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Rennt noch ein Jahr länger für die Eintracht: Marco Russ hat am Montag seinen Vertrag bis zum 30. Juni 2020 verlängert.

Eintracht Frankfurt

Wie Brasilianer am Grill

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Die Frankfurter Eintracht fühlt sich im Offensivsystem von Trainer Adi Hütter pudelwohl und meistert ihre kleine Krise bravourös: „Wir sind keine Eintagsfliege“

Am Tag nach dem rauschenden Offensivspektakel im Frankfurter Stadtwald hat der Klub Nägel mit Köpfen gemacht und Marco Russ ein Angebot unterbreitet, das er nicht ablehnen konnte. Der 33 Jahre alte Verteidiger, seit 1996 bei Eintracht Frankfurt am Ball, mehr als 320 Pflichtspiele auf dem Buckel, verlängerte seinen im Sommer auslaufenden Vertrag um ein weiteres Jahr bis 2020. 24 Stunden zuvor hatten die Hessen das Arbeitspapier von Makoto Hasebe verlängert.

„Wir haben noch einiges vor“, sagte Russ am Montag, er wolle bei der Weiterentwicklung des Teams seinen Beitrag leisten. Russ ist bei der Eintracht allerdings kein Stammspieler mehr, acht der 23 Pflichtspiele hat er in dieser Runde lediglich bestritten, das hat er längst akzeptiert. Er ist keiner, der deswegen lamentieren würde, seine Rolle in der zweiten Reihe ist klar. Und doch ist auf das Frankfurter Urgestein Verlass, wenn er gebraucht wird, wie etwa zuletzt im Europa-League-Spiel bei Lazio Rom. „Für viele junge Spieler ist er mit seinem großen Erfahrungsschatz ein wichtiger Bezugspunkt, und nimmt eine wichtige Rolle als regionaler Anker in unserer internationalen Truppe ein“, ließ sich Eintracht-Sportvorstand Fredi Bobic zitieren. Vor einem Jahr ließ der Klub eine ähnlich gelagerte Chance mit Alex Meier noch verstreichen.

Aber der „Fußballgott“ ist ja schon lange kein Thema mehr. Dazu hat sich Eintracht Frankfurt komplett gehäutet, verfolgt in dieser Saison eine komplett andere Spielidee und hat damit großen Erfolg. Im Grunde gibt es derzeit nur eine Richtung, es geht nur nach vorne, bedingungslos und ohne Rücksicht auf mögliche Verluste. Selbst in der vierminütigen Nachspielzeit am Sonntag marschierten die Frankfurter Spieler nach vorne, jeder Pass wurde direkt und kompromisslos in die Spitze gespielt. Abwarten? Ruhe reinbringen? Fehlanzeige. Die Frankfurter Profis machen einfach weiter, greifen stetig an, einerlei, ob es 2:0 oder 3:0 steht oder knapp 2:1 wie am Sonntag gegen Bayer Leverkusen. Selbst in der 94. Minute hatte sich Luka Jovic noch eine klasse Gelegenheit geboten, auf 3:1 zu erhöhen. In der vergangenen Saison noch hätte die Eintracht einen knappen Vorsprung irgendwie über die Zeit verwaltet, hätte die Abwehr gestärkt und die Zahl der Defensivspieler stetig erhöht.

Trainer Adi Hütter geht einen komplett anderen Weg. Es ist ein System, das Eintracht Frankfurt in der derzeitigen personellen Konstellation wie auf den Leib geschneidert wirkt. Flinke Spieler mit Zug zum Tor werden flankiert von flinken Spielern am Flügel, dazu wird permanent hoch attackiert und dem Gegner keine Sekunde Luft gelassen. „Der Trainer fordert, dass wir mit in den Strafraum reinschieben“, erläuterte Rechtsverteidiger Danny da Costa, der am Sonntag wie sein Pendant auf der anderen Seite, Filip Kostic, einmal traf. Es ist ein System, in dem sich die Mannschaft so wohl fühlt wie ein Brasilianer am Grill, es ist ein System, das die Spieler auch spielen wollen. „Ich glaube einfach, dass es den Jungs guttut, so zu spielen, wie wir jetzt spielen“, hat Trainer Adi Hütter in der vergangenen Woche im großen FR-Interview gesagt. Auch Bayer-Torwart Lukas Hradecky, selbst drei Jahre bei der Eintracht, lobte seine ehemaligen Kollegen über den grünen Klee: „Ich ziehe den Hut, was sie in dieser Saison leisten. Es ist ein Genuss, das zu verfolgen.“

