Niedersachsen, Wolfsburg: Fußball: Bundesliga, VfL Wolfsburg - Eintracht Frankfurt, 29. Spieltag in der Volkswagen Arena. Wolfsburgs Renato Steffen und Frankfurts Daichi Kamada (r) kämpfen um den Ball.
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Schlecht beraten? Daichi Kamada von Eintracht Frankfurt (rechts).

Verhandlungen um Kreativkopf

Eintracht Frankfurt und der Poker um Daichi Kamada

  • Ingo Durstewitz
    vonIngo Durstewitz
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Stockende Verhandlungen um den Kreativkopf Daichi Kamada führen bei Eintracht Frankfurt eher nicht zu schlaflosen Nächten.

  • Daichi Kamada hat bei Eintracht Frankfurt eine hervorragende Saison hinter sich.
  • Adi Hütter zeigt sich schon lange als großer Anhänger seines Spielgestalters.
  • Daichi Kamada wäre gut beraten, noch eine Weile bei Eintracht Frankfurt zu bleiben

Frankfurt – Schon länger hat sich Frankfurter Trainer Adi Hütter als großer Anhänger seines feingliedrigen Spielgestalters Daichi Kamada geoutet. „Ich bin ja von Haus aus ein Fan kreativer Spielkunst“, sagt der Österreicher, der genau deshalb den 24 Jahre alten Wusler aus Nippon so dufte findet. „Daichi ein absoluter Kreativkopf. Für mich ist er die positivste Erscheinung in diesem Jahr.“ Salbungsvolle Worte.

Der Mittelfeldmann, der so unnachahmliche Haken schlagen und in hohem Tempo seine Gegner im wahrsten Sinne des Wortes auswackeln kann, hat eine hervorragende Saison hinter sich, zehn Tore erzielt, davon sechs in der Europa League und zwei entscheidende beim FC Arsenal, neun Treffer vorbereitet, gerade zum Ende der Spielzeit aufgedreht und, ganz nebenbei, in Berlin gemeinsam mit André Silva das Tor des Monates erzielt. Eine Entwicklung, die so nicht unbedingt zu erwarten war.

Eintracht Frankfurt: Daichi Kamada kann den Unterschied ausmachen

Vor einem Jahr war er aus Belgien zurückgekehrt, und der Trainer konnte kaum glauben, dass das dieser Daichi Kamada sein sollte, den er zwölf Monate zuvor kennengelernt hatte, da präsentierte er sich wie ein scheues Reh, introvertiert, verschüchtert. Nach einem erfolgreichen Gastspiel in Belgien bei VV St. Truiden (36 Spiele, 16 Tore, neun Vorlagen) wurde er in Frankfurt wieder vorstellig, er war aufgetaut und offener. Trotzdem überlegten die Frankfurter Verantwortlichen nicht lange, als eine Offerte des FC Genua reinflatterte, 4,5 Millionen Euro wollten die Italiener bezahlen. Kamada absolvierte bereits den Medizincheck, doch weil die Eintracht die von Genua vorgesehene Zahlungsmodalität nicht akzeptierte, blieb Kamada zunächst in Frankfurt, und irgendwann hatte er Hütter restlos überzeugt, der einen Wechsel durch sein Veto verhinderte. Kamada startete durch.

Kamada ist der Spieler im Eintracht-Ensemble, der den Unterschied machen kann, er ist ein Freigeist, der Überraschendes aufs Feld bringt, der aus dem Schablonenhaften und Universellen ausbricht. Er ist der letzte verbliebene Mittelfeldspieler, der für Spielwitz und Raffinesse steht; Mijat Gacinovic, ein anderer Offensiver, hat sich der TSG Hoffenheim angeschlossen, der Serbe war aber ohnehin viel zu unstet und matt in seinen Leistungen. Und der jetzt zurückgekehrte Aymen Barkok muss beweisen, dass er überhaupt das Rüstzeug mitbringt, um dauerhaft in der Premiumklasse mitzuhalten. Bleibt: Daichi Kamada.

