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Volle Kraft voraus: Timmy Chandler.

Interview

„Das ist das Chandler-Gen“

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    Ingo Durstewitz
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Der Rechtsverteidiger über seine „Aufgeben-gibt’s-nicht“-Haltung, historische Spiele, das Gute im Schlechten und die Wahl in den USA.

Herr Chandler, Sie hatten nach dem Gladbach-Spiel zweieinhalb Tage frei. Manche aus dem Team fliegen nach London und kommen wegen Nebels nicht mehr rechtzeitig zurück. Haben Sie sich nur auf der Couch ausgeruht und gefaulenzt?
Nee (lacht). Meine Frau Nina und ich, wir waren auch weg. Erst sind wir nach Düsseldorf gefahren, dann noch rüber in die Niederlande. Spazierengehen, Seele baumeln lassen, es sich gut gehen lassen, den Kopf frei bekommen.

Braucht man das als Spieler nach einer englischen Woche?
Auf jeden Fall. Wir waren viel im Hotel und nicht zu Hause. Frau und Familie waren immer allein. Da ist es schön, mit der Familie etwas gemeinsam zu unternehmen. Mal was anderes sehen. Das hat mir gut getan.

Es war für Sie doch ein ungewöhnlicher Saisonverlauf. Aufs Abstellgleis geschoben, noch ein Rechtsverteidiger, Guillermo Varela, geholt, schließlich hätte Ihnen niemand einen Stein in den Weg gelegt, wenn Sie den Klub gewechselt hätten. Und jetzt sind Sie aus der Mannschaft fast nicht mehr wegzudenken. Kurios, nicht wahr?
Klar. Aber es lag auch viel an mir. Egal, wie weit weg ich von der Mannschaft schien, ich habe nie aufgegeben, habe in jedem Training Gas gegeben. Mehr kann man als Fußballer ohnehin nicht machen. Und ich habe versucht, alles nicht so nah an mich herankommen zu lassen. Ich habe sieben Wochen durchtrainiert, ich bin fit und gesund geblieben, und als meine Chance kam, eben im Spiel gegen Schalke, habe ich sie, wie ich meine, ganz gut genutzt.

Es muss doch für einen Profi ein unschönes Gefühl sein, wenn man mitbekommt, dass für seine Position noch ein zweiter Spieler gekauft wird?
Natürlich denkt man da: Wieso machen die das? Ich musste dann auch lesen, dass die Eintracht nicht mehr so sehr auf mich baut. Das musste ich schlucken. Aber im Endeffekt habe ich es noch mal geschafft und bin darüber überglücklich.

Und Sie wurden in Testspielen sogar als Innenverteidiger aufgeboten, auf einer Position, die nicht die Ihre ist.
Ja, aber ich habe die Situation so wie sie ist angenommen und habe die Position gar nicht mal so schlecht ausgefüllt. Ich habe auch dort mein Bestes gegeben, der Trainer war auch zufrieden, und wer weiß, vielleicht wäre ich auch als Innenverteidiger eine Alternative gewesen. Oder als Linksverteidiger. Der Trainer weiß jedenfalls, dass ich beide Füße habe.

Im Grunde war die letzte Saison für Sie doch ein Jahr zum Vergessen.
Eine Saison zum Vergessen will ich jetzt nicht sagen. Ich habe daraus gelernt, mit solch schwierigen Situation umzugehen. Aber das passiert immer mal wieder, dass du drei Monate auf der Tribüne sitzt, wenn der Trainer anders plant. Aber dagegen muss man angehen. Selbst wenn ich im Sommer den Verein gewechselt hätte, dann wäre ich wenigstens fit gewesen.

Weil Sie sich eine Verletzung in der Relegation zugezogen haben, mussten sie die Copa America mit der US-Nationalmannschaft absagen. Das war sicher bitter. Andererseits konnten Sie erstmals seit Jahren eine komplette Vorbereitung bestreiten, wovon Sie jetzt profitieren.
Genau so ist es. Für mich war es auch wichtig, die Relegationsspiele trotz der Verletzung durchzuziehen. Ich wollte unbedingt nicht wieder absteigen, und dann auch noch gegen Nürnberg, meinen Ex-Verein, dem ich viel zu verdanken habe. Wir haben es auf den letzten Drücker geschafft, und dafür nehme ich auch in Kauf, die Copa America verpasst zu haben. Dafür konnte ich trainieren. In jedem Schlechten steckt stets auch ein Gutes.

