1. Startseite
  2. Eintracht

Der Kreis schließt sich für Eintracht Frankfurt

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Ingo Durstewitz

Kommentare

Der Verein und seine Fans können nach der epischen Nacht von Sevilla nun auch Frieden schließen mit dem Trauma von Rostock, 1992. Ein Kommentar

Sevilla – Es hat so kommen müssen, genau so und nicht anders. Zehn Schüsse aus elf Metern, neun drin, einer gehalten vom großen Helden, mit dem Knie, von dem Mann, der sich in der schwülen Nacht von Sevilla unsterblich gemacht hat, Kevin Trapp, der Hexer im Eintracht-Kasten. Mit dieser kitschig-schönen Geschichte, diesem wundersamen Eintracht-Triumph in Andalusien in einem maximal dramatischen Showdown, hat sich nicht nur ein Kreis geschlossen. Es sind gleich mehrere Traumata, kleine oder größere, bewältigt worden. Der Cupsieg 2022 hat epochale Bedeutung, er schießt den Verein in eine andere Umlaufbahn – monetär, aber in erster Linie emotional. Eintracht Frankfurt hat sich zurückgemeldet auf der Fußballlandkarte, Eintracht Frankfurt ist wieder wer.

Dieses Finale, das für den Klub mit dem größten Sieg seit mehr als vier Jahrezehnten endete, musste eben genau so nach Hause gebracht werden: In einem Elfmeterschießen nach einem dramatischen Fußballkrimi, und dieses Mal war es so gewollt, dass Eintracht Frankfurt das bessere Ende für sich hat – nachdem es vor drei Jahren im Halbfinale beim FC Chelsea nicht hat sollen sein, die Eintracht nach zwei verschossenen Elfmetern im Halbfinale die Segel streichen musste. Schicksal. Damals entstand ein besonderes Band zwischen den Menschen und dem Verein. Diese Verbindung hat die Mannschaft nun über sich hinauswachsen lassen, nicht in jedem der 13 ungeschlagenen Spielen, aber doch in sehr vielen. Gekommen, um zu vollenden.

Eintracht Frankfurts Finalteilnahmen in Pokalwettbewerben seit 2017

JahrWettbewerbErgebnis
2017DFB-Pokal1-2 gegen Borussia Dortmund
2018DFB-Pokal3-1 gegen Bayern München
2022Europa League5-4 i. E. gegen Glasgow Rangers

Eintracht Frankfurt: Von Sehnsucht getrieben

Die Eintracht hat mit dem Triumph, hier schließt sich der nächste Kreis, auch das Scheitern vor einem Jahr relativiert. Damals hat die Mannschaft auf den letzten Metern die Champions League verspielt, die Enttäuschung war entsprechend groß. Zwölf Monate später ist die Königsklasse geschafft – durch einen selbst geholten internationalen Titel. Märchenhaft.

Es ist diese Sehnsucht, die Eintracht Frankfurt angetrieben hat, es dieses Mal zu schaffen, dieser besondere Spirit - fast schon auf Knopfdruck zu erzeugen. Der Erfolg ist verdient, die Eintracht ist ein würdiger Champion, ein verdienter Sieger. Zufall ist die Entwicklung nicht, die Hessen standen in den vergangenen sechs Jahren in fünf Halbfinals und drei Endspielen - zwei davon haben sie gewonnen. 2018 gegen die Bayern, 2022 gegen Glasgow. Gerade der Titelgewinn vom Mittwoch ist ein epischer Erfolg. Die Eintracht hat vieles richtig gemacht in den letzten Jahren, gerade in der Klubführung mit seismographischem Gespür für Schwingungen, Stimmungen, Entwicklungen.

Große Gefühle in der Hitze Andalusiens: Eintracht Frankfurt ist wieder wer.
Große Gefühle in der Hitze Andalusiens: Eintracht Frankfurt ist wieder wer. © dpa

Die Eintracht, mehr als 100.000 Mitglieder stark, vor zehn Jahren erst wieder aufgestiegen in die Bundesliga und 2016 fast wieder zwangsversetzt worden ins Unterhaus, hat eine erstaunliche Stabilität, eine Kraft, die von innen erwachsen ist und von außen potenziert wird. Sie ist die beste Botschafterin, die sich die Stadt Frankfurt wünschen kann, sie ist die beste Werbefigur, die sich ganz Deutschland und der kontinentale Dachverband erträumen darf.

Eintracht Frankfurt versetzt zwei Städte in Ausnahmezustand

Die Eintracht, auch wenn es sich pathetisch anhören mag, hat gemeinsam mit ihren frenetischen Fans Fußballfeste gefeiert, Magie und Zauber erzeugt, sie hat Menschen zusammengeführt und vereint. Sie hat gezeigt, dass Fußball tatsächlich mehr ist als nur ein Spiel, identitätsstiftend und ausgleichend wirken kann, dass er tatsächlich der Kleber ist, der eine Gesellschaft zumindest in Teilen zusammenhalten kann.

Das ist kein Alleinstellungsmerkmal, an vielen pulsierenden Standorten teilen die Menschen ihre Liebe zu ihrem Verein, der ihnen auch Halt gibt, irgendwie Selbstwert. Schalke, Bremen, Hamburg, Köln, Stuttgart – Traditionsklubs mit einer massiven Fanbasis. Und auf Entzug. Die zweijährige Corona-Enthaltsamkeit hat die Leute nur noch gieriger, enthusiastischer und enthemmter werden lassen. Die Eintracht hat diesem Trend, diesem Spektakel, nun die Krone aufgesetzt. Zwei Städte sind im Ausnahmezustand: der Finalort Sevilla und der Heimatort Frankfurt.

Und vielleicht kann der Verein nun auch Frieden schließen mit Rostock, 1992. Vielleicht wirkt das größte Trauma der Vereinsgeschichte seit Mittwochnacht und dem gigantischen Erlebnis im Erlebnis im Estadio Ramón Sánchez-Pizjuán nicht mehr so gewaltig und monumental – 30 Jahre hat es gedauert. Der Kreis hat sich geschlossen. (Ingo Durstewitz)

Auch interessant

Kommentare