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Eintracht Frankfurt in Marseille: Blanker Hass - auf beiden Seiten

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Von: Daniel Schmitt

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Tatsächlich wurde auch noch Fußball gespielt.
Tatsächlich wurde auch noch Fußball gespielt. © Tucat/afp

Die heftigen Krawalle von Marseille lassen den spektakulären Sieg von Eintracht Frankfurt fast zur Randnotiz verkommen - Eintracht-Klubbosse sind geschockt, ein Geisterspiel droht.

Philipp Reschke, der Anfang Juli nach über 20 Jahren in Diensten seines Herzensvereins in den Vorstand von Eintracht Frankfurt beförderte Justiziar, sollte im Anschluss an die Champions-League-Paarung zwischen Olympique Marseille und den Hessen erklären, was im Grunde nicht zu erklären ist. Er erledigte die Aufgabe tapfer wie geschockt, war sichtbar gezeichnet von den strapaziösen Stunden zuvor, von den Hunderten Böllerschlägen im gefühlten Zehn-Sekunden-Takt, von den Leuchtraketen-Exzessen der beiden Fanlager, von Hitlergrüßen im Frankfurter Block, vom blanken Hass, der der jeweils anderen Seite von nicht gerade wenigen Menschen entgegenschlug.

Mehr als zehn Minuten diktierte Reschke der Presse in den Katakomben des Stade Vélodrome die Sätze in die Blöcke - es waren bedachte, aber unmissverständliche Ansagen. „Dass wir sportlich einen kühlen Kopf bewahrt haben, ist natürlich großartig“, so der Vorstand nach dem Auswärtssieg (1:0), „aber mit dem Rest werden wir uns noch lange beschäftigen müssen.“ Es sei der von vielen, auch von den Eintracht-Chefs, befürchtete Ausnahmezustande geworden, „möglicherweise sogar darüber hinaus.“ Äußerst „befremdlich“ sei das Ausmaß an Aggressivität gewesen, „das uns da entgegengeschlagen und natürlich auch auf Reaktionen getroffen ist. Es gab auf beiden Seiten sicher eine ganze Menge Täter, aber auf der Seite der Gastgeber bedeutend mehr.“ Reschkes Einschätzung stimmte in der Tat, wenngleich relativierend angemerkt werden muss, dass der Marseille-Anhang im eigenen Stadion jenem der Eintracht zahlenmäßig ja auch deutlich überlegen war. Es fanden sich entsprechend auch mehr als genug, nein, unerträglich viele gewaltbereite Chaoten im Frankfurter Block.

SGE: Gewalt trübt ersten Erfolg in der Champions-League

Bereits eine Stunde vor dem Anpfiff beschossen sich die Lager hinweg über einen zehn, 15 Meter die Tribünen trennenden Abgrund die Leuchtraketen um die Ohren. Pfiffe vom restlichen Publikum waren darob nicht zu vernehmen, im Gegenteil sogar. Traf eine Rakete ihr Ziel, also den gegnerischen Block, wurden vor allem auf französischer Seite die Handys gezückt, Videos gemacht. Dann johlte ein großer Teil des Heimpublikums derart laut auf wie sonst wohl nur bei Toren des eigenen Teams. Mitunter hatte das was von einem nicht enden wollenden Silvesterfeuerwerk am Frankfurter Mainufer - allerdings mit bösen Absichten. Durchaus erstaunlich, dass die in rauen Mengen verfeuerten Mitbringsel keinem Fanlager ausgingen während des Abends. Mindestens ein Eintracht-Fan, der nicht an den Krawallen beteiligt war, erlitt im Stadion schwere Verletzungen, er wurde von einer Rakete am Hals getroffen, musste ins Krankenhaus und ist mittlerweile immerhin in einem stabilen Zustand. Ein sehr, sehr schwacher Trost.

