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Musterschüler Sebastian Rode: Der Chef im Ring

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Von: Ingo Durstewitz

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Jubel nach dem vielleicht besten Spiel seiner Karriere: Sebastian Rode in Lissabon.
Jubel nach dem vielleicht besten Spiel seiner Karriere: Sebastian Rode in Lissabon. © IMAGO/Eibner

Der Eintracht-Anführer ist ein Mentalitätsmonster und mehr – das hat er in den Nächten von Sevilla und Lissabon demonstriert.

Wenn Sebastian Rode irgendwann mal Schluss macht mit Berufsfußball und auf sein Lebenswerk blickt, dann wird seine Zeitreise sicherlich Sevilla und Lissabon streifen, herausragende, unvergessliche Ereignisse im Universum des bescheidenen Profisportlers. Natürlich: Sebastian Rode, 32 auch schon, hat viel erlebt, sehr viel, von den unzähligen Verletzungen mal abgesehen, er hat in Dortmund gespielt und bei Bayern. Er hat Eindruck hinterlassen, überall. Der große Pep Guardiola nannte ihn „meinen Lieblingsspieler“, und der damalige Münchner Sportdirektor adelte ihn ehrfurchtsvoll als „Mentalitätsmonster“, solche Spieler mit tadelloser Einstellung und einwandfreiem Charakter brauche jedes Team, befand Matthias Sammer. „Sie sind der Kitt zwischen den Elementen.“ Das war direkt nach einem grandiosen Spiel des Seppl Rode, nahe seiner Heimat, in Darmstadt, 3:0 gewonnen, Tor gemacht, Tor vorbereitet. 2015 war das.

Ohne die Zeit bei den Bayern, das ist sicher, wäre Sebastian Rode nicht der Sebastian Rode von heute, nämlich viel mehr als „nur“ ein Mentalitätsmonster, er wäre nicht dieser beherrschende Spieler mit Antizipation und Rundumblick, der Chef auf dem Platz. Und vermutlich wären auch seine beiden einprägsamsten Erlebnisse nicht möglich gewesen. Sevilla. Lissabon.

In Spanien war er es, der sich im großen Finale gegen die Rangers gleich zu Beginn eine heftig blutende Platzwunde am Kopf zuzog. Aber der tapfere Recke dachte nicht eine Sekunde daran, aufzugeben, nicht an diesem Abend, nicht in diesem Spiel, in dem Helden geboren werden, Helden wie Sebastian Rode, der sich tackern ließ, mit durchtränktem Turban durchhielt und seine Mannen durch die epische Fußballschlacht führte. Mit Happy End. Der Kopfverband ist heute im Museum ausgestellt.

„Zum Niederknien“

War der Auftritt in Sevilla einer eines echten, unbeugsamen Kapitäns, so war seine Darbietung in Lissabon die vielleicht beste und nachhaltigste seiner gesamten Karriere – obwohl er nur 45 Minuten gespielt hat, die zweiten 45 Minuten. Gekommen, als sein Team mit dem Rücken zu Wand stand, 0:1 hinten, zwischenzeitlich Letzter der Tabelle D in der Champions League, das Aus vor Augen. Und dann dieser Auftritt, er hob das ganze Spiel mit seiner Präsenz, seinem Willen, seiner Furchtlosigkeit, aber auch mit seiner spielerischen Klasse auf ein ganz anderes Niveau. Sebastian Rode war der Gamechanger, der Unterschiedspieler, der Schlüssel zum 2:1-Sieg, dem Achtelfinale. „Er führt, er ist der Leader“, urteilte Vorstandssprecher Axel Hellmann.

Eintracht-Zeugnis

Europa-League-Triumphator , Champions-League-Achtelfinalist, Tabellenvierter in der Bundesliga mit so vielen Punkten nach 15 Spieltagen wie seit fast drei Jahrzehnten nicht mehr – Eintracht Frankfurt blickt auf ein außergewöhnliches, ja historisches Jahr zurück, das beste und schönste seit einer ganzen Ewigkeit. Grund genug, die Mannschaft zu würdigen, die ein Zwischenzeugnis mit der Note eins erspielt hat.

Das große Klassenbuch der Eintracht zum ersten Saisonteil, dieses Mal in Serienform und loser Folge. Spieler für Spieler im Porträt – vom Musterschüler bis hin zu jenen mit einem Blauen Brief. Dies es Mal an der Reihe: Sebastian Rode. Alle weiteren Spielerbewertungen unter: fr.de/eintracht-zeugnis

Selten zuvor hat ein Spieler, der kein Tor geschossen oder eines vorbereitet hat, solch einen Einfluss auf ein Spiel gehabt, es so geprägt und verändert wie dieser unermüdliche Antreiber im Mittelfeld, der in diesem zweiten Spielabschnitt mehr Zweikämpfe gewonnen hat als alle anderen Spieler auf dem Feld in 90 Minuten. Es war eine alle überragende Vorstellung, ja eine Weltklasseleistung, „eine Darbietung zum Niederknien“, wie die FR schrieb.

Seitdem, Anfang November, hat der Routinier, junger Familienvater und in Bensheim sesshaft geworden, mit dem einen oder andere Wehwehchen zu kämpfen, zum Ausklang in Mainz zerrte er sich die schon zuvor in Mitleidenschaft gezogene Wade. „Jetzt ist sie kaputt“, sagte das Stehaufmännchen in seiner sympathischen, direkten Art. Die Werbereise nach Japan trat er als Leitwolf natürlich dennoch an. Er ist mittlerweile ein Aushängeschild des Klubs, ein Gesicht des Vereins, hat an Statur und Format gewonnen – von der Eintracht ist er nicht mehr wegzudenken. Er wird ihr erhalten bleiben, auch wenn er nicht mehr spielt.

Sein Vertrag läuft noch eineinhalb Jahre, im Oktober 2024 wird er 34. Ob er sich dann aufs Fußball-Altenteil zurückgezogen hat? Besonders lange wird er nicht mehr spielen, das ist klar, es ist ohnehin ein kleines Wunder, dass er bei dieser Vorgeschichte mit Kreuzbandrissen und Knorpelschäden in den Knien überhaupt so lange und auf diesem Niveau durchgehalten hat.

Doch auch wenn mal Schluss ist irgendwann, werden Sevilla und Lissabon in den Gedanken aller weiterleben, es sind, wenn man so will, die Vermächtnisse des Seppl Rode aus Südhessen.

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