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Gut vernetzt und immer online: Eintracht-Chefanalyst Sebastian Zelichowski (rechts) mit Kollegen.

Sebastian Zelichowski

Das Ende der Frankfurter Wurschtelei

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Wie der Chefanalyst Sebastian Zelichowski Eintracht Frankfurt digital auf Vordermann brachte.

Als Sebastian Zelichowski vor zweieinhalb Jahren als neues Mastermind zu Eintracht Frankfurt kam, war der 36-Jährige bald einigermaßen verwundert, wie weit der hessische Fußball-Bundesligist der Musik hinterherlief: „Eintracht Frankfurt war infrastrukturell und digital noch längst nicht im Jahr 2016 angekommen.“ Es hakte an allen Ecken und Enden. Zelichowski, den Sportvorstand Fredi Bobic noch aus gemeinsamen Zeiten beim VfB Stuttgart kannte, bekam drei Monate, um den Problemen in Frankfurt auf den Grund zu gehen. Und der Chefanalyst fand heraus: „Es gab relativ wenig Austausch untereinander, es mangelte an Kommunikation, viele Abteilungen arbeiteten auf Inseln vor sich hin, mal gab es Zettelwirtschaft, mal wurden USB-Sticks per Kurier von A nach B geschickt. Scouts. Match-Preperation und Mediziner arbeiteten mit verschiedenen Programmen, alles war etwas angestaubt.“ Eine Wurschtelei, die so nach dem Willen von Big Boss Bobic nicht weitergehen sollte.

Hinzu kam: Wenn Mitarbeiter bei Eintracht Frankfurt ausschieden, konnte es passieren, dass sie ihre Aktenordner unter den Arm nahmen und mitsamt ihrem Wissen und der wichtigen Papiere einfach auf und davon waren. „Da ging oft viel Wissen verloren“, so Zelichowski. „Unser Auftrag war: Das darf mit der neuen digitalen Ausrichtung nicht mehr passieren.“ Gemeinsam mit der Firma SAP setzte der Leiter Analyse und Sporttechnologie der Eintracht dann einen Renovierungsprozess in Gang.

Das erzählte er kürzlich beim Sportbusinesskongress Spobis. Im sportlichen Bereich wurde ein zentrales Datenmanagement eingeführt, in dem inzwischen rund 550 Personen integriert sind: Trainer und Spieler von der jüngsten Mannschaft am Riederwald bis hin zu den Lizenzspielern, dazu alle Scouts und im Sport involvierte Personen. Die Eintracht und SAP entwickelten eine Plattform, auf der jeder Beteiligte über das Smartphone schnell Zugriff erlangen konnte.

Stick vom Hund gefressen

Wenn vormals ein U-19-Spieler aus dem 15 Kilometer entfernt am Riederwald gelegenen Nachwuchsleistungszentrum zum Training bei den Profis abkommandiert worden war, wussten weder Trainer noch Athletiktrainer, Physiotherapeuten oder Ärzte, welche Trainings- und Spielbelastungen der Junge in den Wochen zuvor erfahren hatte oder wann er zuletzt wo verletzt war. Der digitale Umbau beendete diese offensichtliche Unprofessionalität. Mittlerweile braucht es nur noch einen Mausklick, um die Informationen aus der Datenbank zu holen.

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Ein anderes konkretes Beispiel: Ein Profi, der zuvor einen USB-Stick in die Hand gedrückt bekommen hatte, um diesen zu Hause in seinen Rechner zu stecken und sich so auf den kommenden Gegner vorzubereiten, braucht jetzt nur noch ein paarmal auf dem Smartphone herumzutippen, um etwa herauszufinden, welche typischen Verhaltensweisen seinen Gegenspieler ausmachen.

Fredi Bobic: Erfolg dank dem „exzellenten Team“

Auch Trainingspläne sowie aktuelle Infos von den Medizinern und Ernährungsberatern sind über das Handy abrufbar. Es handele sich um einen „digitalen Kiosk“, so der Fachmann Zelichowski, „aus dem sich jeder Spieler bedienen kann, auch dann, wenn er im Flugzeug sitzt. Denn wir haben eine neue Spielergeneration, die immer eine Hand am Handy hat“. Vorher habe es „ schon mal Ausreden gegeben wie: Zettel in der Trainingstasche nicht mehr gefunden oder USB-Stick vom Hund gefressen.“ Diese Ausreden fielen nun weg.

Nach der erfolgreichen Einführung im Lizenzspielerbereich wurde das Projekt auf alle Abteilungen übertragen, unter anderem, so Zelichowski, „haben wir eine Scouting-App gebastelt, die die Scouts so leicht wie eine SMS bedienen können. Dass das geklappt hat, hat den Scouts gezeigt, dass wir sie ernst nehmen.“ Die alten Programme waren viel zu kompliziert und mühsam zu bedienen gewesen. In der Kabine steht inzwischen ein großer Touchscreen, auf der Trainer Adi Hütter seine Taktik erläutert und Spieler sowohl im Trainingsbetrieb als auch in der unmittelbaren Spielvorbereitung individuell in Selbstbedienung auf eine digitale Datenbank zurückgreifen können.

Die Eintracht hat den Vertrag mit Mastermind Zelichowski inzwischen um fünf weitere Jahre bis 2023 verlängert. Bobic begründet dies so: „Sebastian ist ein entscheidendes Puzzleteil bei uns. Wir sind so erfolgreich, weil wir Leute wie Sebastian haben, die im Hintergrund mit einem exzellenten Team eine sehr wertvolle Arbeit machen.“ Zelichowski, der vor dem VfB Stuttgart und Eintracht Frankfurt schon für den 1. FC Nürnberg und Hannover 96 arbeitete, sieht die vormals so angestaubte Eintracht inzwischen in einer „Vorreiterrolle – nicht nur in der Bundesliga, sondern in Mannschaftssportarten weltweit“.

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