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Hochgewachsen, bei der Eintracht groß geworden - und doch am Boden geblieben: Alex Meier.

Alex Meier

Bub, Adler, Fußballgott

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Alex Meier ist die Ikone der Eintracht – Berlin könnte sein würdiger Abschied sein.

Mama Meier war nicht so ganz wohl in ihrer Haut, sie hatte sogar ein verdammt mulmiges Gefühl. Ihr Alex, ihr Bub, ein sanfter Riese schon damals, hoch aufgeschossen, aber sensibel, sollte nach Frankfurt, in die Hauptstadt der Gangster, in die Hauptstadt des Verbrechens. Vom betulichen Buchholz in der Nordheide, droben im Norden, wo die Welt noch in schönster Ordnung ist. Unbehagen begleitete Frau Meier. „Da gibt es doch nur Kriminelle“, hat sie gesagt.

Doch Heribert Bruchhagen, eher knorrig denn emphatisch, aber zumindest seriös und überzeugend, konnte sie umstimmen, er werde, versprach der frühere Vorstandschef des Fußball-Bundesligisten Eintracht Frankfurt, höchstpersönlich auf ihn Acht geben, den großen Bub Alex Meier. 

Das war 2004, vor 14 langen Jahren, so lange hat es das schüchterne Jünglein von einst in der gefährlichen Stadt am Main ausgehalten, er ist heute 35, er war Torschützenkönig in Liga eins und zwei, er wird Fußballgott gerufen. Die Menschen liegen ihm zu Füßen. Beim großen Pokalendspiel in Berlin gegen Bayern München könnte sich der Kreis schließen, es könnte das große Finale für den großen Alex Meier werden, sein Abschiedsspiel. 

Starkult ist Meier fremd

Es gibt keinen Platz in und um Frankfurt herum, wo der Kapitän der Eintracht nicht erkannt wird, die Menschen tuscheln, wenn er den Raum betritt, neuerdings immer mit seinem Vierbeiner Alf an der Seite, einem Retriever, seinem ganzen Stolz, dem er im Restaurant auch schon mal ein Steak bestellt, well done, damit es Alf gut geht. Meier, der Mann mit dem markanten Zopf, wird verehrt und geliebt, weil ihm Starkult fremd ist, weil er so geblieben ist, wie er vor 15 Jahren war: bescheiden, bodenständig, zurückhaltend, authentisch. Niemals würde er einen Fotowunsch abschlagen, niemals würde er ein Autogramm verwehren. Das ist ein Grund für seine Popularität und seinen Ikonenstatus in Frankfurt. 

Ein anderer ist die Verweildauer, 14 Jahre, fast eineinhalb Jahrzehnte, hat der Lange, wie er gerufen wird, seine Knochen für Eintracht Frankfurt hingehalten, das ist heutzutage keine halbe, sondern eine ganze Ewigkeit. Als Meier nach Frankfurt kam, gab es noch kein WhatsApp, kein Facebook, von Instagram oder Twitter ganz zu schweigen. Meier verdreht die Augen, wenn seine Teamkollegen ihr Mittagessen fotografieren und auf irgendeiner Plattform im Netz hochladen. „Ich habe darin nie einen Sinn gesehen“, sagt er. „Wen interessiert so was?“

Meier ist irgendwie aus der Zeit gefallen, gerade heutzutage hecheln die Profifußballer dem persönlichen Profit hinterher, wechseln ihre Vereine schneller als ihre Freundinnen, ein, zwei Jahre sind viele nur bei einem Klub, dann ziehen sie weiter, dorthin, wo es mehr Zaster einzusacken gibt. Viele glauben, Vereinstreue sei etwas für Nostalgiker, für Romantiker.

Alex Meier tickt anders. Er hielt der Eintracht stets die Stange, er stieg mit ihr ab und wieder auf, spielte international und auf dem Lande, er absolvierte 336 Spiele für die Hessen und schoss 119 Tore, er war immer da, immer treu, er ist selbst ein Adler geblieben, als er vor wenigen Jahren eine lukrative Offerte aus China hatte, da hätte er zehn Millionen Euro per annum verdienen können. Der damalige Trainer Armin Veh bedeutete ihm nur: „Alex, ich brauche dich hier.“ Für Meier war das Thema damit erledigt, ein Wechsel vom Tisch. 

