportklubs, zweite österreichische Liga, und niemals, wirklich niemals „hätte ich damals gedacht, dass ich hier mal als Trainer ein Pflichtspiel bestreiten werde“, wie Oliver Glasner dieser Tage im Podcast von Eintracht Frankfurt sagte, ein Traum sei wahr geworden, „für mich das Karriere-Highlight schlechthin“.

Am Donnerstag (21 Uhr/RTL) also wird Eintracht Frankfurt nach dem 1:1 im Hinspiel erstmals in der Vereinsgeschichte in einem Pflichtspiel diesen besonderen Rasen im Camp Nou, dem neuen Feld, betreten. Camp Nou - das ist mehr als ein Fußballstadion, genauso wie der FC Barcelona mehr ist als ein Klub (mas que um club), Camp Nou - das ist ein Verheißungsort, ein Sehnsuchtsort, ein Ort, den eine beinahe schon mythische, ganz spezielle Aura umweht. Eine Pilgerstätte für jeden Fußballromantiker, der die Magie dieses Sports aufsaugen mag, Hier, im Wohnviertel Les Corts, steht Europas größtes Stadion, hier pflegt man, Geschichte zu schreiben, nicht nur sportlich: Die Arena ist zugleich ein Sinnbild für die Bestrebungen Kataloniens nach Unabhängigkeit. Was sich auch in Namen manifestiert: Auf Spanisch heißt der Fußballtempel übrigens Nou Camp.

Der FC Barcelona, sagen viele, sei ohne das Camp Nou nicht erklärbar, das Stadion, 1957 eröffnet, gehört zur Barca-DNA, ist untrennbar mit dem 170 000 Mitglieder zählenden Klub verbunden, denen es gehört, und nicht etwa einem Trust oder der Stadt. Hier werden Titel gefeiert und neue Stars vorgestellt, als Zlatan Ibrahimovic einst kam, waren 45 000 im Stadion, weniger waren es bei Ronaldinho oder Thierry Henry, in der Bundesliga gibt es vielleicht ein Foto von der Unterschrift des Neuen. Hier sangen Pavarotti, Carreras und Domingo, aber in erster Linie ist es eine Stätte der Leidenschaft, Hingabe, Begeisterung mit dem Ball.

Dabei ist es nicht so, dass es eine besonders laute Arena ist - es sei denn; der Clasico gegen den ewigen Rivalen Real Madrid steht an. Ansonsten ist das Publikum im Fußballtempel eher zurückhaltend, es gibt keine klassische Fankurve seit Präsident Joan Laporta 2003 der rechten Ultra-Gruppe Boixos Nois Stadionverbot erteilt hat, es gibt keine Stehplätze. Die Zuschauer in Nou Camp kommen aus dem gutbürgerlichen Milieu, es ist ein fachkundiges Publikum, keines, das krakeelt und sich allenfalls mitreißen lässt, wenn die Leistungen auf dem mit der Nagelschere geschnittenen, stark bewässerten Rasen - um das Spiel schneller zu machen -, außergewöhnlich sind. Man pflegt eine gewisse Grandezza, bis vor ein paar Jahren hingen in den diversen VIP-Räumen teure Gemälde bekannter Maler, etwa von Joan Miro.

„Fans in Barcelona kommen unmittelbar vor dem Anpfiff mit der Mentalität eines Zuschauers, der etwas geboten bekommen will“, sagt Ronald Reng, der renommierte Sportbuchautor, im Gespräch mit der FR, und er muss es wissen. Er hat über den FC Barcelona ein Buch geschrieben („Die Entdeckung des schönen Fußballs“) und er hat von 2001 bis 2012 im Schatten von Nou Camp gelebt. Und vorher gehen sie in den umliegenden Restaurants und Bars essen, „keine Tapas“. 85 000 der knapp 100 000 Tickets sind Dauerkarten, Neukunden müssen oft jahrelang auf einer langen Warteliste ausharren. Ein „Hexenkessel“, wie Barca-Trainer Xavi nach dem Hinspiel in Frankfurt sagte, dürfte die Eintracht eigentlich nicht erwarten, das ist in Barcelona eher unüblich. „Die Leute reagieren auf das Spiel“, sagt Reng, nicht auf einen Capo, einen Vorsänger. Der Besuch eines Spieles des fünffachen Champions-League-Siegers gilt als gesellschaftliches Ereignis, wer rein darf, gehört dazu.

Tradition ist natürlich die „Cant del Barca, die Vereinshymne, die vor dem Anpfiff gespielt wird („Tot el camp és un clam“) und an dessen Ende alle „Barca, Barca, Barca“ singen. Und dann kann es losgehen.

Legendär sind im Camp Nou die Aufholjagden, „la Remontada“, und die berühmteste ist, logisch, jene, an die Eintracht-Schlussmann Kevin Trapp keine besonders guten Erinnerung hat. Damals, am 8. März 2017, drehte Barca nach einer 0:4-Hinspielpleite bei Paris St. Germain das Match in den letzten Minuten noch und gewann sensationell noch mit 6;1, Trapp sah bei vielen Toren nicht besonders gut aus, es war der Tiefpunkt seiner Karriere, die ihm im Grunde bald auch den Job bei PSG kostete. „Eine andere Mannschaft, ein anderer Verein, ein andere Situation“, sagte Trapp jetzt schmallippig, als er an diese schwarze Stunde erinnert wurde. Er selbst werde zwar immer weiter danach gefragt, aber dies sei längst „nicht mehr im Kopf“.

Ein paar Jahre zuvor, ebenfalls im März, reichte dem AC Mailand ein 2:0-Vorsprung nicht, 4:0 siegte Blaugrana im Rückspiel. Unvergessen auch jener Auftritt des „Schlächters von Bilbao“, Andoni Goikoetxea, der Diego Maradona im Camp Nou nach brutalem Tackling den Knöchel brach, es klang, schrieb der Argentinier seinerzeit in seiner Biografie wie „wenn Holz bricht.“

Mit einem Mythos freilich muss aufgeräumt werden: Das Spielfeld in Camp Nou ist nicht wesentlich größer als üblich, die Maße des Platzes sind 105 x 68 Meter, so viel misst etwa auch die Anlage im Frankfurter Stadtwald oder die Bayern-Arena in Fröttmaning. Nur wirkt das Spielfeld in Barcelona angesichts der Dimensionen der Gesamtkonstruktion halt nur um so vieles größer.

Ab diesen Sommer übrigens erhält die legendäre Spielstätte einen neuen Namen. Es ist natürlich ein Frevel, aber Barca, mit mehr als eine Milliarde Euro in der Kreide, braucht das Geld - 65 bis 70 Millionen Euro wird der Sponsor für die Namensrechte per annum zahlen, vier Jahre lang. Dafür heiß das drittgrößte Stadion der Welt künftig „Spotify Camp Nou“. Offiziell zumindest.

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