Jene Fans, die von derlei Gewaltexzessen gedanklich wie faktisch meilenweit entfernt sind, sie bis aufs Äußerste verurteilen und eigentlich nur ein Fußballspiel, das erste auf fremden Rasen in der noch kurzen Frankfurter Champions-League-Historie, erleben wollten, konnten es nicht fassen. Ein Gefühl von Machtlosigkeit machte sich breit, waren sie schon den ganzen Tag mit einem mulmigen Gefühl durch die Stadt gelaufen. Im Anschluss an die Partie wurden sie in von der Polizei begleiteten Bussen aus dem Stadionumfeld gebracht, mussten dann noch eine gefühlte Ewigkeit eingepfercht in den Fahrzeugen verharren. Dass Marseille ein raues Pflaster werden würde, hatte sich bereits länger angedeutet, derartige Ausmaße aber trafen doch viele unvorbereitet. Waren die Hotels weit nach Mitternacht endlich erreicht, konnte durchgeatmet werden. Und das alles für ein Fußballspiel ...

Champions-League: Eintracht Frankfurt drohen Geisterspiele

„Die Stimmung war sehr aggressiv“, schilderte Oliver Glasner seine Eindrücke, der Eintracht-Trainer könne sich zwar über den sportlichen Erfolg freuen, „alles andere hat auf der Welt nichts verloren. Das ist kein Problem des Fußballs, sondern der Gesellschaft. Diese Leute nutzen diese Bühne, um auf sich aufmerksam zu machen. Wir müssen diesen Chaoten so wenig Bühne geben wie möglich.“ Als das Glasner-Team nach Spielende in die Kurve ging, drehten die Heimfans in selbiger Ecke ein letztes Mal durch, verballerten ihre Reste. Besser wäre es wohl gewesen, hätten die Spieler direkt den Gang in die Kabine angetreten. Denn auch ein gewisser Teil der Eintracht-Fans verdiente keinen Dank.

Sanktionen sind programmiert. Die auf Bewährung agierende Eintracht muss mit einem von der Uefa verordneten Geisterspiel rechnen. Was der Abend an Auswirkungen habe, könne er, Philipp Reschke, zwar noch nicht sagen. „Wenn ich aber eine Bestrafung fürchte, dann eher für ein Auswärtsspiel. Ich kann aber nicht ausschließen, dass die Bewährung für das Heimspiel betroffen ist.“ Die nächsten beiden Champions-League-Partien stehen gegen Tottenham an, anschießend folgt das Rückspiel gegen Marseille.

Eintracht Frankfurt: Hitlergruß schockiert Fans und Verantwortliche

Den im Frankfurt-Block gezeigten Hitlergruß verurteilte die Eintracht vehement. „Wir schämen uns für Menschen, die aus Frankfurt kommen, den Adler auf der Brust tragen und den Hitlergruß zeigen. Ihr gehört nicht zu diesem Verein, zu dieser Stadt, ihr gehört nicht zu uns“, teilte die Fanabteilung noch während des Spiels und nach Bekanntwerden von Videomaterial mit. Der Verein zog mit dem Abpfiff nach. „Eintracht Frankfurt steht für Toleranz und Vielfalt und zeigt im Kampf gegen Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung eine klare Haltung“, hieß es. Der Klub distanziere sich in aller Deutlichkeit von solch einer Geste. Der betroffene Fan habe sich während der ersten Hälfte „eigenständig bei den Fanbeauftragten gemeldet und weist den Vorwurf einer antisemitischen Intention nachdrücklich zurück.“ Die Eintracht werde diese Darstellung „ausführlich überprüfen“.

Reschke sagte dazu: „Der Fan hat sich bei der Fanbetreuung gemeldet: ‚Hey Leute, das bin ich. Ich habe nicht den Hitlergruß gezeigt. Das waren die üblichen, klassischen Bewegungen.’“ Jene einer nach rechts ausscherenden Geste ohne politischen Hintergrund, so zumindest die Äußerungen des Mannes. Bloß: Wer soll das glauben?

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