Deshalb schätzen ihn die Menschen. Denn es ist ein gesellschaftliches Phänomen, dass die Identifikation der Fans mit ihrem Verein immer mehr zunimmt – in dem Maße, in dem die Identifikation der Spieler mit den Vereinen abnimmt. Meier ist anders, er steht für Werte, er gibt vielen Menschen mit seiner klaren Position und seiner Treue Halt. Gerade in Zeiten wie diesen, da der Fußball zuweilen völlig überhöht wird und einen Stellenwert einnimmt, der manchmal schon groteske Züge annimmt und in seinen Auswüchsen bedenklich wirkt. Und doch ist der Fußball für viele der Kitt, der eine immer weiter auseinandertriftende Gesellschaft zusammenhält – Typen wie Alex Meier sind die Bindeglieder. 

Meier schlug viel Skepsis entgegen

Dabei hatte es die heute als Fußballgott gefeierte Frankfurter Galionsfigur nicht leicht in Frankfurt, gerade in seinen Anfangstagen schlug ihm viel Skepsis entgegen, die zeitweise in blanke Wut umschlug. Mit seinem guten Kumpel Benjamin Köhler wurde Alex Meier nicht selten in der Fankurve am Zaun von den eigenen Anhängern bepöbelt und beleidigt. Meier steckte das weg, schluckte es runter, auch wenn es ihm nicht leicht fiel. Der damalige Trainer Friedhelm Funkel half ihm über die schwere Zeit hinweg, er schenkte ihm stets das Vertrauen. Funkel hat schon sehr früh die herausragenden Fähigkeiten des Torjägers erkannt, den die FR einst Mittelfeldstürmer nannte. Der Wendepunkt war ausgerechnet der bittere Abstieg 2011, doch Meier flüchtete nicht, er bekannte sich zur Eintracht. „Ich habe es mit eingebrockt. Ich will mithelfen, das wieder zu korrigieren“, sagte er seinerzeit. Das brachte ihm Respekt und Pluspunkte. In der zweiten Liga ballerte er die Eintracht dann mit 17 Toren fast im Alleingang zurück in die Beletage der deutschen Fußballwelt. Der Fußballgott war geboren. 

 Als Alexander Meier, zuletzt von schweren Verletzungen gepeinigt und mehrfach am Fuß operiert, vor zwei Wochen nach einem Jahr Absenz aufs Fußballfeld zurückkehrte und in diesem sagenhaften Finale gegen den Hamburger SV den Treffer zum 3:0-Endstand erzielte, natürlich mit der Innenseite, so wie er fast alle seiner „Buden“ machte, da schien das Stadion im Stadtwald in seinen Grundfesten erschüttert, es schien förmlich zu explodieren. Es gibt Videos, die gestandene Mannsbilder zeigen, die im Rudel hemmungslos heulten, in der Vorstandsloge der Eintracht flossen die Tränen, im weiten Rund gab es kaum einen, der sich dieser einzigartigen Stimmung mit Gänsehautgarantie entziehen konnte. „40.000 Menschen haben da geweint“, übertrieb Präsident Peter Fischer. Vorstand Axel Hellmann war noch eine Stunde nach dem Abpfiff gerührt: „Das ist ein Fußballmärchen, das ist ein großer Moment, ein wirklich großer Moment.“ Selbst Niko Kovac, ganz sicher kein Freund und Förderer des Spielführers, stellte trocken fest: „Alex Meier genießt Kultstatus, Alex Meier ist Eintracht Frankfurt.“ 

Es gab bundesweit niemanden, der ihm dieses triumphale Comeback nicht gegönnt hätte, weil er eben ein untadliger Sportsmann ist, weil er sich immer anständig und loyal verhalten hat. Auf der nach oben offenen Beliebtheitsskala würde der Routinier alle Parameter sprengen. 

