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Der geplante Zauber der Eintracht

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Von: Daniel Schmitt

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So soll es auch in London wieder aussehen: Jubelnde Eintracht-Profis um Filip Kostic.
So soll es auch in London wieder aussehen: Jubelnde Eintracht-Profis um Filip Kostic. © AFP

Zum zweiten Mal binnen drei Jahren steht Eintracht Frankfurt im Halbfinale der Europa League - auch dank einer alle mitreißenden Klubstrategie / Von Daniel Schmitt

Frankfurt/London – Kürzlich besuchte der „größte Glücksfall“ der jüngeren Vereinsgeschichte von Eintracht Frankfurt, wie Vereinsboss Axel Hellmann ihn nennt, sein einstiges Wirkungsgebiet im Stadtwald. Und er war begeistert. Total begeistert. Vor allem das Proficamp, just dort erbaut, wo er noch vier Jahre zuvor liebend gern Tennis zockte zur Ablenkung, sei sehr, sehr beeindruckend. Und diese ihm entgegengebrachte Herzlichkeit, vor allem von den vielen ihm bekannten Gesichtern, das habe ihn schon sehr erfreut. Er, Niko Kovac, der Pokalsiegercoach von 2018, habe sofort den besonderen Spirit wieder gespürt, den die Eintracht seit einigen Jahren versprüht. Auch dank ihm, dem „Stand-jetzt“-Trainer.

„Niko hat bei uns eine andere Arbeitsmentalität eingeführt und das Denken, Grenzen durch Fleiß zu verschieben“, berichtete Vorstandssprecher Hellmann vor einigen Wochen im FR-Interview. Vom Motto, man könne Außergewöhnliches schaffen, wenn man außergewöhnlich engagiert daran arbeite, „profitieren wir noch heute“. Auch dann also noch, wenn Eintracht Frankfurt zum zweiten Mal binnen drei Jahren in einem Europapokal-Halbfinale antreten wird, an diesem Donnerstagabend (21 Uhr/RTL) im Hinspiel beim englischen Vertreter West Ham United.

Eintracht Frankfurt: Der Geist von Berlin ist geblieben

Der ehemalige Bayern- und Monaco-Trainer Kovac nahm sich dann bei seinem Besuch im Stadtwald, am Tage des Viertelfinalhinspiels gegen den FC Barcelona, auch noch Zeit für die vereinseigenen Medien - und blickte zurück auf sein ganz persönliches Husarenstück: Beim Pokalfinale, begann Kovac, „haben wir eine besondere Magie hergestellt“. Bei jedem Spieler habe er vor dem Anpfiff „das Funkeln gesehen“, selbst beim Teamkoch, wie der 50-Jährige sagte. Bayern hin, Bayern her. „Wir haben es allen gesagt: Wir schaffen das.“

Nun liegt diese Sensation gegen die Münchner schon eine Weile zurück, der Geist von Berlin aber ist bis heute geblieben im Frankfurter Stadtwald. Auf diesem, und da übertreibt Axel Hellmann nicht, beruht ein nicht gerade geringer Teil des derzeitigen Erfolgs. Schon mit der „Auf-jetzt“-Kampagne im nervenaufreibenden und letztlich überstandenen Kampf gegen den Abstieg 2016, direkt nach Kovac‘ Ankunft, schafften es die Hessen, die ganze Wucht des Klubs, all das Positive, die Energie der Anhängerschaft, einzubeziehen und sportlich daran zu wachsen.

Seitdem ist dies ein bewährtes Mittel. Im Pokalfinale 2018, aber eben auch später. Die Europapokalfeste, ob nun im Rückspiel gegen Lissabon, ob in Rom, in Mailand, gegen Chelsea, Sevilla oder Straßburg - all das fußt auf einem in sich geschlossenen System. Fans, die die Mannschaft antreiben, eine Mannschaft, die die Fans mitnimmt. Und dann Barcelona, das Paradebeispiel dieser Symbiose, die Waldstadionisierung des Camp Nou.

