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Freiburg jubelt und die Eintracht um Abwehrspieler Timothy Chandler zaudert: Im Schwarzwald verliert die Eintracht mit 1:4.

SC Freiburg - Eintracht Frankfurt 4:1

Demontage im Schwarzwald

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    Ingo Durstewitz
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Eintracht Frankfurt kommt zum Rückrundenauftakt trotz Führung mit 1:4 in Freiburg böse unter die Räder und muss schleunigst nach Lösungen für den löchrigen Defensivverbund suchen

Nach genau 51 Spielminuten wäre die Bundesligapartie im Breisgau zwischen dem SC Freiburg und Eintracht Frankfurt um ein Haar entschieden gewesen. Eintracht-Regisseur Marc Stendera hatte mit einem hübschen Flachpass Stefan Aigner perfekt in Position gebracht. Der Frankfurter Flügelläufer war durch, strebte dem Freiburger Tor entgegen, schaute noch mal auf und sah im Augenwinkel Mitspieler Haris Seferovic. Der Mittelstürmer war gänzlich frei, fünf, sechs Meter vor dem Kasten, er hätte den Ball nur noch ins leere Tor schieben müssen, wenn der Pass einfach nur so gekommen wäre, wie ihn Stefan Aigner normalerweise auch nachts um halb vier im Halbschlaf  spielen würde.

Tollpatschige Attacke

Doch an diesem Samstag hatte Stefan Aigner, wie er selbst sagte, einen „gebrauchten Tag“ erwischt, der Rechtsaußen spielte den Flachpass zu steil, zu fest, „zu schlampig“. Seferovic kam nicht an den Ball, die Riesenmöglichkeit war vertan. Es wäre das 2:0 gewesen, der Sack wäre zugeschnürt gewesen, nicht geknotet, aber doch fest zugebunden. „Das Ding wäre gegessen gewesen“, sagte Aigner eine gute Stunde nach dem Abpfiff.  Er hatte die Wollmütze tief in die Stirn gezogen, er sah bedröppelt und reichlich unglücklich aus, der Ur-Bayer im Dienste der Eintracht. „Es tut mir leid für die Mannschaft. Das heute geht hauptsächlich auf meine Kappe.“

Statt 0:2 hieß es nämlich zehn Minuten später 1:1, auch daran war Aigner maßgeblich beteiligt. Der 27-Jährige brachte den Freiburger Christian Günter nämlich mit einer tollpatschigen Attacke im eigenen Strafraum zu Fall, Vladimir Darida verwandelte den fälligen Strafstoß sicher. Es war der Anfang vom Ende für Eintracht Frankfurt, danach brachen alle Dämme. Zum schlechten Schluss gingen die Hessen im Schwarzwald unter, kamen mit 1:4 böse unter die Räder.  Gerade im zweiten Abschnitt zeigten die Frankfurter eine peinliche Vorstellung, da wurden sie von den als Schlusslicht in den Spieltag gestarteten Freiburgern vorgeführt. „Da wurden wir hergespielt“, räumte Aigner ein.

Er haderte noch lange nach dem Abpfiff mit seinen Fehlleistungen. „Bei dem Elfmeter gehe ich zu ungestüm hin. Ich wollte ihn nicht laufen lassen, dann haue ich ihn um. Das war einfach dumm.“ Weshalb? Aigner kann es sich selbst nicht erklären.

Natürlich war die Offensivkraft mitverantwortlich für die Klatsche zum Rückrundenauftakt, doch die Niederlage alleine an ihm festzumachen, wäre viel zu kurz gegriffen. Denn die Eintracht hat nach wie vor ein Problem, den Gegner vom eigenen Kasten fernzuhalten. Die Kontrahenten kommen viel zu einfach zu Torchancen, meistens reicht ein gewonnener Zweikampf im Mittelfeld und zwei Pässe nach vorne, um die Deckung der Hessen auszuhebeln.

