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Das perfekte Eintracht-Kunstwerk

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Von: Ingo Durstewitz

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Eine Klasse für sich: Eintracht-Stürmer Jesper Lindström.
Eine Klasse für sich: Eintracht-Stürmer Jesper Lindström. © IMAGO/Jan Huebner

Eintracht Frankfurt brennt ein Feuerwerk nach dem anderen ab und muss sich selbst vor den Riesen aus Bayern nicht verstecken.

Irgendwann wurde es Markus Krösche dann zu viel. Zu viel Lobhudelei. Zu viele Superlative. Die Eintracht attraktiv wie seit einer halben Ewigkeit nicht mehr, Fußball von einem anderen Stern, wie damals in den 90ern mit Bein, Okocha und Yeboah oder noch früher, in den 70ern, mit Grabowski und Hölzenbein? So gut wie die Riesen von der Isar, Bayern-Jäger gar? Puh. Durchatmen. „Wir müssen die Kirche im Dorf lassen“, entgegnete der Frankfurter Sportvorstand nach dem furiosen 4:2-Spektakel gegen die TSG Hoffenheim. Es gebe einiges zu verbessern, die laxe Chancenverwertung nannte er. Oder den Durchhänger kurz vor und nach der Pause. „Da haben wir zu wenig gemacht.“

Auch der Trainer wirkte nach dieser betörenden Gala nicht so, als trügen ihn die Schmetterlinge in seinem Bauch hinauf auf Wolke sieben. „Wir müssen bei der Analyse sehr kritisch sein“, gab Oliver Glasner zu bedenken. „Wir haben Hoffenheim zu einfach zurück ins Spiel gelassen, wir geben dem Gegner zu leichte Tore.“ Ja, Herrschaftszeiten, das ist jetzt aber Nörgeln auf allerhöchstem Niveau. In Wahrheit sind es eher pflichtbewusste Hinweise der Bosse, die gewiss der Bodenhaftung und Sinnesschärfung dienen sollen. Soll nur ja keiner abheben.

Doch bei Lichte betrachtet ist ganz klar, dass diese Eintracht im Herbst 2022 tatsächlich Zauberfußball auf den seifigen Rasen des Waldstadions wirft, in ihrem Offensivdrang, ihrer Kombinationslust und ihrem Tempo einfach nicht zu stoppen ist. Da ist kein Kraut gewachsen. Mit den Bayern stellen die Hessen aktuell die mitreißendste und angriffsfreudigste Mannschaft der Liga. Sieben ihrer letzten acht Pflichtspiele hat die Eintracht gewonnen, nach den Münchnern die meisten Tore geschossen (31), sie steht im Achtelfinale des DFB-Pokals und der Champions League, hat sich in der Bundesliga auf Rang vier geschoben. In dieser Verfassung ist den Frankfurtern (fast) alles zuzutrauen.

Magisches Dreieck

„Wir sind auf einem sehr guten Weg“, findet Sportvorstand Krösche, stuft den Höhenflug aber doch als die berühmte Momentaufnahme ein. „In der letzten Saison waren wir nach der Hinrunde Sechster und am Ende nur Elfter.“ Dafür aber Europa-League-Sieger.

Die geballte Kraft der berauschten Eintracht bekam am Mittwoch die TSG Hoffenheim zu spüren, die zwar aus heiterem Himmel zwei Tore schoss und daher nur mit 2:4 die kurze Heimreise in den Kraichgau antreten durfte, sich aber auch über eine deftige Packung mit sechs, sieben, acht Gegentoren nicht hätte beschweren können. „Wir haben sie phasenweise schwindelig gespielt“, sagte Mittelfeldmotor Djibril Sow, und das ist nicht übertrieben.

TSG-Trainer André Breitenreiter konstatierte ehrfurchtsvoll: „Die Eintracht hat uns die Grenzen deutlich aufgezeigt. Gegen solche Mannschaften, die Top 16 in Europa sind, können wir nicht mithalten.“ Eine treffende Einschätzung, gleichwohl bemerkenswert: Lange ist es nicht her, da waren die Kräfteverhältnisse zwischen beiden Teams noch ausgeglichen.

Gerade in der Offensive brennt die Eintracht ein Feuerwerk nach dem anderen ab, die Mischung aus Tempo (Kolo Muani, Lindström, Knauff, Ebimbe) und Kreativität (Götze, Kamada) ist kaum zu verteidigen, zumeist wird der Ball direkt gespielt, gerne auch mal mit der Hacke, aber nicht zu Showzwecken, sondern sachdienlich. Dem 3:0 gingen gleich zwei Kabinettstückchen dieser Art (Lindström, Götze) voraus. Eine Augenweide. Technik, Spielintelligenz und Wucht münden in einem perfekten Gesamtkunstwerk.

Gerade das magische Dreieck mit Randal Kolo Muani, dem besten Vorlagengeber Europas (11), der von den Franzosen dennoch nicht für die WM nominiert wurde, dem wie entfesselt aufspielenden Jesper Lindström sowie WM-Fahrer Mario Götze verzückt nicht nur Frankfurt. Die Eintracht ist eine der heißesten Nummern Deutschlands. „Wir sind immer in der Lage, ein Tor zu schießen. Das ist ein großer Faktor“, sagt Manager Krösche.

Manch einer findet es daher schade, dass nach dem Spiel am Sonntag (15.30 Uhr) in Mainz, für das sich mehr als 10 000 Eintracht-Fans mit Tickets eingedeckt haben, erst einmal Feierabend ist mit Bundesliga. Die Verantwortlichen aber sind darüber froh. „Es war ein extrem anstrengendes Jahr. Die Pause wird uns gut tun“, sagt Krösche. Glasner flankiert: „Die Nationalspieler hatten zehn Englische Wochen am Stück und wir laufen trotzdem 122 Kilometer – das ist unfassbar.“

Nun gelte es, sich zusammenzureißen und die „Energie und den Spirit noch einmal für ein paar Tage auf diesem Level zu halten.“ Beim Nachbarn in Mainz soll nämlich ein grandioses Jahr gekrönt werden.

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