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"Ich gebe immer Gas, dann wird man auch belohnt", sagt Marius Wolf.

Interview Marius Wolf

"Du brauchst so Typen, die dazwischenhauen"

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    Ingo Durstewitz
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Eintracht-Profi Marius Wolf über seinen steilen Aufstieg in Frankfurt, seine Beziehung zu Kevin-Prince Boateng und weshalb er in Mailand den Pariser Superstar Neymar traf.

Trainer Niko Kovac ist voll des Lobes für Marius Wolf. Der Coach sieht etwas in dem 22-Jährigen und fördert ihn. „Wolfi“, sagt Kovac, „ruft immer das Maximum ab. Er spielt mit Leidenschaft, Biss und Herz.“

Wolf, der Allrounder, hat sich längst einen Stammplatz ergattert . Der schnelle Mann vom rechten Flügel gibt immer alles und hat Spuren hinterlassen – in neun Pflichtspielen hat er zwei Treffer erzielt und drei Tore vorbereitet. Das war so zu Jahresbeginn nicht zu erwarten. Damals, sagte Kovac, musste man ihn „aufpäppeln“, er sei ja „doch ziemlich dürr und hager“. Auch das ist nicht mehr so.

Der Coburger ist von Hannover 96 ausgeliehen. Die Eintracht sicherte sich eine Kaufoption, für 500.000 Euro kann sie den Flügelspieler fest verpflichten. Das wird sie tun. Bisher hat die Eintracht bereits 750.000 Euro Leihgebühr bezahlt, 500.000 für diese Saison, 250.000 für die Rückrunde der abgelaufenen Spielzeit. Es hat sich rentiert.

Herr Wolf, als wir uns das letzte Mal zu einem Interview trafen, da waren Sie noch ein Ergänzungsspieler, der reinschnuppern durfte in die Bundesligawelt. Heute, ein halbes Jahr später, treffen wir Sie als Stammkraft wieder. Müssen Sie sich selbst manchmal kneifen, wie rasant Sie sich entwickelt haben und wie schnell Ihr Aufstieg vonstatten ging?
Nein, kneifen muss ich mich nicht, es steckt ja viel Arbeit dahinter. Ich habe das letzte Mal schon gesagt, dass ich Gas geben und alles versuchen werde, um auf meine Spielzeit zu kommen. Mein Ziel ist es jetzt einfach nur, genau da weiterzumachen und noch besser zu werden.

Okay, aber Gas geben im Training, das sagen fast alle. Aber es klappt eben nicht bei allen.
Aber ich bin der festen Überzeugung, dass es irgendwann belohnt wird, wenn man im Training immer alles gibt. Dann verbessert man sich und entwickelt sich automatisch weiter.

Gab es für Sie einen expliziten Wendepunkt, an dem Sie spürten, dass es für Sie nun deutlich vorangeht und Sie auf dem Sprung sind?
Ich wollte einfach meine Chance nutzen,  als der Trainer sie mir gegeben hat. Mir ist dann auch nicht so wichtig, auf welcher Position ich spiele. Ich weiß, was ich zu tun habe. Ich versuche, die Aufgaben, die mir zukommen, zu lösen. Der Rest kommt von alleine.

Wir haben gedacht, dass für Sie vielleicht auch diese eine Szene in Hannover ein Schlüsselmoment hätte sein können, als Sie kurz nach der Halbzeit förmlich explodierten und nur Pech im Abschluss hatten.
Klar, das war so eine Situation, in der ich dachte: „Wow, es geht ja, und es geht sogar gut.“ Da wird man selbstbewusster, traut sich mehr zu, glaubt mehr an sein Können. Solche Aktionen tun einem gut.