Es muss aber doch schwer sein, sich angesichts der scheinbaren Chancenlosigkeit auf einen Platz im Team in jedem Training zu 100 Prozent einzusetzen?
Ich hatte ja schon mal schwerere Zeiten in Frankfurt gehabt (unter Ex-Trainer Armin Veh gehörte Chandler monatelang nicht mal zum Kader; Anm. d. Red.). Mich immer wieder neu zu motivieren, ist für mich eigentlich nicht so schwer: Nach dem Training gehe ich nach Hause zu meiner Familie, zu meiner Frau, da ist immer gute Stimmung. Meine Familie und meine Frau geben mir den meisten Halt und die notwendige Kraft, das brauche ich. Auch deswegen hat es wieder geklappt in Frankfurt.

Und Aufgeben gibt es nicht im Hause Chandler?
Nein. Das habe ich von meiner Mutter. Sie hat auch nie aufgegeben, sie hat alleine drei Kinder großgezogen, und aus uns dreien ist was geworden. Keiner von uns ist irgendwie hängengeblieben. Das ist das Chandler-Gen, niemals aufzugeben. Ich bin Profifußballer geworden. Wer schafft das schon? Und da will ich in jeder Sekunde alles geben. Das ist dein Beruf, dafür habe ich jahrelang gekämpft. Das habe ich mir jeden Tag gesagt: Niemals aufgeben und sich niemals hängen lassen, sonst ist der schöne Traum ganz schnell vorbei.

Was ist mit Ihren Geschwistern?
Ich habe noch eine große Schwester, sie hat drei wundervolle Kinder, die sie großzieht. Sie arbeitet im Betrieb meiner Mutter im Büro. Meine Mutter hat einen Wasserpumpenbetrieb. Dort arbeitet auch mein Bruder im Außendienst.

Zurück zum Fußball: Und dann wird der fast schon kalt gestellte Chandler im ersten Heimspiel gegen Schalke eingewechselt und flitzt wie aufgezogen die Linien rauf und runter.
Es war ein schönes Spiel, volles Stadion, schönes Wetter. Der Trainer hat mir mit auf dem Weg gegeben, dass ich mutig sein soll, dass ich versuchen soll, die langen Bälle zu bekommen, damit wir hinten Luft bekommen. Und dem Trainer habe ich zeigen können, eine ernsthafte Alternative zu sein.

Und dann kam noch das Spiel gegen die Bayern. Das war sicher eines der besten in Ihrer Karriere. Wie kommt so was, ausgerechnet gegen die schier übermächtigen Münchner?
Das hat viel mit dem Vertrauen des Trainers zu tun. Er hat ja nach dem Schalke-Spiel auf mich gesetzt. Ich bin fit, fühle mich wohl in der Mannschaft, die Stimmung ist prima.

Spürt man das im Spiel. Spürt man, heute geht was?
Ja, das merkte man. Wir sind gleich sehr gut ins Spiel gekommen. Wir offensiven Außenverteidiger haben die Chance genutzt, früh daraufzugehen. Wir hatten ja mit dem dritten Innenverteidiger eine zusätzliche Absicherung.

Ist es eigentlich ein großer Unterschied für einen Außenverteidiger, wenn man mit einer Dreierkette spielt?
Das ist schon ein Unterschied. Wir Außenverteidiger stehen dann höher, greifen eher an und sind bei Ballverlust des Gegners schon viel weiter vorne. Bei einer Viererkette müssen wir mehr abwarten, wann wir nach vorne marschieren können. Das wichtigste ist aber, dass wir während des Spiels umstellen und somit viel variabler sein können.

Hand aufs Herz: Was ist denn jetzt das Geheimnis des Erfolgs der Mannschaft in dieser Runde?
Geheimnis will ich nicht sagen. Ich bin aber der Meinung, dass uns viele andere Mannschaften nicht so sehr auf dem Zettel hatten. Weil wir viele neue Spieler dazu bekamen, aus dem Ausland, dass es womöglich Integrationsprobleme geben könnte. Aber ich muss wirklich sagen: Wir haben eine Top-Truppe mit einer guten Stimmung. Die Trainer wissen genau, wie und wo sie uns einstellen müssen, wo sie uns lenken müssen und manchmal härter anfassen müssen. Selbst wenn mal schwere Wochen kommen sollten, und die werden kommen, werden wir das durchstehen.

