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Abgeräumt. Fußball kann manchmal auch wehtun, Mijat Gacinovic (oben) spürt das bei einem Tackling von Törles Knöll am eigenen Leib.

Eintracht Frankfurt

Der Blick zur Spitze

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Bei Eintracht Frankfurt sind die eigenen Ansprüche gestiegen - und das ist gar nicht schlimm.

Er habe, hob der gar nicht mal so unzufriedene Adi Hütter nach dem 1:1 in Nürnberg an, ja sogar schon lesen müssen, dass seine Mannschaft, die zuletzt doch sehr erfolgreich spielende Frankfurter Eintracht, ein Spitzenteam sei. Wer das geschrieben und wo er es gelesen hat, spielt hier keine Rolle. Aber das wollte der Trainer so in dieser Form nicht stehenlassen. Also sprach er, und er wählte gleich vier unterschiedliche Formulieren, die alle das gleiche aussagen sollten: „Moment.“ „Schön langsam.“ „Ball flach halten.“ „Kirche im Dorf lassen.“ Botschaft angekommen.

Wenn die Eintracht, präzisierte er, tatsächlich schon ein Topteam wäre, ja, dann hätte sie so eine Partie wie jene am Sonntag in Nürnberg gewonnen. Das war, wenn man sich die dürftige Leistung betrachtet, aber nur in der Theorie möglich, und das weiß der Fußballlehrer nur zu gut. „Wir hätten einen Sieg nicht verdient gehabt.“ Was er vielmehr sagen wollte: Gerade Begegnungen wie jene bei einem hochmotivierten und am Limit spielenden Aufsteiger müsse eine abgezockte Klassemannschaft irgendwie für sich entscheiden. Das hat nicht geklappt.

Jedoch, und das gehört ebenfalls zur Wahrheit: Vor einigen Wochen hätte die Eintracht solch ein zerfahrenes und unruhiges Spiel mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit noch schnöde 0:1 verloren, das hätte auch am Sonntag leicht passieren können. Doch dass die Mannschaft im Grunde mit ihrer einzigen Tormöglichkeit im gesamten Spiel in der Nachspielzeit doch noch zurückschlägt, ist ohne Frage auch eine Qualität, zeugt von Mentalität und Charakter. Und deshalb sind die Frankfurter vielleicht doch nicht so weit davon entfernt, zu den Spitzenvereinen aufzuschließen. „Wir sind auf einem guten Weg“, sagte auch Trainer Hütter.

Dass die (eigenen) Ansprüche gestiegen sind, zeigt auch die Reaktion von Kevin Trapp nach dem glücklichen Punktgewinn beim Club. Der Torwart war stinksauer. „Das war einfach nur schlecht von uns“, motzte er. Und weiter: „Wir hatten die riesige Möglichkeit, uns oben festzusetzen, noch mal bis auf einen Punkt sogar an die Champions-League-Plätze ranzukommen. Wir müssen jede Chance nutzen, die wir haben.“ Ungenügend sei das, was man gespielt habe.

Und Sportvorstand Fredi Bobic konstatierte: „Ich bin mit dem Auftritt der Mannschaft überhaupt nicht zufrieden. Wenn wir weiter vorne in diesen Bereichen mitspielen wollen, müssen wir sicherlich einiges drauflegen und dazulernen.“ Eine korrekte Analyse, die die Entwicklung und die neue Sichtweise des Vereins dokumentiert. Der Klub blickt nach oben, warum auch nicht?

Wer die Eintracht vor zehn Wochen in der Liga auf Rang sieben mit Tuchfühlung nach oben und in der Europa League auf Rang eins mit weißer Weste verortet hätte, wäre wohl für ein ganz klein wenig realitätsfremd gehalten worden. Das bisherige Abschneiden ist unter den bestehenden Bedingungen (Leistungsträger weg, Trainer weg, Europa League als Zusatzbelastung) nicht hoch genug zu bewerten.