Und doch kämpft Alex Meier, die Galionsfigur, das Aushängeschild und das Gesicht der Eintracht, gerade einen Kampf, den er nur schwerlich gewinnen kann, den um die Fortsetzung seiner Karriere – bei Eintracht Frankfurt. Denn die Anerkennung, die er von außen erhält, die hat er intern nicht. Längst ist Alex Meier zu einem Politikum geworden. Die zurückliegenden zwei Jahre gehören sicher zu den schwärzeren Kapiteln seiner bewegten Laufbahn, das hängt auch, aber nicht nur, mit seinen Verletzungen zusammen. Denn das Binnenverhältnis ist nicht so, wie es sein sollte, der Kapitän spürte niemals die Wertschätzung, die er nicht nur in seinen Augen verdient gehabt hätte.

Der scheidende Trainer Kovac wurde nie richtig warm mit der Frankfurter Institution, vielleicht weil Alex Meier ihm zu groß war, zu viel Ruhm und Aufmerksamkeit absorbierte? Oder weil der Offensivspieler, wie der Coach stets anmerkte, den Gegner nicht bedingungslos attackierte und nicht ausdauernd und schnell genug lief? Vielleicht hat er auch einfach nicht in das System Niko Kovac gepasst. Alex Meier, und das ist ein Teil des Missverständnisses, war aber immer ein Unterschiedsspieler, einer, der aus wenig viel machte, der die entscheidende Tore erzielte, weil er sich mit Fleiß und Geduld über viele Jahre hinweg eine perfekte Schusstechnik antrainierte. Entweder man fördert seine Stärken und nimmt dafür einen Sprint weniger in Kauf – oder man beraubt ihm seiner Stärke in Gänze. Alex Meier, und das ist das Schlimmste, hatte unter Kovac sogar zeitweise die Lust verloren, Fußball zu spielen. Das ist alles nicht mehr seine Welt, permanente Blutabnahme, Kasernierung, Ernährungszwänge. Kovac ist in Frankfurt morgen Geschichte. Und Alex Meier? Kovac ist in Frankfurt morgen Geschichte. Und Alex Meier? 

Eintracht Frankfurt wäre gut beraten, die Integrationsfigur zu halten, und zwar als Spieler. Er ist fit, er ist gesund, er hat noch immer die Klasse, um mitzuhalten. Der Norddeutsche, der in Frankfurt einen Anschlussvertrag besitzt, wenn er die Karriere beendet, wird keine 90 Minuten mehr übers Feld brummen, er akzeptiert eine Rolle als Ergänzungsspieler, würde den Jungprofis gerne helfen, er will auch keine 2,5 Millionen Euro jährlich mehr verdienen, aber er möchte noch weitermachen, und er kann immer noch Spiele entscheiden.

Und gerade in Zeiten wie diesen, da die Menschen nach Typen lechzen, zu denen sie aufschauen und mit denen sie sich identifizieren können, wäre alles andere als eine Vertragsverlängerung um ein Jahr ein Hohn. Eigentlich ist es die Eintracht dem verdienten Spieler schuldig, seine außerordentlichen Leistungen entsprechend zu honorieren. Die Sportliche Leitung aber ist skeptisch, traut ihm die Bundesliga nur noch bedingt zu. Vielleicht wird Berlin also sein Abschiedsspiel, es wäre immerhin ein würdiger Rahmen für den Fußballgott Alex Meier. 

Update: Meier nicht im Kader

Paukenschlag vor dem großen Finale, aber irgendwie doch keine große Überraschung: Alexander Meier, der Kapitän von Eintracht Frankfurt und das Aushängeschild des Klubs, wird beim heutigen Endspiel (20 Uhr) gegen den FC Bayern München nur auf der Tribüne sitzen. Trainer Nico Kovac hat den 35-Jährigen am Samstagmittag aus dem endgültigen Aufgebot gestrichen.

Für die Eintracht-Ikone, die ohnehin um einen neuen Spieler-Vertrag kämpft, ist das ein Keulenschlag, eine herbe Enttäuschung. Anstelle von Alex Meier hat ist der für Mijat Gacinovic in den Kader geschafft, der Serbe besticht seit einem halben Jahr durch erschütternd schwache Leistung. Übrigens ebenfalls nicht dabei: Timothy Chandler, einer aus dem eigenen Stall. 

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