Dessen Kontrakt läuft in einem Jahr aus, und Sportvorstand Fredi Bobic äußerte sich zuversichtlich, dass der Japaner, der 2017 für 2,5 Millionen Euro von Sagan Tosu gekommen war, alsbald einen langfristigen Vertrag unterschreiben würde.

Doch dann passierte nichts mehr, bis heute nicht, und längst ist herausgesickert, dass es nicht so einfach werden wird, wie es sich die Sportliche Leitung gedacht hat. Der Deal hakt an Kamadas japanischem Berater Roberto Tukada, der auf einmal das große Geld riecht.

Daichi Kamada: Er wäre gut beraten, noch eine Weile bei Eintracht Frankfurt zu bleiben

Der Eintracht-Techniker ist neben Takefusa Kubo vom FC Villareal das beste Pferd in seinem Stall, und jetzt spekuliert der Agent darauf, so richtig abzusahnen. Das geht am leichtesten bei einem Vereinswechsel oder einer festgeschrieben Provision bei Verlängerung.

In den Verhandlungen geht es nicht um die sportliche Perspektiven oder die Ausrichtung des Klubs, sondern ausschließlich ums Geld. Dem deutschen Berater des Profis, Ex-Eintrachtler Thomas Kroth, ist das Pokerspiel gar nicht recht, ginge es nach ihm, hätte der Japaner schon längst sein Autogramm unter das Arbeitspapier gesetzt.

Kamada, der mit der Eintracht am 29. August (19 Uhr) ein Testspiel beim niederländischen Topklub Ajax Amsterdam bestreiten wird, wäre gut beraten, noch eine Zeitlang in Frankfurt zu bleiben und seine gute Saison zu bestätigen. Denn, und das gehört auch zur Wahrheit, bisher hat die Offensivkraft in Deutschland erst diese eine ansprechende Spielzeit hinter sich gebracht. Seine Leistungen sind oft gut, aber beileibe nicht immer, er unterlag auch in der zurückliegenden Runde schon einige Schwankungen. Auch jetzt, beim 0:1 in Basel, war er komplett abgetaucht und nicht zu sehen. Vielleicht geht seine ungeklärte Zukunft nicht spurlos an ihm vorbei, vielleicht nagt sie an ihm.

Daichi Kamada: Sollten alle Stricke reißen, müsste Eintracht Frankfurt auch über einen Verkauf nachdenken

Wie es nun weitergeht, ist unklar. Klar ist hingegen, dass Eintracht-Sportchef Fredi Bobic ziemlich cool mit der Hängepartie, die zum Pokerspiel geworden ist, umgeht. Er wird sich nicht treiben lassen oder in Aktionismus verfallen. Womöglich wird das Angebot auch noch mal modifiziert, aber ganz sicher nicht in dem Rahmen, wie es sich der japanische Berater wünscht. Da ist der Eintracht-Vorstand ganz pragmatisch, und er lässt erst einmal Zeit verstreichen, gibt der anderen Partei zu verstehen, dass man auf die Dienste des Akteurs gerne weiter zurückgreifen würde, aber eben nicht um jeden Preis, Fußball würde bei der Eintracht auch ohne Daichi Kamada gespielt – genauso wie ohne Ante Rebic und Luka Jovic.

Sollten alle Stricke reißen, müsste Eintracht Frankfurt auch über einen Verkauf nachdenken, schließlich läuft sein Vertrag nur noch ein Jahr, was bedeutet, dass er 2021 ablösefrei gehen könnte. Ein Szenario, das alle Vereine vermeiden wollen. Auch die Eintracht. Vorbereitet wäre sie, das Geld würde in Ersatzmänner reinvestiert, denn im offensiven Mittelfeld ist sie ohnehin schwach auf der Brust. (Von Ingo Durstewitz)

Unterdessen könnte Eintracht Frankfurt Filip Kostic und Martin Hinteregger verlieren. Der Kader der SGE hat mehrere offene Baustellen.

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