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Der Knoten bei Eintracht Frankfurt ist geplatzt

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Von: Thomas Kilchenstein

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Im Glücksrausch: Eintracht-Keeper Kevin Trapp.
Im Glücksrausch: Eintracht-Keeper Kevin Trapp. © dpa

War der erste Sieg nach einer halben Ewigkeit für Eintracht Frankfurt ein Befreiungsschlag? Zumindest scheint Trainer Oliver Glasner seine Formation gefunden zu haben.

Frankfurt – Hinter dem Frankfurter Torwart Kevin Trapp liegt eine, wie er sagte, „bewegende Woche“. Viel sei da los gewesen, ein unmoralisches Angebot aus Manchester, die Champions League-Auslosung, doch am Ende waren die aufregenden Tage mit einem fulminanten Happyend gekrönt. Dass der Torwächter dabei drei Gegentore schlucken musste, hat ihn persönlich zwar gefuchst, dennoch war nach dem lange souveränen, hochverdienten 4:3 (3:2)-Sieg beim SV Werder Bremen die Erleichterung bei Trapp - und nicht nur bei ihm - sicht- und spürbar. „Es war schon ein bisschen Druck auf dem Kessel.“

Der Start in die Liga hätte besser laufen können für den ambitionierten Europapokalgewinner, zwei dünne Unentschieden und eine 1:6-Packung gegen die Bayern vor der Partie im Weserstadion ließen die Frankfurter hinter den Erwartungen herhinken, es ruckelte und knirschte noch vernehmlich im Spiel der Eintracht. Insofern war der Dreier aus dem Norden, der erste Bundesligasieg noch dazu seit Mitte März gegen den VfL Bochum, womöglich der ersehnte Befreiungsschlag. Trapp zumindest hatte danach dieses Gefühl, „also ob der Knoten geplatzt ist.“

Eintracht Frankfurt: Spielerisch und läuferisch top – für 60 Minuten

Tatsächlich war der Auftritt in Bremen der beste der Frankfurter in dieser Runde, wenigstens eine gute Stunde lang. Da zeigten die Hessen all das, was sie spielerisch und läuferisch draufhaben, am Ende auch kämpferisch. Es wurde nach Herzenslust kombiniert, der Ball rollte zeitweise am Schnürchen, wurde mit hohem Tempo so schnell als möglich der direkte Weg zum gegnerischen Tor gesucht - und, was neu war, auch gefunden. Selbst Bremens Trainer Ole Werner staunte nicht schlecht über die hohe Frankfurter Schlagzahl: „Es war das erste Mal, seitdem ich bei Werder bin, dass wir mit diesem Tempo und dieser Spielgeschwindigkeit konfrontiert wurden“, sagte der 34 Jahre alte Fußballlehrer. Tatsächlich waren der bärenstarke Randal Kolo Muani, Jesper Lindström, der flinke Daichi Kamada oder auch Mario Götze, der die Gabe hat, den Ball schnell zu machen, viel zu geschwind für die Bremer, denen das frühe Attackieren und Anlaufen überhaupt nicht schmeckte.

In diesem spektakulären, offensiven Spiel, sicherlich trotz mancher Fehlleistungen eine Werbung für den Bundesligafußball, passte vieles bei den Gästen zusammen, was zuletzt noch hakte. Spielverständnis und -freude waren vorhanden, die Laufwege stimmten, die letzten Pässe kamen, die Entscheidungen, die getroffen wurden, waren die richtigen. Etwa bei Jesper Lindström: Scheiterte der schnelle Däne eben noch allein an Torhüter Jiri Pavlenka mit einem Flachschuss, so wählte er nur wenige Minuten später aus fast identischer Position eine andere Variante, den Lupfer - und hatte Erfolg, es war das 3:2. Lindström agierte am rechten Flügel und dürfte da fürs Erste den wankelmütigen Ansgar Knauff verdrängt haben. Ohnehin war eine Erkenntnis dieses Begegnung: Eintracht Frankfurt kann inzwischen nicht nur Torchancen herausspielen, sondern sie sogar verwerten, „aus jeder Chance“, wunderte sich Torwart Trapp, „haben wir ein Tor gemacht“. Fast aus jeder zumindest, Lindström oder Daichi Kamada hatten weitere beste Gelegenheiten.

Trainer Oliver Glasner zufolge habe sich das in letzter Zeit schon angedeutet. „Es hat auch vorher nicht viel gefehlt“, sagte er bei der Analyse. Das mag sein, aber in den jüngsten Spielen gegen Hertha und Köln kreierten die Frankfurter bei weiten nicht diese Fülle an Möglichkeiten. Dennoch: Wie es aussieht, könnte Glasner seine Formation gefunden haben, zumindest in den Spielen gegen Widersacher auf Augenhöhe: Vor einer Viererkette agieren die eher defensiven Sebastian Rode und Djibril Sow, für die kreativen Elemente stehen Kamada, der sich am Spieltag gegen einen Wechsel zu Benfica Lissabon entschieden hat und bei Eintracht Frankfurt bleiben wird, „definitiv“, wie Glasner sagte, Götze und Lindström. Und vorne ist die Wucht Kolo Muani, der bisweilen an den jungen Anthony Yeboah erinnert, kaum zu bremsen. Mit seiner Robustheit, gepaart mit hohem Tempo und enormen Durchsetzungsvermögen, ist er jetzt schon ein Gewinn für die Mannschaft. Und offensichtlich fühlt er sich als alleinige Spitze pudelwohl, kann dort seiner durchaus unorthodoxen Spielweise nach Herzenslust nachgehen, er liebt ja das Dribbling, den permanenten Zweikampf, gerne auch gegen zwei, drei Gegenspieler, wie etwa bei seinem Treffer zum 2:2. Insgesamt aber stehen mittlerweile deutlich mehr und bessere „reine“ Fußballer auf dem Platz, die mit dem Ball etwas anzufangen wissen - wenn man ihrem Spieltrieb keine Fesseln anlegt. Mit diesem Pfund lässt sich wuchern. „Das war ein guter Schritt in die richtige Richtung“, fand 1:0-Schütze Mario Götze, der sein bestes Spiel im Dress der Eintracht ablieferte.

Freilich weiß Glasner, dass diese offensive Ausrichtung nicht gegen jeden Gegner Erfolg verspricht, RB Leipzig am kommenden Samstag im Stadion ist ein anderes Kaliber, auch in der Champions League demnächst hängen die Trauben sicher höher. Da könnte diese offensive Ausrichtung womöglich kontraproduktiv ein. Es ist jetzt am Trainer, in diesen Spielen die richtige Mischung zu finden und angesichts der extrem hohen Belastung praktisch bis November regelmäßig personelle Wechsel vorzunehmen. Die Auswahl im Kader ist mittlerweile groß genug, Qualität vorhanden.

Und er wird weiterhin an der Stabilität der Abwehr feilen müssen, die nach wie vor anfällig wirkt. Gerade Evan Ndicka ist noch ein gutes Stück entfernt von seiner Bestform. „Drei Tore nach Standards, das müssen wir in den Griff kriegen“, legte Kevin Trapp den Finger in die Wunde. Denn immer wird Eintracht Frankfurt nicht vier Tore schießen. (Thomas Kilchenstein)

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