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Das Herzklopfen wird lauter

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Von: Thomas Kilchenstein

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Einschwören für das große Ziel. Eintracht Frankfurt will am Mittwoch den Pott holen.
Einschwören für das große Ziel. Eintracht Frankfurt will am Mittwoch den Pott holen. © dpa

Nach dem Saison-Halali beginnt für Eintracht Frankfurt die bedeutsamste Zeit der jüngeren Vereinshistorie. „Wir haben alles im Kopf, alles im Körper“.

Frankfurt – Am Tag nach dem sommerlichen Warmlaufen für Sevilla im Mainzer Stadion ist der Frankfurter Trainer ans Brentanobad gefahren. Das Wetter war schön, blauer Himmel, fast so warm wie es in Andalusien sein wird, aber Oliver Glasner hat sich nicht ins benachbarte Freibad gelegt, sondern Daumen gedrückt. Die Fußballerinnen der Eintracht kämpften in ihrem Endspiel um den Einzug in die Champions League, eine Partie, die sich Glasner nicht entgehen lassen wollte - selbst wenn ihm ganz sicher andere Dinge aktuell mehr durch den Kopf gehen. Aber man benötige auch Abstand, sagt der Fußballlehrer, „du kannst ja nicht nur zu Hause sitzen und denken ‚Sevilla, Sevilla, Rangers, Rangers’. Da geht man ja kaputt.“ Er, Glasner, will mit einer gewissen Lockerheit, selbstverständlich auch mit Leidenschaft und Hingabe, in dieses Finale am Mittwoch gehen, gar keine Frage, aber: „Man darf dieses Fußballspiel auch nicht größer machen als es ist.“

Aus diesen Worten spricht ganz offenbar ein wenig die Sorge, die Begegnung übermorgen könnte überhöht werden, könnte derart überfrachtet werden mit Hoffnungen, Erwartungen, Wünschen, die gar nicht erfüllt werden können, statt dessen aber womöglich zittrige Kickerbeine lähmen. Seit Tagen gibt es ja in Frankfurt und Umgebung kein anderes Thema mehr, alles wird diesem einen Spiel untergeordnet, das immer monströser wird, immer gigantischer, je näher der Tag X rückt. Djibril Sow etwa, einer, der als Schweizer Nationalspieler schon einiges erlebt hat in seiner Karriere, berichtet von eigenem Erleben. „Seit fast zwei Wochen klopft schon das Herz.“

Eintracht Frankfurt: Generalprobe gegen Mainz glückt

Da war dann so ein Spiel gegen den FSV Mainz 05 zum Saison-Halali (2:2) ganz lehrreich. Glasner jedenfalls war „super froh“, dass es dieses Spiel noch gegeben habe, hat es doch erneut offenbart, dass eine Mannschaft wie Eintracht Frankfurt immer und immer wieder 100 Prozent geben muss, „wenn wir das nicht schaffen, wird es schwer“, sagt Sportvorstand Markus Krösche. Die ersten 15 bis 20 Minuten empfand Trainer Glasner gar als „grausam“, da sei sein Team überhaupt „nicht bereit für die Intensität“ gewesen eines Bundesligaspiels. Er habe ein Team gesehen, sagte der 47 Jahre alte Österreicher, das „sehr lethargisch, langsam, behäbig, ohne Lösungen nach vorne“ gespielt hatte, „wie im Freibad“. Wichtig sei, dass die Spieler „gespürt haben, dass sie den Punch brauchen“, um gegen Glasgow zu bestehen.

Immerhin rissen sich die Hessen dann zusammen, erzielten durch Tuta (26.) und Rafael Borré (35.) zwei Tore und, viel wichtiger noch, blieben von Verletzungen verschont. Das sah einmal bei Evan Ndicka nicht gut aus, der Linksverteidiger signalisierte nach knapp 70 Minuten, ausgewechselt werden zu müssen, bald aber gab es Entwarnung: Er habe sich Blasen an den Füßen gelaufen. Die nicht geplante Auswechslung von Verteidiger Tuta sei ebenfalls eine reine Vorsichtsmaßnahme. Ob es Jesper Lindström bis zum finalen Spiel schafft, ist weiterhin ungewiss, zwar „läuft alles nach Plan“, wie Glasner sagt, und der flinke Offensivspieler könne auch bereits „Teile des Trainings“ absolvieren, andererseits müsse man schauen, ob er schon die Intensität aufbringe, die ein Endspiel verlangt. „Vom Massagetisch zu kommen, geht nicht“, sagt Glasner.

Viel mehr spricht momentan also für einen Einsatz seines Vertreters Jens Petter Hauge, den der Coach auffällig oft lobt, „sehr zufrieden“, sei er, wie sich der Norweger einbringe, selbst wenn er zuweilen falsche Entscheidungen treffe. In Mainz indes tauchte der 22-Jährige mehrheitlich unter.

In den letzten Tagen vor dem großen Spiel wird Eintracht Frankfurt am gewohnten Ablauf nichts ändern, das Abschlusstraining wird am Dienstag in Frankfurt absolviert, dann geht es in den Flieger gen Sevilla. Die Regeneration steht im Vordergrund, neue Laufwege oder raffinierte andere Taktiken werden sie nicht einstudieren. „Es ist so ähnlich wie beim Abitur. Entweder ist man vorbereitet oder nicht. Wenn nicht, hilft es auch nicht, die letzten Tage davor noch alles rein zu pauken“, sagte der Österreicher dieser Tage. „Wir haben alles im Kopf und im Körper.“

Eintracht Frankfurt im Europa League-Finale: „Die beste Leistung abrufen“

Die Hessen werden alles daran setzen, in Sevilla ihre Stärken auf den grünen Rasen zu bekommen, die da wären: schnell spielen, aggressiv und mutig sein, attackieren, konsequent in der Defensive stehen und in den entscheidenden Spielen „die beste Leistung abzurufen“, was bislang in zwölf ungeschlagen gebliebenen Europa League-Partie prima geklappt hat. Und sie werden nur auf sich schauen, nicht auf das warme Wetter, den Gegner, das Stadion. „Wir machen uns nur Gedanken, was wir brauchen, um dieses Spiel zu gewinnen“, sagt der Trainer, das werde man allein stemmen müssen, „die Glasgow Rangers werden nicht für uns gewinnen“.

In diesem letzten von dann 48 Pflichtspielen geht es somit um alles, da kann eine „nicht so berauschende Saison“ (Kapitän Sebastian Rode) vergoldet werden. In der Liga hat die Eintracht enttäuscht, Platz elf ist grauestes Mittelmaß, zudem die schlechteste Platzierung der letzten fünf Jahre, 15 Punkte in der Rückrunde sind eines Abstiegskandidaten würdig, der letzte Sieg gelang vor zwei Monaten, Mitte März. „Wir können vieles wettmachen, wenn wir am Mittwoch das Ding holen“, sagt Rode. Sekt oder Selters, Himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt. Ein Spiel, 90 Minuten, gut oder schlecht. (Thomas Kilchenstein)

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