Was sind die Unterschiede zwischen den Anforderungen als Rechtsaußen und Ihrer jetzigen Position, also Rechtsverteidiger mit Drang nach vorne?
So gravierend sind die Unterschiede gar nicht. Wenn du vorne auf der Seite spielst, musst du auch nach hinten mitarbeiten und darauf achten, dass dir keiner im Rücken wegläuft. Als Verteidiger bist du auf deiner Seite natürlich das letzte Glied in der Kette. Aber wir trainieren es oft, ich weiß, wo ich zu stehen habe. Ich weiß, was meine Hauptaufgaben sind. Natürlich ist das aber oft vom Gegner abhängig. Zunächst einmal versuche ich, defensiv meine Hausarbeiten zu machen, und nach vorne weiß ich ja, wie es geht. Und wir sind ohnehin offensiv ausgerichtet, in der Fünferkette stehen wir schon sehr hoch. Das kommt mit entgegen, und ich denke, auch Jetro (Linksverteidiger Willems; Anm. d. Red.) liegt das sehr gut.

In Hoffenheim hatten wir am Anfang dennoch das Gefühl, dass Sie ein paar Probleme mit Ihrem Gegenspieler Nico Schulz hatten.
Nico ist ein schneller Spieler, in der ersten Aktion hatte ich mich etwas verschätzt. Aber im Rest des Spiels habe ich es ganz ordentlich gemacht, ihn ganz ordentlich verteidigt.

Haben Sie sich dennoch über das späte Gegentor extrem geärgert? Sie hätte da vielleicht auch schneller zurücklaufen können.
Ja, das war sehr ärgerlich. Ich muss mir da an die eigene Nase fassen. Ich war wirklich sehr kaputt. Aber ich hätte einfach schneller zurücklaufen müssen, das stimmt. Das war mein Fehler. Ich bin zu locker nach hinten gegangen. Aber es ist passiert. Daraus muss ich lernen, damit es nicht mehr vorkommt.

Hat sich Ihr Selbstbild verändert? Sie haben an Reputation und Stellenwert gewonnen. Spüren Sie, dass Sie vielleicht auch in der Hierarchie geklettert sind?
Nein. Davor bin ich genauso akzeptiert worden, und da kam ich aus der Regionalliga. Jeder versteht sich bei uns mit jedem, da gibt es keine Nickligkeiten oder so. Wir sind eine super Truppe. Auch mit den vielen Sprachen kommen wir gut zurecht.

Ist der Fußball heutzutage so schnelllebig, dass man solch einen steilen Aufstieg, wie Sie ihn hingelegt haben, gar nicht mehr selbst reflektieren kann, weil man so in dieser Tretmühle Bundesliga drinsteckt?
Natürlich denke ich manchmal daran, wo ich vor einem Jahr war und wo ich heute bin. Das ist top, gar keine Frage. Aber ich habe auch damals gesagt: „Ich gebe mich nicht auf, ich bekomme meine Chance, und wenn ich sie nicht in Hannover bekomme, dann bekomme ich sie woanders.“ Und nach dieser Maxime lebe ich noch heute. Ich sage mir jeden Tag: „Ich will nie wieder in so eine Situation kommen.“ Natürlich wird mal wieder eine schwere Zeit kommen, in der nicht so viel klappt und in der es nicht so läuft wie erhofft. Aber das ist so im Fußball, es ist menschlich. Aber ich werde dann nicht aufgeben, sondern weitermachen, bis es wieder gut läuft.

Und Sie kommen ja weit herum mittlerweile. Kevin-Prince Boateng zählt zu Ihren guten Freunden im Team. Und Sie sollen ja sogar schon mit ihm in Paris bei Neymar gewesen sein.
Nein, das stimmt nicht ganz. Wir waren bei Boatengs Familie in Mailand, er hatte mich eingeladen, mitzukommen. Und Neymar war ebenfalls in Mailand, er saß in einem Restaurant zwei Tische neben uns.       

