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Jermaine Jones 2002 im Trikot der Eintracht.

Jermaine Jones

Von Bonames nach Malibu

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Wie der ehemalige Frankfurter Bundesliga-Profis Jermaine Jones in den USA die Kurve gekriegt hat und jetzt als seriöser Geschäftsmann im gedeckten Anzug überrascht.

Den alten Jermaine Jones gibt es nicht mehr. Oder so gut wie nicht mehr. Die langen Rastazöpfe sind ab, den Jermaine Jones in zerlöcherten Jeans und Flipflops an den Füßen, wie er mit seinen fünf Kindern spielt, gibt es nur noch in der Freizeit, den im Trikot, den unermüdlich Bälle klauenden Rackerer, sowieso nicht mehr. Der Fußballer Jermaine Jones hat im Winter 2018 nach 18 Jahren seine bemerkenswert schillernde Karriere beendet, ein halbes Jahr indoor-Fußball noch, dann war endgültig Schluss mit der aktiven Kickerei.

Der neue Jermaine Jones trägt die Haare kurz, eine Brille und einen gedeckten grauen Anzug. Und eine Krawatte. Auf seiner Visitenkarte steht CEO und President. Es ist ein Anblick, an den man sich erst gewöhnen muss. Das soll Jermaine Junior Jones sein, der Bad Boy, der Unangepasste, einer, der es früher cool fand, der harte Junge zu sein, aufgewachsen und groß geworden im sozialen Brennpunkt im Frankfurter Stadtteil Bonames? Viele seiner Kumpel von früher sind auf die schiefe Bahn geraten. Er nicht, zu seinen Fehler hat er stets gestanden, ehrlich, rau, herzlich. Jermaine Jones, den die Frankfurter Rundschau mal den „sanften Rüpel“ genannt hat, der oft als Halbstarker, manchmal als Großmaul dahergekommen ist, auf einmal ganz seriös?

Jermaine Jones 2020 im Anzug.

„Ja, so ist es, habe ich selbst nie so erwartet“, sagt Jermaine Jones, mittlerweile 38 Jahre alt, im Gespräch mit der FR. Es ist 15 Uhr in Los Angeles, dort, wo Jermaine Jones mit Ehefrau Sarah, den fünf Kindern und den Hunden lebt. Der Mann führt jetzt eine Firma, define sport & entertainment group, er hat ein paar Angestellte. Im wesentlichen betreibt Jones eine Spielerberater-Agentur. Er hat auch Kontakte ins Musikbusiness, zu Schmusesänger Seal, aber sein Kerngeschäft bleibt der Fußball. Eigentlich wollte Jones vor ein paar Monaten so richtig loslegen, doch die Corona-Krise hat auch den jungen Unternehmer ausgebremst. Im Homeoffice knüpft und vertieft er Kontakte, versucht sein Business am Laufen zu halten. Er kümmert sich um talentierte, junge, noch weitgehend unbekannte Kicker, versucht sie am Markt zu platzieren, vielleicht sogar in Europa. „Nach Deutschland habe ich weiterhin beste Kontakte“, sagt Jones. Seine Firma stellt podcasts mit Interviews von Spielern wie Raul, Pulisic, Huntelaar oder Zambrano zur Verfügung, kümmere sich um Immobilien, er biete auch andere Dienstleistungen an, wer Autos oder Boote benötige, könne sich an ihn wenden. Die erforderlichen Lizenzen besitzt Jermaine Jones seit zwei Jahren, er hat auch alle für die USA erforderlichen Trainerscheine erworben, trainierte vorübergehend ein Jugendteam, aber er wollte lieber ins Management. „Auch der Jürgen hat mir dazu geraten.“

