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Eintracht Frankfurt: Mario Götze - Der Raumdeuter

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Von: Ingo Durstewitz

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Im Herbst seiner Karriere ist Mario Götze längst bei sich, in der Form seines Lebens und bei Eintracht Frankfurt der Schlüssel zum Erfolg.

Für den Vollblutfußballer Mario Götze kommt es am Samstag dann doch noch mal zum Wiedersehen mit der Ex, erstmals seit der schmerzliche Trennung vor zwei Jahren, die unausweichlich, aber gar nicht so harmonisch war. Da kann das Herz schon mal schneller schlagen. Doch Mario Götze, Kreativkopf bei Eintracht Frankfurt, wollte es ja so, er ist ja zurückgekehrt in das bekannte Revier. Für den WM-Helden, der so ziemlich alles erlebt hat in seiner Karriere, der im Himmel und in der Hölle war, ist das Aufeinandertreffen mit Borussia Dortmund am Samstag (18.30 Uhr/Sky) ein ganz besonderes, ist doch klar. Mit Vorfreude blicke er dem Spiel entgegen, sagt der Starspieler. „Ich habe meine Jugend da verbracht, viele Jahre dort gespielt, viele gute Momente und eine gigantische Zeit gehabt“, befindet der 30-Jährige und schiebt breit grinsend nach, wie er die Geschichte angehen will: „Alte Gesichter wiedersehen und ein bisschen Fußball spielen.“

Ja, so einfach ist das wohl wirklich, wenn man Mario Götze im Herbst 2022 und im Herbst seiner Laufbahn beobachtet: ein bisschen Fußball spielen. Ein banaler Halbsatz, doch besser könnte der frühere (und bald wieder?) Nationalspieler sein gesamtes Wirken und Tun nicht zusammenfassen. Genau so sieht es nämlich aus, wenn der Allgäuer mit dem Adler auf der Brust aufläuft, er beherrscht das Spiel, deutet es, er liest es aus. Mario Götze lässt es leicht aussehen, er gibt dem Spiel seinen Ursprung zurück. Das mag ein bisschen dick aufgetragen klingen, aber in den guten Momenten trifft es zu, er kann vieles, was andere nicht können und auch nicht lernen können, weil er eine spezielle Gabe hat. „Mario ist ein außergewöhnlicher Spieler“, sagt Sportvorstand Markus Krösche.

Gelernt ist gelernt, feines Füßchen: Mario Götze. Foto: Imago Images
Gelernt ist gelernt, feines Füßchen: Mario Götze. © Imago/Rene Schulz

Das stellte der gereifte Techniker auch am Mittwoch in seinem 50. Champions-League-Spiel gegen Olympique Marseille unter Beweis, wurde prompt zum „Man of the Match“ gekürt, nicht nur weil er den 2:1-Siegtreffer durch Randal Kolo Muani gekonnt vorbereitete. Götze drückte dem Spiel seinen Stempel auf, diktierte es mit einer unaufdringlichen Leichtigkeit, vielleicht ist er ja wirklich, wie Mitstreiter Sebastian Rode sagt, „in der Form seines Lebens.“

Mario Götze: Er will doch nur spielen

Es war Eintracht-Manager Krösche, der die Idee hatte, das einstige Wunderkind aus der Versenkung zu holen, weg aus dem niederländischen Eindhoven, zurück ins Stahlbad Bundesliga. Anfangs waren viele skeptisch, manche hielten das Engagement gar für eine Marketingkampagne, Götze, der Polarisierer, schien zum Spaltpilz zu werden. Das war allerdings, bevor er loslegte. Inzwischen würde das niemand mehr behaupten. Götze hat sich eingegliedert, kommt bodenständig, nahbar und natürlich daher, ohne Flausen oder Extrawürste. Er will nur spielen, Fußball spielen.

Götze ist ein Fixpunkt in der Offensive geworden. Nicht alleine, das geht nicht, das kann er nicht, der Memminger ist kein Sprintertyp oder Dribbler, der Spiele mit einer Soloshow entscheidet. Er braucht Spielpartner, die ihn verstehen, ähnlich kluge und pfiffige Akteure wie Daichi Kamda oder Sebastian Rode. Oder pfeilschnelle wie Randal Kolo Muani oder Jesper Lindström. Dann hebt der Raumdeuter das Spiel mit seinen Aktionen auf ein anderes Level obwohl er ein Tempodefizit mit sich trägt, das auf diesem Niveau und in der heutigen Zeit nur schwerlich auszugleichen ist. Er schafft es, fußballerisch, antizipatorisch. „Magisch“, findet Stürmer Kolo Muani den Kollegen, Jesper Lindström sieht in ihm „den Schlüsselspieler, er weiß alles, findet immer den richtigen Moment, ihn kannst du immer anspielen, er spielt mit so viel Ruhe.“ Immer dann, wenn sie nicht wissen, wohin mit dem Ball, schieben sie ihn zu Götze, der wird schon eine Lösung finden. Macht er meistens.

Der 63-fache Nationalspieler ist unangefochten, in der Bundesliga stand er in allen elf Partien in der Startelf, er verträgt die Strapazen ausgesprochen gut, er ist topfit, nicht verletzt, er ist sich auch für die Drecksarbeit nicht zu schaden, ist ein absoluter Teamplayer. Auffällig: Nicht selten reißt er die meisten Kilometer ab.

Nahezu unweigerlich kommt bei seiner Vita und seinen Darbietungen die Frage auf, ob er nicht mit zur WM nach Katar fahren sollte. Bundestrainer Hansi Flick hat ihn schon häufiger live in Augenschein genommen und ihn zunächst einmal in den opulenten vorläufigen Kader berufen. Mitte November wird dann das endgültige Aufgebot bestellt. Mit Götze? „Kein Thema für mich“, sagte der Akteur nach dem Marseille-Spiel.

Fakt ist, dass Flick den geläuterten Star schon im September für die Länderspiele gegen Ungarn und England aufgrund von Ausfällen nachnominieren wollte. Bei der Eintracht kam dieses Vorgehen nicht gut an, die Sportliche Leitung hielt es für unangemessen, einen solch verdienten Spieler nur nachzunominieren. Entweder, so die Argumentation, die auch dem DFB dargelegt wurde, man baue auf Götze oder nicht. Aber nicht als Notnagel. Der Spieler selbst sah es ähnlich.

DFB: Fährt er mit zur WM 2022?

Und nun? Kann Super-Mario der Nationalelf in Katar helfen? Auf seiner Position ist die Konkurrenz groß, andererseits ist er ein Unterschiedsspieler, der seine Mitspieler einsetzen und besser machen kann, auch Einordnung ins Kollektiv ist für ihn kein Problem. Und Hansi Flick betonte, man wolle auch Spieler für besondere Momente dabei haben.

Götze stellt keine Ansprüche, sein Seelenheil hängt nicht an der WM, dazu hat er zu viel erlebt, dazu fühlt er sich aktuell zu wohl. Wichtig wäre ihm eine Perspektive bei dem umstrittenen Turnier, eine faire Chance. Als aussichtsloser Hinterbänkler würde er auf den Wüstentrip wohl eher verzichten. Flick, der am Mittwoch im Stadion war, wird das ausloten, Gespräche mit dem 30-Jährigen sind avisiert. Ausgang offen.

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