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Rückblick auf 2022: Das Jahr von Eintracht Frankfurt

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Von: Ingo Durstewitz

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Sinnbild eines epochalen Erfolges im Zeichen des Adlers: der Europa-League-Pokal.
Sinnbild eines epochalen Erfolges im Zeichen des Adlers: der Europa-League-Pokal. © IMAGO/Jan Huebner

In diesem Jahr ist bei Eintracht Frankfurt Geschichte geschrieben worden. Dennoch hat der Club in Zukunft einiges vor.

Frankfurt – Kurz vor der Jahreswende haben einige Eintracht-Würdenträger den Blick noch einmal in die Vergangenheit schweifen lassen. Aus gutem Grund. Es liegt ja so ein bisschen was hinter dem Frankfurter Bundesligisten, nicht weniger als die wahrscheinlich erfolgreichsten, aufwühlendsten und bewegendsten zwölf Monate der Vereinsgeschichte. Oliver Glasner, zum Beispiel, reiste via Eintracht-TV gedanklich zurück ins Frühjahr, jener Zeit, da er spürte, dass etwas ganz, ganz Großes entstehen und geschehen könnte. Er, der Eintracht-Trainer, habe daher seinen Schützlingen damals geraten, diese Phase „einfach zu genießen“, denn: „Es kann etwas passieren, was wir ewig mitnehmen und wovon wir noch unseren Kindern und Enkeln erzählen können.“ So sollte es dann kommen.

Am 18. Mai krönte sich die Eintracht in Sevilla zum Europa-League-Champion in einem feurigen Finale gegen die Glasgow Rangers, natürlich auf die dramatischste aller Möglichkeiten, im Elfmeterschießen. Rafael Borré haute das letzte Ding in den Knick, und der Wahnsinn brach Bahn. Die Eintracht hat, gar keine Frage, etwas Epochales geschaffen, für den Verein, die Stadt und die Menschen, die es mit ihr halten. Aber auch für den inneren Kreis selbst. „Die Verbundenheit dieser Gruppe wird für immer bleiben“, sagt Oliver Glasner. Fürwahr: Es ist ein Band entstanden, das die Helden von Sevilla auf ewig zusammenhalten wird. Auch wenn einige von ihnen, wie Filip Kostic, Goncalo Paciencia oder Martin Hinteregger, woanders oder gar nicht mehr spielen – Sevilla bleibt der Kit, der alles zusammenhält.

Eintracht Frankfurt im Jahr 2022 - Unmögliches möglich machen

Oliver Glasner hatte schon länger gespürt, dass in diesem Ensemble etwas wächst, das für den monumentalen Wurf reichen könnte. „Es war ein Gefühl im Team, das sich rational nicht erklären lässt, dieses Gefühl: Wir können es schaffen. Das war nicht aufgesetzt, sondern tiefe innere Überzeugung.“ Das hat dazu geführt, dass die Eintracht Grenzen verschieben, Unmögliches möglich machen konnte.

Den FC Barcelona ausschalten, als ein Beispiel, mit den vielen Begleitumständen: die freundliche Übernahme des Camp Nou, eine Festung in Weiß, 30 000 Eintracht-Fans, die Geburt der Bestia Blanca, der weißen Bestie. 1:0, 2:0, und das 3:0 durch Filip Kostic, „ein Moment für die Ewigkeit“, wie Glasner sagt, auch in der Retrospektive noch im Rausch. Er habe sich direkt an seine Co-Trainer gewandt und gefragt: „Was passiert da gerade? Ich kann es nicht glauben.“

Schon das Hinspiel war, natürlich, etwas ganz Besonderes, der Weltklub aus Katalonien zu Gast in Frankfurt, nicht zum Freundschaftsspiel, sondern im echten, harten, europäischen Wettbewerb. Und, wie es das Schicksal so wollte, und was mittlerweile wieder weit weg erscheint, obwohl es nicht mal ein Dreivierteljahr entfernt ist: erstmals wieder volle Hütte, Vollauslastung, Corona zurückgedrängt. Punktgenau zum größten Spiel seit einer ganzen Ewigkeit. „Ein Geschenk des Himmels“, wie Vorstandssprecher Axel Hellmann jubilierte.

Eintracht Frankfurt im Jahr 2022: „Die Romantik in den Fußball zurückgebracht“

Manchmal fügt es sich, wie der 51-Jährige festhalten sollte, Barcelona, Sevilla, der Titel, der erste internationale nach 42 Jahren, genau in dem Jahr, in dem die Ikonen Bernd Nickel und Jürgen Grabowski verstarben. Der Europapokalerfolg ist dem Grabi gewidmet, „mit dem Jürgen, für den Jürgen“. Hellmann findet: „Der Fußball hat eine gewisse Metaphysik. Wir haben die Romantik in den Fußball zurückgebracht“.