Ein Erfolgsrezept ist sicherlich die in dieser Runde sehr stabile Verteidigung.
Ja, wir stehen da hinten auch richtig gut. Der Trainer legt großen Wert darauf, dass die Null steht, dann haben wir allemal einen Punkt sicher. Und wenn wir vorne noch ein Tor machen, ist noch mehr drin. Deshalb haben wir – vielleicht bis auf die Spiele gegen Berlin und Bayern – nur sehr wenige Torchancen zugelassen.

Wie schätzen Sie sich selbst innerhalb der Mannschaft ein? Haben Sie durch die guten Leistungen zuletzt an Statur gewonnen?
Ich glaube, ich hatte die ganze Zeit schon ein ganz gutes Standing innerhalb der Mannschaft. Ich rede viel mit den Kollegen, außerdem bin ich auch schon 26 Jahre alt und habe ein paar Jahr Profierfahrung gesammelt. Ich bin auch dafür da, gute Stimmung zu verbreiten und da, wo ich bin, ist es meistens ein bisschen lauter.

Wie gehen Sie mit Kritik um? Lesen Sie die Bewertungen eigentlich oder rauscht das einfach an Ihnen vorbei?
Natürlich nimmt man die Kritik des Trainers an, ansonsten hätte man sicher den falschen Beruf gewählt. Natürlich liest man auch Kritiken in den Zeitungen oder in den Sozialen Netzwerken oder man kriegt es mit, wenn Fans was sagen. Das gehört dazu. Ich habe damit kein Problem. Auch wenn mir das einer ins Gesicht sagen will, ist das für ich kein Thema. Kann er machen.

Jetzt können Sie es ja sagen: Was war denn dran an den Gerüchten, wonach der HSV Interesse an Ihnen hätte?
Wie so oft, ist immer ein bisschen was dran. Die Hamburger haben wohl auch gelesen, dass mich die Eintracht hier gehen lassen wollte. Es gab lose Gespräche, aber mein Ziel war immer, mich hier durchzusetzen. Und wenn es nicht geklappt hätte, wollte ich im Winter oder im nächsten Sommer, wenn mein Vertrag hier ausläuft, den Klub verlassen. Aber jetzt habe ich mich durchgesetzt, und jetzt will ich noch länger in Frankfurt bleiben.

Und was ist mit dem AS Rom? Die sollen aktuell die Fühler ausgestreckt haben?
(lacht) Italienisch kann ich noch nicht. Ich habe das auch nur aus den Zeitungen erfahren. Und was dort steht, ist für mich irrelevant. Ich freue mich, dass es bei uns so gut läuft und mit anderen Dinge beschäftige ich mich nicht.

Gibt es schon Gespräche über eine Vertragsverlängerung?
Konkretes gab es noch nicht. Ich will natürlich hier bleiben, ein paar Jahre noch, wenn es möglich ist. Aber das entscheidet der Verein. Meine Frau und ich fühlen uns jedenfalls wohl hier.

Sie waren ja unlängst bei einem historischen Ereignis dabei, erstmals seit mehr als 40 Jahren gab es wieder ein Fußballspiel zwischen den USA und Kuba in Havanna. Ein erhebendes Gefühl?
Das war schon was Besonderes. Havanna ist eine tolle Stadt, und für Touristen ist das super. Aber wenn man sieht, wie die Menschen dort leben, ist es nicht mehr so doll.

Und das Stadion, wo das Länderspiel stattfand, ähnelte einem Dorfsportplatz. Oder liegen wir damit falsch?
Nein, aber das war die offizielle Austragungsstätte. So was habe ich noch nie gesehen. Dagegen ist ein Dorfsportplatz richtig gut.

Was bedeutet Ihnen die US-Nationalmannschaft?
Sehr viel, weil man viel lernt, rumkommt, Turniere spielt. Das bringt mir viel und das will ich nach Möglichkeit bis zum Ende durchziehen. Mein Ziel ist auf jeden Fall die WM 2018 in Russland.

Haben Sie mit Jermaine Jones noch Kontakt, dem früheren Eintracht-Spieler?
Er war jetzt auch längere Zeit verletzt. Er spielt in den Staaten und macht dort sein Ding.

Am 8. November ist in den USA die Präsidentenwahl. Haben Sie schon per Briefwahl gewählt?
Ich darf wählen, ja. Habe ich aber nicht gemacht. Aber ich verfolge das alles sehr genau.

Und wenn würden Sie wählen?
Das behalte ich lieber für mich.

Interview: Thomas Kilchenstein und Ingo Durstewitz

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