Dieses, nennen wir es Offensiv-Gen, hat Hütter dem Team implementiert. Deswegen haben die sportlich Verantwortlichen im Sommer auch diesen österreichischen Fußballlehrer verpflichtet, deswegen ist er geholt worden. „Es ist nicht mein Ansatz, defensiv zu spielen“, hat Hütter dieser Tage gesagt. Das Gegenteil ist der Fall, und das hat er von Anfang gepredigt: „Ich möchte attraktiven und begeisternden Fußball spielen lassen.“ Viele haben gedacht, das seien reine Sprechblasen, inzwischen sieht es so aus, als könnten die Hessen gar nicht mehr anders als bedingungslos nach vorne zu spielen. Bislang fanden lediglich Hertha BSC und Wolfsburg Mittel, die Offensivwucht der Frankfurter Eintracht auszubremsen.

Umso wichtiger war, dass die Hessen zurück in die Spur fanden, dass nach zwei Niederlagen in der Bundesliga zwei Siege in Europa League und Liga folgten. Der Erfolg in Rom hat den Hessen neuen Elan gegeben, das Vertrauen in die alte Stärke war gegen Bayer zurück. Erstaunlich war aber auch, mit welcher Leidenschaft, Power, Laufbereitschaft und Aggressivität die Eintracht in dieses Spiel ging, 120 Kilometer lief und 813 intensive Läufe abspulte – und das drei Tage nach dem Auftritt in Rom.

Von Müdigkeit keine Spur, viel wacher und bissiger hätte eine Mannschaft auch nach einer längeren Regenerationszeit nicht sein können. Am Sonntag nach dem Spiel ist Hütter nach dem Geheimnis seiner offenbar nahezu perfekten Trainingssteuerung gefragt worden. Ob es ein Geheimnis gebe, wisse er nicht, sagte der Coach, er wisse aber, wie er ein Team mit internationale Belastungen zu führen habe, seit vier Jahren, damals noch mit Young Boys Bern und SV Grödig, habe er auf diesem Feld Erfahrungen sammeln könne, mehr als 30 Europapokal-Spiele habe er auf dem Buckel. Die Mischung aus dezenter Rotation und gezielter, kurzer Belastung mache den Unterschied. Und bislang gibt es keinerlei Anzeichen, dass die Spieler einbrechen würden – bisher haben sie alle Englischen Wochen relativ gut weggesteckt.

Dazu legt die Eintracht gegen Leverkusen wieder jene Aggressivität und Körperlichkeit an den Tag, die den Bayer-Profis wirklich wehtat. „Die Eintracht führt die Zweikämpfe hart an der Grenze des Erlaubten“, sagte etwa Bayer-Trainer Heiko Herrlich. Er fand das gut, „da können wir noch eine Schippe drauflegen“: Die Eintracht hat ihren Gegner auch den Schneid abgekauft. Diese Galligkeit hat das Team im vergangenen Jahr ausgezeichnet, diese Galligkeit es sich in Maßen bewahrt.

Nun geht es darum, in den beiden noch ausstehenden Spielen in Mainz und gegen Bayern die prima Position zu verteidigen. Unmöglich ist das nicht, die Brust ist nach den beiden Siegen wieder breiter geworden. „Wir sind keine Eintagsfliege“, findet Danny da Costa, sondern eine Mannschaft „mit viel Qualität“. Tatsächlich steht die Eintracht momentan zu Recht auf Tabellenplatz fünf, in Schlagweite zur Champions League. Trainer Herrlich fand ja ohnehin schon am Sonntag, gegen „eine Top-Mannschaft“ gespielt zu haben.

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