Die Eintracht hat sich, nebenbei, durch den ungeschlagenen Parforceritt durch Europa erstmals für die Champions League qualifiziert – wo sie erst einmal Lehrgeld bezahlt hat, das erste Spiel gegen Sporting Lissabon – ein herber Schlag. 0:3 im Waldstadion. „Sie haben uns gezeigt, wo der Barthel den Most holt“, sagt Axel Hellmann jetzt im Eintracht-Podcast.

Doch dass sich die Mannschaft nicht beirren ließ, in Windeseile lernte und trotz schlechter Ausgangsposition noch den Sprung ins Achtelfinale schaffte, war für manch einen zu viel. Nach dem entscheidenden Sieg in Lissabon flossen die Tränen bei Peter Fischer und Axel Hellmann. „Wir haben ja nicht gegen Krethi und Plethi gespielt“, betont Hellmann mit Blick auf die schwere Gruppe. „Und dann als Eintracht Frankfurt unter die besten 16 Vereine Europas zu kommen, ist wirklich etwas Außergewöhnliches. Und es gibt ein Fingerzeig, was machbar ist im Fußball.“ Stichwort: Grenzverschiebung durch Zusammenhalt und Kraftmobilisierung von innen heraus.

Eintracht Frankfurt im Jahr 2022: Nach schwerem Liga-Start zusammengerauft

Hellmann vergisst nicht daran zu erinnern, dass nach der Auftaktpleite viele, auch die FR, zu bedenken gaben: „Die Champions League ist vielleicht doch zwei Nummern zu groß. Doch dann kommen wir trotzdem noch mal ran und zeigen, wir passen in diese Schuhe. Wir sind verdient weitergekommen, weil wir eine schnelle Lernkurve hingelegt haben.“

Und weil Sebastian Rode beim entscheidenden Spiel in Portugal zur zweiten Halbzeit eingewechselt wurde und mit einem schier unglaublichen Auftritt, ja einer Weltklasseleistung dazu beitrug, das Spiel von 0:1 auf 2:1 zu drehen. „Dass ein einziger Spieler solch einen Impact auf ein Spiel hat, habe ich noch nicht erlebt – weder als Spieler noch als Trainer“, bekundet Coach Glasner. „Du brauchst in solch einem Spiel eine Initialzündung, in Lissabon war es Sebastian Rode.“ Und nun das Achtelfinale gegen den SSC Neapel, den Tabellenführer der Serie A. Na und? Vorstand Hellmann schickt schon mal ein paar Grüße nach Italien: „Wir wollen gegen Neapel nicht Bella Figura machen, wir wollen weiterkommen. Wir wollen noch ein bisschen was reißen,“

Auch in der Liga, nicht zu vergessen, ist die Eintracht vielversprechend unterwegs, Rang vier nach 15 Partien, nachdem es anfangs nicht so wirklich rund lief. Und es auch intern brodelte. Nach dem Gastspiel bei Hertha BSC, am zweiten Spieltag schon, krachte es zwischen Trainer Glasner und Sportvorstand Markus Krösche, in der Frage der Kaderzusammenstellung vertraten beide Vorstellungen, die nicht deckungsgleich waren. Glasner monierte so manche Transferentscheidung, Krösche hielt dagegenen, der Trainer haben die Pflicht, die Spieler weiterzuentwickeln.

Und dann? Haben sie sich zusammengerauft, auch weil Glasner seine Elf gefunden hat und diese kaum mehr veränderte. Gerade die Offensive zündete so manches Feuerwerk, mit dem formidablen Freigeist Daichi Kamada, dem Instinktfußballer Mario Götze und den beiden Sprintern im Sturm, WM-Entdeckung Randal Kolo Muani und Durchstarter Jesper Lindström. Gegen diese Kraft ist oft kein Kraut gewachsen.

Oliver Glasner über die Zukunft von Eintracht Frankfurt: „Begeisternden, ehrlichen Fußball spielen“

Coach Glasner ist gewiss der Erfolgsarchitekt, der die Mannschaft klug und geschickt führt, sodass keiner ausschert oder Stunk macht. Selbst einer wie Rafael Borré nicht, der zwar Sevilla-Held ist, aber keine tragende Rolle mehr spielt. Glasner freilich sorgt sich so ein bisschen um die Zukunft, hofft darauf, dass die Eintracht ihre Leistungsträger und Führungskräfte wird halten können, was nicht bei allen der Fall sein wird. „Wenn wir einen Aderlass nicht verhindern können, sind wir erst mal wieder raus“, sagte er im FR-Interview.

Für das neue Fußballjahr aber verspricht der Österreicher erst einmal wieder ein paar Vollgasveranstaltungen. „Wir wollen weiter begeisternden, ehrlichen Fußball spielen“, sagt er und fügt verschmitzt lächelnd an: „Vielleicht gelingt es uns dann, ein neues Kapitel in der Geschichte der Eintracht zu schreiben.“ Das Jahr 2022 noch toppen? Könnte schwierig werden. (Ingo Durstewitz)

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