1. Startseite
  2. Eintracht

Nach Wolfsburg-Niederlage: Tiefe Risse in der Welt von Eintracht Frankfurt

Erstellt:

Von: Thomas Kilchenstein, Ingo Durstewitz

Kommentare

Auch der Beste macht mal einen Fehler: Kevin Trapp beim 0:1. Foto: Imago Images
Eintracht Frankfurt: Auch der Beste macht mal einen Fehler: Kevin Trapp beim 0:1 gegen Wolfsburg. © Jan Huebner/imago

Bei Eintracht Frankfurt brodelt es nach der Niederlage gegen Wolfsburg hinter den Kulissen: Spannungen zwischen Trainer Glasner und Sportvorstand Krösche.

Frankfurt – Ganz so arg, wie Max Kruse, der am Samstag öffentlich für immer beim VfL Wolfsburg aussortiert wurde, ist es den Profis der Frankfurter Eintracht (noch) nicht ergangen, doch so manchem Recken dürfte am Sonntag (11. September) noch lange die Ohren geklingelt haben. Der ansonsten verständnisvoll daherkommende Trainer Oliver Glasner hat nach einer desolaten Vorstellung bei der 0:1 (0:0)-Heimniederlage gegen den wahrlich nicht übermächtigen VfL Wolfsburg ein paar andere Saiten aufgezogen, Saiten, die man bisher öffentlich so nicht kannte vom verbindlichen, aber dieses Mal dünnhäutigen Österreicher. Glasner war nach der überflüssigen Pleite bedient, eine solche blutleere, saftlose Darbietung wollte er sich nicht gefallen lassen. Also stellte er sein Personal in toto in den Senkel, ließ seinem Ärger noch im Kabinentrakt freien Lauf.

„Langsam, behäbig, mit wenig Punch und null Durchsetzungsvermögen“ habe sein Team agiert. „Wir hatten sehr selten Tiefe, über Außen waren wir tot“, schimpfte der 48 Jahre alte Fußballlehrer. Die Standards seien „desaströs“ gewesen, „eine Katastrophe“. Damit nicht genug mit der Abrechnung des bis ins Mark enttäuschten Trainers: Der Auftritt habe „nichts mit dem zu tun, was wir spielen wollen und können“, donnerte Glasner, „es hat an allen Ecken und Enden gefehlt“. Für den Sonntag versprach er „harte und deutliche Worte“, er hielt seinen Spielern den Spiegel vor. „Wenn Djibril Sow, der mit Abstand die meisten Minuten gespielt hat, unser aggressivster Spieler auf dem Platz ist, dann machen viele andere etwas falsch.“ Er werde nur noch die Spieler aufstellen, die in der Lage seien, „unseren Powerfußball zu spielen“. Peng, das war deutlich.

Eintracht Frankfurt nach Wolfsburg-Pleite: Uneinigkeit und Irritation

Ohnehin scheint die angeblich heile Welt beim Europapokalsieger in letzter Zeit ein paar tiefe Risse bekommen zu haben. Hinter den Kulissen rumort und brodelt es, es gibt Spannungen, längst herrscht nicht mehr eitel Sonnenschein. Trainer Glasner und Sportvorstand Markus Krösche vertreten in der Frage der aktuellen Personalzusammenstellung inklusive der jüngsten Transferpolitik Vorstellungen, die eher nicht deckungsgleich sind. Der Kader wirkt in der Tat nicht richtig austariert, die Balance ist nicht stimmig, es wurde viel in die Breite investiert, einige Vakanzen bei der Eintracht nicht gefüllt. Das schmeckt dem Trainer nicht. Manager Krösche indes erwartet eine Weiterentwicklung des Teams und der einzelnen Spieler, das Aufgebot hält er für gut.

Die Partie gegen Wolfsburg war da ein klarer Rückschritt. Auch ist Glasners öffentlicher Rundumschlag nach der Pleite intern nicht gut angekommen. Die Lunte des Coaches ist in der Tat kürzer geworden, seine permanente laute Einflussnahme irritiert die Mannschaft, auch die Maßregelung einzelner Akteure. Nach dem Spiel gegen Wolfsburg etwa rüffelte der Coach den eingewechselten Offensivspieler Jesper Lindström sehr vernehmlich. Da scheint insgesamt einiges kaputtgegangen zu sein in den vergangenen Wochen. Auch eine Eskalation der Situation ist nicht ausgeschlossen – sollte sportlich nicht der Turnaround gelingen.