Der Jürgen ist natürlich Jürgen Klinsmann. Auch er lebt in Kalifornien. Klinsmann war Nationaltrainer, als Jermaine Jones noch gegen den Ball trat. 69 Länderspiele machte Jones für das Team USA, er war Kapitän, nahm an der WM in Brasilien teil, erzielte dort sogar ein Tor – und spätestens danach zählte der Extrovertierte zu den Großen im US-Sport. „Seit damals wurde ich öfter in der Öffentlichkeit erkannt“, sagt der Sohn eins GI, der die Familie früh verließ. Mittlerweile lebt der großflächig tätowierte Jones standesgemäß in Malibu direkt am Pazifik, Privatstrand inklusive. Zu seinen Nachbarn gehören Schauspieler und Popstars. Jermaine Jones, hat es gut getroffen dort. Vom Ghetto-Kid aus Bonames zum Sunny-Boy in Malibu - eine erstaunliche Entwicklung.

Und er hat nicht mehr viel von jenem aufsässigen, wilden Ungezähmten, der er noch in der Bundesliga war. Im Gespräch wirkt er reifer, abgeklärter, er redet schnell und fast atemlos, ist begeistert über seinen Job, über seine beginnende Karriere nach der Karriere, die eines Geschäftsmannes. Er redet mit amerikanischen Akzent, den Frankfurter Dialekt hat er sich abgewöhnt. Er ist längst mit sich im Reinen. Alles in allem, sagt er, habe er bislang vieles richtig gemacht in seinem sicher nicht immer einfachen Leben, in seiner Karriere, in seinen mehr als 200 Bundesligaspielen, selbst wenn sie eine Menge Tiefen und Höhen hatte. „Manches“, sagt er, „würde ich mit der Erfahrung von heute nicht mehr so machen.“ Marco Reus etwa auf seinem gerade ausgeheilten gebrochenen Fußzeh zu treten, zum Beispiel, das würde er nicht mehr machen. „Das war“, sagt er, „schlicht und einfach asozial“.

Sein Abgang in Frankfurt nach elf Jahren war nicht sehr glücklich. Per Internet („Nichts als die Wahrheit“) hatte er den aufgebrachten Fans als „JermaineJuniorJones“ auf der Eintracht-Homepage weismachen wollen, sein Abschied aus seiner Geburtsstadt sei nicht von langer Hand vorbereitet gewesen. Regelmäßig wurde er bei dann folgenden Gastspielen des FC Schalke, wohin er 2007 von der Eintracht wechselte, im Waldstadion ausgepfiffen. Und es passt zur sensiblen Seele des so scheinbar Beinharten, dass er im Frankfurter Stadion regelmäßig schwach spielte. Und doch, sagt er, „ist Frankfurt meine Heimatstadt“. Er kommt ab und an über den großen Teich, besucht Verwandte, alte Freunde, auch beim SV Bonames, seinem ersten Klub, schaut er vorbei. Zuletzt war er Ende 2018 in Frankfurt, sogar im Stadion war er.. „Ich habe ein gutes Verhältnis zur Eintracht“, den Werdegang des Klubs verfolgt er nach wie vor mit Interesse. Mit Fredi Bobic, dem erklärten USA-Liebhaber, stehe er in engem Kontakt, mittlerweile auch geschäftlich. Und es war ja immerhin Armin Reutershahn, der aktuelle Co-Trainer der Hessen, der Jermaine Jones einst vom Stürmer zum defensiven Mittelfeldspieler umschulte und ihn damit auf ein anderes Level hievte.

Der Wechsel als Spieler 2014 in die Staaten, wo er erst bei den New England Revolution spielte, dann bei Colorado Rapids und schließlich Los Angeles Galaxy, hat sich als Glücksfall erwiesen. In Deutschland war sein Ruf ruiniert, Disziplinlosigkeiten und Aussetzer machten es schwierig, zwölfmal flog der ewig Draufgänger in seiner Karriere vom Platz. In der Staaten, seinem neuen Lebensmittelpunkt, nahm die Laufbahn spät noch mal richtig Fahrt auf. Jermaine Jones, so hat es den Anschein, hat die Kurve gekriegt, in Malibu, im Anzug, als Geschäftsmann und Vater.

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