Es ist aber auch kein Zufall. Dass die Hessen am Sonntag in Nürnberg noch einen Punkt mit nach Hause nehmen konnten, ist der individuellen Qualität geschuldet. Am Ende rettete Sebastien Haller das Remis, der Franzose ist mittlerweile so etwas wie die Torversicherung der Eintracht: An 13 Treffern war der Mittelstürmer beteiligt, sechs machte er selbst, sieben Mal legte er auf. Herausragend. Haller ist der Fixpunkt in der Offensive. Da lässt es sich auch verschmerzen, dass in Nürnberg die beiden anderen Angreifer, WM-Star und Pokalheld Ante Rebic sowie Fünferpacker Luka Jovic, blass blieben. Beide haben zusammen auch schon zehn Mal getroffen (Jovic sieben, Rebic drei Mal). „Man kann nicht immer eine Topleistung abliefern“, formulierte Coach Hütter allgemein.

Was die Mannschaft gewiss noch lernen und verinnerlichen muss, aber das ist ein stetiger Prozess: sich in diesem schnellen Rhythmus mit Europapokal- und Bundesligaspielen immer wieder aufs Neue aufzuraffen, an die Leistungsgrenze zu gehen und nicht nachzulassen. Das ist nicht so leicht, gerade wenn die Zeitspanne zwischen den Spielen so kurz ist, wie sie jetzt war, nämlich etwas mehr als 60 Stunden. Doch genau diese Fokussierung macht wirkliche Topteams aus, die ständige Bereitschaft, der fortwährende Hunger und die Fähigkeit, die Konzentration aufrechtzuerhalten. In Nürnberg war quasi mit dem Anpfiff schon zu erahnen, dass die Mannschaft gerade geistig irgendwie ausgelaugt wirkte. Das kann nach den vielen Begegnungen und Highlights durchaus mal passieren.

Die Begegnung gegen Nürnberg in der Analyse des Rasenfunks

Viele Möglichkeiten, seine Mannschaft zu verändern, hätte Coach Hütter sowieso nicht gehabt. Es ist zweifelsfrei ein Qualitätsabfall auf den hinteren Positionen des Aufgebots zu erkennen, nicht alle Reservisten können die Stammspieler adäquat ersetzen oder sie machen zu wenig Druck. Marco Fabian etwa hat es seit Wochen schon nicht mehr in den Kader geschafft. Marc Stendera, für den die Rückkehr nach Nürnberg eine emotionale Angelegenheit war, weil er sich damals, im Mai 2016, beim Relegationskrimi erneut einen Kreuzbandriss zugezogen hatte, ist zwar dezent auf dem Vormarsch, aber uneingeschränktes Vertrauen spürt er eher nicht. Und dass ein Spieler wie der zuletzt arg schwächelnde und ein wenig kopflos agierende Allan Souza so viele Bewährungschancen erhält, ist auf der einen Seite rätselhaft, zeigt aber auch, wie rar die Alternativen gesät sind.

Stuttgart als nächster Charaktertest 

Dabei wäre es gerade im Mittelfeld wichtig, mehr Auswahl auf einem guten Niveau zu haben. Denn dort gibt es Steigerungspotenzial. Zerstörer Gelson Fernandes sollte den Part des „Sechsers“ nicht dauerhaft übernehmen, Jonathan de Guzman ist nicht wirklich in Topform, und Mijat Gacinovic schwankt in seinen Leistungen, oft spielt er zu naiv, zu unbedarft. Am Sonntag wurde er angeschlagen ausgewechselt. Trainer Hütter stellte aber trocken fest: „Ich hätte ihn auch so ausgetauscht.“ Was wäre für die Eintracht mit einem top besetzten Mittelfeld möglich?

Am Dienstag dürfen die Frankfurter Spieler mal die Beine hochlegen, das haben sie sich verdient. Ihre Siegesserie (fünf Dreier hintereinander) ist zwar gerissen, doch verloren haben sie nun auch schon eine ganze Weile nicht, seit sechs Pflichtspielen sind sie unbesiegt. Am Freitag geht es nach Stuttgart, Tabellenschlusslicht mit fünf Punkten, die letzten drei Partien gingen allesamt verloren, mit 1:11 Toren. So ein Gegner kann gefährlich sein. Hört sich schwer nach einem neuen Charaktertest für Eintracht Frankfurt an.

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