Ist Boateng so etwas wie Ihr Ziehvater?
Ich verstehe mich sehr gut mit ihm. Wir unternehmen viel miteinander, gehen Essen oder spielen auch mal Playstation. Er ist ein super Typ. Aber nicht nur ich verstehe mich sehr gut mit ihm, er ist beliebt in der ganzen Mannschaft. Und er hilft uns jungen Spielern. Genauso wie David Abraham. Das ist wichtig für uns Junge, dass uns die älteren Spieler so ein bisschen führen. Auch auf dem Platz. Als ich zu Beginn rechter Verteidiger gespielt habe, da hat mir David häufiger mal gesagt, wo ich stehen soll. Sie haben ja die Erfahrung. Das hilft uns unheimlich, und das funktioniert richtig gut in der Mannschaft.

Und Boateng kann man ja immer anspielen.
Man weiß ja, wo er überall gespielt hat. Er weiß, was er zu tun hat. Und er ist ein Spieler, mit dem man Fußball spielen kann. Das macht schon echt Spaß.

Ist er auch als Leader wichtig?
Absolut. Du brauchst so Typen, die dazwischenhauen oder etwas sagen, wenn es mal in die falsche Richtung geht. Man braucht Spieler, die die Mannschaft führen. Nicht, dass man auseinanderfällt, wenn es mal nicht läuft, sondern dass man sich zusammen wieder rauskämpft.

Sie wirken körperlich sehr viel robuster, haben an Muskelmasse zugelegt.
Das stimmt. Die Schulterverletzung, so bitter und hart sie für mich war, hatte auch eine positive Seite: In diesen 14 Wochen habe ich sehr viel im Kraftraum gearbeitet, jeden Tag. Und ich habe alles dafür getan, schnell wieder fit zu werden. Ich hatte nur vier Tage Urlaub in der Sommerpause, die restliche Zeit war ich hier in Frankfurt und habe geschuftet. Es hat sich ausgezahlt, ich bin einen Monat früher zurückgekommen als vorhergesagt war.

Merken Sie im Spiel, dass Sie insgesamt kräftiger und robuster geworden sind?
Auf jeden Fall. Ich fühle mich spritziger, stabiler, habe viel mehr Power, gerade im Zweikampf.

Diese Schulterverletzung beim Halbfinale in Mönchengladbach kam dennoch zum ungünstigsten Zeitpunkt, Sie waren gerade auf dem Sprung in die Mannschaft.
Klar, aber so ist das im Fußball. Es war schon schwer, gerade, weil das Finale vor uns lag. Da war ich schon ein bisschen down. Aber nach der Operation habe ich mich relativ schnell wieder berappelt und nur nach vorne geschaut.

Hatte sich Jannik Vestergaard eigentlich bei Ihnen gemeldet? Für uns war das schon ein mieses Foulspiel.
Ja, er hat sich direkt nach dem Spiel bei mir entschuldigt. Und im Fußball passiert so etwas. Ich mache ihm da keinen Vorwurf. Jetzt bin ich gesund, und so soll es bleiben.

Trainer Niko Kovac ist ein Fan Ihrer Spielweise, lobt Sie auffallend häufig. Was zeichnet andererseits den Coach aus?
Er ist für uns alle unheimlich wichtig. Er will jeden Spieler verbessern, das ist sein Anspruch. Für uns junge Spieler ist das natürlich noch wichtiger.

Hatten Sie schon mal einen so akribischen und perfektionistischen Trainer?
Ricardo Moniz bei 1860 München, der war auch fußballbesessen, er hat mit uns manchmal nach dem Training noch eineinhalb Stunden Torschüsse geübt. Aber das war super. Vor allem, wenn du dann siehst, wie du dich verbesserst, weil du eben das übst, was du vielleicht nicht so gut kannst.

Was ist in dieser Saison drin für die Eintracht?
Ich denke, wir spielen super Fußball. Und wir verteidigen super. Es ist bemerkenswert, wie schnell die Mannschaft zusammengewachsen ist. Momentan passt einfach alles.

Was zeichnet die Mannschaft aus?
Wichtig ist vor allem, dass wir für den  Gegner unangenehm sind. Das ist der entscheidende Faktor.

Interview: Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein

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