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Der Nervenstarke

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Von: Daniel Schmitt

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Kleiner Mann ganz groß: Rafael Borré. Foto: AFP
Kleiner Mann ganz groß: Rafael Borré. © AFP

Rafael Borré überwindet sein persönliches Elfer-Trauma und schießt die Eintracht ins Glück.

Für diesen einen Moment sprach er mit seinen braunen Augen. Sie glitzerten im Scheinwerferlicht, schienen all das zu absorbieren, was da um ihn herum geschah, die auf ihn gerichteten 44 000 Blicke, selbst die der Millionen vor den Bildschirmen überall auf dem Globus. Sie sagten das, was sein ganzer Körper spürte: Pures Selbstvertrauen, die Überzeugung, es gar nicht mehr vergeigen zu können, nein, auf keinen Fall, nicht in diesem Moment, nicht mit diesem Fokus, nicht mit diesen braunen Augen. Rafael Borré, 26, Kolumbianer, Stürmer und Elfmeterschütze Nummer fünf in diesem für Eintracht Frankfurt so epischen Europa-League-Endspiel zu Sevilla gegen die Glasgow Rangers, wusste, was er tat, er wusste, wohin das gleich alles führen würde – hinein ins Netz, sein Schuss, gewaltig durchgezogen, platziert ins linke Eck, hoch noch dazu, vor allem aber hinein in die Herzen so vieler Menschen, die es mit dem Fußballklub aus dem Hessischen halten.

Für den siegbringenden Schützen der Eintracht schloss sich in Sevilla ein ganz persönlicher Kreis. Nicht weit entfernt, knapp vier Kilometer, sah Borré noch im März das große Nervenflattern über sich kommen. Da zitterten aus elf Metern im Achtelfinalhinspiel bei Real Betis erst die nervösen Augen und dann das rechte Füßchen. Heraus kam ein Schüsschen, ohne Selbstvertrauen, ohne Überzeugung, zum Scheitern verdammt. Hinterher geriet Borré in eine veritable Schaffenskrise, spielte schwach in den folgenden Partien, wirkte platt, nicht nur körperlich, auch mental. Etwas mehr als zwei Monate später ist er einer der Helden in einer Mannschaft voller Helden. „Unglaublich wertvoll“, sei Borré für die Mannschaft, wiederholte sein Trainer Oliver Glasner ein schon oft geäußertes Lob. Der Fleiß, die Laufbereitschaft, die Leidensfähigkeit, sie zeichneten den kleinen Großen über die Saison hinweg aus, die er im Grunde durchgehend bestreiten musste als Solounterhalter in vorderster Eintracht-Linie.

Auch im Finale gegen Glasgow rackerte sich Borré wieder ab, rannte hin und her und her und hin und einmal sogar zwischen Rangers-Verteidigern hindurch. Mit seinem lang ausgefahrenen Bein stocherte er die Kugel zum wichtigen 1:1-Ausgleich ins Netz. Ein Treffer des Willens, „er hat für dieses Tor gefightet“, so Glasner, „und sich belohnt.“

Im Endspurt aufgeblüht

Rafael Borré, der in der Mannschaft gefühlt vom ersten Tag an wegen seines offenen wie fröhlichen Naturells voll integriert war, obwohl sein Englisch mies und die Verständigung mit manch Mitstreiter dadurch nicht einfach ist, schwang sich in den Alles-oder-nichts-Wochen der Saison zu einem enorm wichtigen Bestandteil des Teams auf. Oft kritisiert im Saisonverlauf für seine fehlende Kaltschnäuzigkeit, hämmerte er in Barcelona aus der Distanz den Ball in den Giebel, er sicherte daheim gegen West Ham in bester Mittelstürmermanier den Sieg, er war gegen Glasgow – neben einigen anderen - entscheidender Mann. Das Spezielle: Seine braunen, glitzernden Augen wussten es vor allen anderen. Vielleicht auch vor dem Rest seiner Selbst.

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