Diese Problematik ist nicht neu, im Gegenteil. Genau da wollte Trainer Thomas Schaaf in der Winterpause den Hebel ansetzen. Dummerweise ist es nicht besser, sondern noch schlimmer geworden. Nie war Eintracht Frankfurt anfälliger als zurzeit. Das hatte sich im Übrigen schon in der Vorbereitung angedeutet, als die Hessen auch zu viele und vor allem viel zu viele leichte Gegentore kassierten, zuletzt vier Stück beim 3:4 gegen Servette Genf – einem Schweizer Zweitligisten.

Alle Weichen standen auf Sieg

Und auch der deutsche Tabellenletzte schoss den Frankfurtern die Bude voll, die Freiburger machten in diesem einen Spiel vier Tore – das ist fast ein Viertel ihrer Gesamttreffer (17) in 17 Hinrundenpartien. Es war erst der zweite Heimsieg der Breisgauer überhaupt. „Das ist schon sehr deprimierend“, sagte Eintracht-Sportdirektor Bruno Hübner. „Die Enttäuschung sitzt ziemlich tief.“

Zumal der Eintracht ein dreifacher Punkteerfolg auf dem Silbertablett serviert wurde. Alle Weichen standen auf Sieg, am Anfang sprach nicht viel für die Freiburger, die, wie Eintracht-Kapitän Kevin Trapp analysierte, „total verunsichert waren und Fehlpässe am laufenden Band fabrizierten.“

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Das lag natürlich auch daran, dass die Eintracht schon sehr früh in Führung ging, nach nicht mal einer Minute lag sie bereits in Front. Nach einem Freistoß von Marc Stendera staubte Marco Russ am langen Pfosten mit dem langen Bein ab. Das brachte den Gästen Sicherheit und sorgte für kollektive Verunsicherung bei den Platzherren. Das Pressing der Eintracht funktionierte, sie hätte die Führung ausbauen können, ja müssen, doch weder der bedenklich schwach Alexander Meier noch Takashi Inui oder Haris Seferovic brachten den Ball ins Tor.

Und dann, spätestens nach der Pause, kamen die Freiburger besser ins Spiel, die Hessen standen nur noch Pate und verfielen in alte Muster. Sie waren zu passiv, kamen immer häufiger einen Schritt zu spät, wichen zurück, statt energisch draufzugehen.

Russ: „Das ist dann eine Kettenreaktion“

Nach dem Ausgleichstor brachen die Frankfurter förmlich ein und fielen in sich zusammen, gerade über die rechte Abwehrseite und dem völlig indisponierten Timothy Chandler kamen die Gastgeber zu Chancen. Der erst jetzt von Werder Bremen gekommene und in der Halbzeit eingewechselte Stürmer Nils Petersen erlegte die bemitleidenswerte Eintracht mit einem lupenreinen Hattrick (63./69./88.). Chandler übrigens wird der Eintracht am Dienstag im Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg fehlen. Er sah seine fünfte Gelbe Karte.

Nach dem Keulenschlag rätselten die Frankfurter Spieler, die ja so gerne nach Europa schauen wollen, sich aber jetzt erst einmal nach unten absichern müssen, warum sie so kolossal untergingen. Marco Russ, der tapfere, aber hilflose Verteidiger, mahnte die fehlende mannschaftliche Geschlossenheit an: „Wenn es zwei, drei Spieler gibt, die denken, man kann auch einen Schritt weniger machen, dann kriegt man halt voll auf die Mütze.“

Und die Abwehrspieler hätten es dann halt schwer und „bekommen keinen Zugriff mehr“, wenn die Offensivspieler vorne nicht mehr bereit seien, die entscheidenden Meter zu gehen. „Das ist dann eine Kettenreaktion.“ Die zieht Eintracht Frankfurt nach unten.

Trainer Schaaf muss nun schnellstens eine Lösung für die Auflösungserscheinungen im Defensivverbund finden. Sonst droht ein harter Aufschlag.

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