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Eintracht Frankfurt: Der Griff in die Wundertüte

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Von: Ingo Durstewitz

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Einer der Besten in Südfrankreich: Daichi Kamada.
Einer der Besten in Südfrankreich: Daichi Kamada. © dpa

Die Eintracht sollte sich auf das besinnen, was sie stark gemacht hat: den Frankfurt-Style.

Frankfurt – In einem seiner seltenen Interviews hat Daichi Kamada von Eintracht Frankfurt nach dem Coup von Marseille zwei, drei Sätze auf Englisch kundgetan, die zwar erst einmal recht banal klingen, aber die die Eintracht-Darbietung in Südfrankreich treffend zusammenfassen. „Wir haben miteinander gespielt, sind als Team aufgetreten, wir haben den Frankfurt-Style gezeigt“, sagte der 26-Jährige bei Dazn, ehe er sich ob seines verbalen Auftritts in der fremden Sprache förmlich schlapp lachte. Dabei hat er das cool gemacht, der Freigeist aus Nippon, nicht so elegant, wie er sonst Fußball spielt, aber schnörkellos und auf den Punkt. Wer kann, der kann.

Mit dem verdienten 1:0-Erfolg im zweiten Champions-League-Spiel der Eintracht-Geschichte hat der Frankfurter Bundesligist nicht nur die Ausgangsposition im internationalen Wettbewerb deutlich verbessert, sondern auch die um sich greifende miese Stimmung aufgehellt. Das gilt explizit nur für den sportlichen Sektor, nicht für die Begleitumstände des Spiels, also die Schwachköpfe, die den Fußball und den Verein beschmutzt und wahrscheinlich dafür gesorgt haben, dass unbescholtene Fans demnächst wohl mindestens ein Eintracht-Königsklassenspiel am Fernsehschirm anschauen müssen, weil im Stadion die Geister regieren werden. Tolle Leistung.

Eintracht Frankfurt hat, gerade rechtzeitig, in den Europapokalmodus geswitcht, plötzlich wieder die Mentalität und den Behauptungswillen an den Tag gelegt, mit dem sie in der vergangenen Saison die Europa League gewonnen hat. Das ist die vielleicht wichtigste Erkenntnis aus Marseille, das ist der Knackpunkt. Die Hessen sind nur dann stark und unbequem, wenn sie zusammenstehen, eine Haltung zum Spiel entwickeln, wenn sie Teamspirit leben und die Bereitschaft haben, dem Mitspieler zu helfen, Wege zu gehen, die wehtun: Mut haben, Risikofreude zeigen, keine Duckmäuser sein.

Das ist die DNA der SGE. Sie hat für die großen Erfolge gesorgt: dreimal DFB-Pokal-Halbfinale, zweimal Finale, einmal Gewinner, einmal Europa-League-Halbfinale, einmal Eurpopapokalsieger. Das passiert nicht, weil die Frankfurter die Besten sind, sondern weil es ihnen ein Fest ist, die Besten zu piesacken. Deshalb gewinnt die Eintracht Spiele, die sie eigentlich nicht gewinnen kann; deshalb verliert sie im Umkehrschluss dann Spiele, die sie nicht verlieren darf. Siehe Wolfsburg. Und nun?

SGE: Nach der Champions-League heißt es wieder Bundesliga

Am Samstag kommt es zum Charaktertest in Bad Cannstatt, Bundesliga, Kerngeschäft, Alltag. Der matt gestartete VfB Stuttgart stellt sich den Frankfurter in den Weg, die Schwaben warten auf den ersten Sieg, einer Niederlage stehen gleich fünf Remis gegenüber. Man darf gespannt sein, wie Eintracht Frankfurt die Aufgabe angehen wird, ob sie den Schwung aus dem Europapokal mitnehmen kann oder in alte Muster zurückfällt.

Vielleicht war es sogar ganz gut, dass die Mannschaft nach dem geschichtsträchtigen Sieg in Frankreich nicht gehypt wurde, die Freude eher gedämpfter war, weil in der breiten Öffentlichkeit fast ausschließlich von den Krawallen die Rede war und nicht etwa davon, dass der Bundesligist vom Main der erste deutsche Verein ist, der sein erstes Auswärtsspiel in der Champions League gewinnen konnte, den 13 Klubs zuvor gelang das nicht.

So richtig weiß bei der Eintracht niemand, was herauskommt, die Ausschläge sind groß, das Wundertütenpotenzial enorm. Für Oliver Glasner geht es darum, Seriosität und Verlässlichkeit in die Mannschaft zu bekommen, die Wellenbewegung zu begradigen, sonst wird diese Bundesligasaison erneut keine erfolgreiche. In Stuttgart muss die Eintracht zeigen, dass sie verstanden hat, wie sie Spiele angehen sollte – national wie international. „Wir haben die Mentalität und eine tolle Truppe, die viel investieren kann“, sagt Torwart Kevin Trapp und mahnt an: „Das müssen wir aber in jedem Spiel.“

Eintracht Frankfurt: Zurück zur altbewährten Dreierkette

Da kommt es den Frankfurtern zupass, dass sie auswärts antreten müssen, wo sie sich generell leichter tun. Zu Hause haben sie in diesem Jahr nur zwei Bundesligaspiele gewonnen, die Heimtabelle schlossen sie in der vergangenen Saison auf dem Relegationsrang ab. Das ist kein Zufall. Denn es ist kein Geheimnis, dass sich das Team gegen tief stehende Gegner oft die Zähne ausbeißt, das Spiel dann so unendlich schwerfällig wirkt. In der Fremde bieten sich viel mehr Räume, die die Eintracht mit ihren klugen Akteuren wie Mario Götze und Kamada sowie schnellen Spielern wie Jesper Lindström und Randal Kolo Muani bespielen und extrem gefährlich sein kann. Große Ehre übrigens für Senkrechtstarter Kolo Muani: Der Stürmer wurde am Donnerstag erstmals für die französische Nationalmannschaft nominiert. 

Ratsam wäre es, wenn Trainer Oliver Glasner die wieder ausgekramte Dreierkette beibehalten würde. Sie ist zum einen das seit vielen Jahren praktizierte Erfolgssystem, zum anderen hat es den Vorteil, dass Makoto Hasebe in der Elf bleiben kann. Völlig unverständlich, dass der 38-Jährige vorher so wenig gespielt hatte. „Hasebe hat ein hervorragendes Spiel gemacht“, sagt Kapitän Sebastian Rode. „Evan Ndicka und Tuta haben sich ein bisschen leichter getan in der Formation.“

In Frankreich richtete Glasner seinen Verbund etwas defensiver, mit einem Fünferriegel aus. Das muss nicht so bleiben. Ansgar Knauff hat Zug nach vorne, und auf der rechten Seite könnte mittelfristig auch Eric Dina Ebimbe in diese Rolle wachsen, in Frankreich spielte er häufig rechts im Mittelfeld oder sogar noch weiter vorne.

Im Grunde ist diese Taktik zurzeit alternativlos, da Glasner ohnehin keine Linksverteidiger zur Verfügung stehen: Christopher Lenz ist verletzt, Luca Pellegrini war angeschlagen und passt ohnehin nicht zu dem, für was die Eintracht steht, diesen speziellen Frankfurt-Style.

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