Es geht dabei aber nicht nur um die reine Zahl an Fans, den Support während der 90 Minuten, den zwölfte Mann und die zwölfte Frau, die düsenjet-lauten, magischen Ballnächte, die sich halt so entwickeln, wenn ein Fußballspiel Spitz auf Knopf steht, wenn Großes erreicht werden kann. Es geht auch um den geplanten Zauber. Sich stark reden, selbst wenn der Gegner eigentlich stärker ist. Die innere Überzeugung, der David mit der Steinschleuder zu sein, nach außen zu tragen. Immer, zu jedem Zeitpunkt des Spiels, auch davor, gefühlt noch danach unter der Dusche. Es geht darum, Kräfte freizusetzen, die bei objektiver Betrachtung nicht da sein dürften.

Die „Bella Figura“ der Eintracht

Den Überraschungserfolgen von Eintracht Frankfurt auf europäischer Bühne liegt abseits des Sportlichen also auch eine astreine Strategie zu Grunde, eine durchschaubare Masche im positivsten Sinne. Nicht umsonst bemühte Axel Hellmann im FR-Gespräch vor den Spielen gegen Barcelona die „Bella Figura“, die die Eintracht keinesfalls abzugeben gedenke. Sehr ähnliche Worte hatte er schon 2018 vor dem Pokalfinale gewählt. Der ganze Klub - von besagtem Koch bis zum Mittelstürmer – soll in eine Stimmung versetzt werden, die Berge versetzen und, wichtiger noch, Titel gewinnen kann.

Jetzt, vor dem dritten europäischen Gastspiel in London binnen kürzester Zeit (Chelsea, Arsenal, West Ham), sind die vernehmbaren Schwingungen aus dem Herzen Europas andere, ruhigere, zurückhaltendere. Selbstverständlich machen die Verantwortlichen sich riesige Hoffnungen aufs Endspiel, sie träumen vom Finale in Sevilla, vom kalten Schluck Äppler aus dem Pott. Direkt nach der Barca-Auslosung aber war ihre verbale Herangehensweise eine lautere. West Ham dagegen wird beispielsweise von Eintracht-Sportvorstand Markus Krösche aufs Podest gehoben: „Eine brutal starke Mannschaft.“

In der Sache ist dies nicht ganz verkehrt, die Londoner sind leichter Favorit, nicht nur bei den Buchmachern. Den Druck des Favoritenstatus in einem einigermaßen ausgeglichenen Duell aber überlassen die Frankfurter gerne dem Kontrahenten. Das mutet klug an und dürfte erneut strategisch sein.

West Ham: Die englische Eintracht

Denn die Gefahr mit dem Herbeireden von Über-sich-Hinauswachs-Momenten ist ja, dass das zwar oft funktionieren kann, aber eben nicht immer funktionieren muss - selbst dann nicht, wenn ein Klub wie die Eintracht darin sehr geübt ist. In Barcelona fuhren die Frankfurter abseits des Sportlichen groß auf, organisierten am Vorabend des Spiels eine „Frankfurter Botschaft“, geladen waren 600 Gäste. Diesmal in London erhielten die Hessen dagegen nur 3000 Tickets fürs Stadion. Wahrscheinlich ist zwar, dass viele weitere Anhänger:innen vor der Arena für Stimmung sorgen wollen oder das Spiel in Pubs schauen, sie werden auch wie zuletzt in Barcelona überwiegend in Weiß auftreten. Aber es wird aufgrund des strikten englischen Umgangs mit Gästefans schlicht unmöglich sein, solch eine Stimmung wie in Camp Nou zu erzeugen.

Es gilt, sich diesmal also anders zu behelfen, ohne die vollumfängliche Wucht des Klubs auszukommen, die wird sich frühestens in der Woche in der eigenen Arena wieder entfalten können. Es gilt, sich diesmal auch ein bisschen durchzukämpfen in London, kratzbürstig zu sein gegen einen gewiss kaum weniger kratzbürstigen Gegner, um im Rückspiel, dem großen Showdown, noch alle Chance aufs Weiterkommen zu besitzen. Dann kommt es drauf an, dann sollen die Kräfte der Fans wieder überschwappen auf die Mannschaft - und umgekehrt. Diese magischen Nächte lieben sie bei Eintracht Frankfurt – und planen sie manchmal sogar. (Daniel Schmitt)

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