Ratsam wäre freilich, wenn sich beide Führungsfiguren im Sinne einer gedeihlichen Zusammenarbeit und zwecks Erfüllung der sportlich ambitionierten Ziele zusammenraufen und in aller Ruhe die Dissonanzen ausräumen würden. Es mutet nahezu grotesk an, dass die Eintracht-Welt nur dreieinhalb Monate nach dem Triumph von Sevilla derart aus den Fugen geraten ist. Andererseits: Gerade im Erfolg verändert sich vieles.

Eintracht Frankfurt gegen Wolfsburg: Der Tiefpunkt der Saison

Früh, sehr früh schon in der Saison, so sagte Glasner schon vor dem Wolfsburg-Spiel, habe er Themen zu bearbeiten, „die man sich als Trainer nicht wünscht“: Fünf verletzte Defensive, fehlende Alternativen, so dass der Coach gezwungen ist, Löcher zu stopfen. Das gelingt nicht immer. Und eine schlüssige Idee, wie eine tief stehende Mannschaft zu bespielen ist, hat er auch noch nicht gefunden. Ein Problem, das nicht neu ist, das aber in dieser Saison behoben werden sollte. Auch deshalb kam etwa Mario Götze nach Frankfurt.

Gegen Wolfsburg war es sicher keine gute Idee, Randal Kolo Muani auf den Flügel zu beordern. VfL-Trainer Niko Kovac hatte mit Kolo Muani in der Spitze gerechnet und großen Respekt vor dem unbequemen Franzosen. So verpuffte seine Wucht auf den Außen, vorne mühte sich Rafael Borré mal wieder vergebens. Und ob die Viererkette der Weisheit letzter Schluss ist, obwohl das Personal dafür fehlt, sei auch mal dahingestellt.

Die Partie gegen Wolfsburg war bislang der Tiefpunkt in dieser Saison. Da passte nichts zusammen. „Viel zu langsam“, habe man Fußball gespielt, urteilte Krösche. Eine einzige ernsthafte Torchance hatte sich den Frankfurtern geboten, ein Weitschuss von Kristijan Jakic (39.), der krachend am Innenpfosten landete, sonst gab es nichts Zwingendes. Die „Wölfe“ mussten nichts Außergewöhnliches leisten, um den ersten Saisonsieg zu landen. Die Eintracht spielte ohne jeden Druck, überbot sich gegenseitig in Quer- und Rückpässen, keiner versuchte mal ein Dribbling, alles wirkte pomadig. Dass dann ausgerechnet noch die verlässlichste Stütze patzte, passt ins schiefe Bild: Torwart Kevin Trapp verschätzte sich bei einer Ecke folgenschwer, Maxence Lacroix köpfte den Ball ins Tor (60.), erneut kassierten die Hessen nach einem Standard ein Gegentor. Ein Aufbäumen gab’s danach nicht.

Nach Wolfsburg-Niederlage: Eintracht Frankfurt vor der Woche der Wahrheit

Der Druck im Frankfurter Kessel nimmt durch diese unerwartete Niederlage zu, gerade auch für Trainer Glasner, der tunlichst in die Erfolgsspur zurückfinden sollte. Einfach ist das nicht: Olympique Marseille, wohin die Eintracht an diesem Nachmittag geflogen ist und wo am Dienstag (21 Uhr/Dazn) die Hymne erklingt, ist ein anderes Kaliber als Wolfsburg. Die Franzosen haben ebenfalls das erste Spiel in der Königsklasse verloren, 0:2 bei Tottenham, auch sie müssen jetzt punkten. In der heimischen Ligue 1 sind sie Tabellenzweite hinter Paris St.Germain, am Samstag gewannen sie ihr Ligaspiel gegen Lille mit 2:1.

Danach reist die Eintracht nach Stuttgart. Bisher ist dem VfB in sechs Spielen kein Sieg gelungen. Kein Zweifel: Es liegt eine Woche der Wahrheit vor Eintracht Frankfurt. Ausgang offen. (Thomas Kilchenstein, Ingo Durstewitz)

Auch interessant

Kommentare