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Ante Rebic blickt auf ein unvergessliches Jahr 2018 zurück.

Ante Rebic

"Das war das beste Jahr meiner Karriere"

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    Ingo Durstewitz
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Eintracht-Stürmer Ante Rebic spricht im Interview über den Pokaltriumph, das Lebensgefühl in Frankfurt und den schon längst legendären "Bruda"-Spruch von Kevin-Prince Boateng.

Herr Rebic, wenn Sie jetzt, da sich das Jahr dem Ende zuneigt, auf 2018 zurückblicken, was fällt Ihnen da ein?
Ist ganz gut gelaufen (lacht).

Ist ganz gut gelaufen, das ist ja wohl die Untertreibung des Jahres.
Lassen Sie uns bitte mal von vorne beginnen: Als ich von der Weltmeisterschaft und dem anschließenden Urlaub wieder zurück nach Frankfurt kam, wusste ich nicht genau, wie stark die Mannschaft sein wird. Viele Spieler hatten den Verein verlassen, neue sind hinzugekommen, wir haben auch einen neuen Trainer bekommen. Im Laufe der Zeit hat man dann gesehen, dass das immer besser zusammenpasst. Wir haben hart gearbeitet, jeder respektiert den anderen, jeder kämpft für den anderen. Ich denke, das sieht man auf dem Platz. Wir sind auf einem guten Weg. Das lässt sich auch an den Resultaten ablesen.

Andere beschreiben die Situation der Eintracht sehr viel euphorischer, das Team ist die Mannschaft der Stunde, rockt die Bundesliga. Das ist ganz erstaunlich, so etwas gab es seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr.
Über die Geschichte kann ich nichts sagen, wir schauen wirklich nur von einem Spiel zum nächsten, damit sind wir gut gefahren: Neun Siege, ein Unentschieden aus den letzten zehn Spielen – das ist nicht so schlecht.

Weshalb ist die Mannschaft so bärenstark?
Ich kann das nicht genau beantworten. Wir sind füreinander da, wir haben einen guten Geist, sind ein verschworener Haufen. Und wir haben einen guten Trainer, der immer ein offenes Ohr hat und uns Spieler versteht.

Ganz Deutschland spricht von dem zügellosen Eintracht-Sturm, der alle Parameter sprengt, eines der besten Trios in ganz Europa ist. Das ist doch unglaublich.
In der vergangenen Saison haben wir nie alle zusammen gespielt, die meiste Zeit haben Sebastien Haller und ich gespielt, Luka Jovic war oft auf der Bank. Aber in dieser Spielzeit ist es halt auch für den Trainer schwierig, einen von uns auf die Bank zu setzen, da wir einen ganz guten Job machen. Luka und Seb sind sehr gute Spieler, das zeigen sie in jedem Spiel, sie treffen ja auch sehr oft, beide schon neunmal in der Liga. Ich habe ein paar Tore weniger erzielt.

Aber Sie sind ja ein anderer Spielertyp, und sie waren zu Saisonbeginn auch noch verletzt.
Das ist korrekt, ich habe mich dann in Belgrad behandeln lassen. Aber es war ja nicht nur die Verletzung. Ich konnte wegen der WM die Vorbereitung nicht mitmachen, das spüre ich teilweise jetzt noch.

Inwiefern?
Ich bin nicht zu 100 Prozent fit, das ist ein Unterschied zur vergangenen Saison. Ich denke, ich werde erst ab Januar ganz der Alte sein.

Das klingt ja fast wie eine Warnung für die Konkurrenz.
Es ist aber so, ich bin noch nicht auf dem Maximallevel. Ich habe mit dem Trainer häufiger darüber gesprochen, ich werde Schritt für Schritt aufgebaut. Ich war zum Beispiel gegen Lazio Rom auf der Bank, ich habe auf Zypern gegen Limassol zunächst nicht gespielt. Das Spiel gegen Schalke war das erste, bei dem ich über 90 Minuten auf dem Feld stand. Ich bin immer noch im Aufbau. Aber es wird immer besser.

Was ist das Besondere an diesem furiosen Eintracht-Sturm?
Wir sind alle unterschiedlich. Wir ergänzen uns gut. Seb zum Beispiel ist ein guter Kopfballspieler, der den Ball halten kann. Luka hat einen fantastischen Abschluss. Er ist 20 Jahre alt, ich habe schon in der vergangenen Saison gesagt: Er gehört zu den besten Stürmern seiner Altersklasse – weltweit. Da bin ich mir zu 100 Prozent sicher. Und ich bin ja auch noch da und beschäftige die Abwehrspieler ein bisschen.

Haben Sie sich über Ihre vergebene Großchance in Augsburg sehr geärgert?
Das passiert im Fußball. Es war so, dass ich nicht mehr damit gerechnet habe, dass der Ball kommt. Luka hat ihn Außen mitgenommen, aber sein letzter Kontakt war nicht so gut, weshalb ich dachte, dass der Ball ins Aus geht. Ich habe also für den Bruchteil einer Sekunde abgestoppt, und als ich dann gemerkt habe, dass Luka den Ball doch bekommt und ihn nach Innen bringt, bin ich losgesprintet, aber es war zu spät. Aber es war nicht so schlimm, ich habe mich nicht allzu sehr geärgert, denn so wie das Spiel lief, habe ich schon gespürt, dass wir noch einige Chancen bekommen werden.

Und als Sie dann nach dem Abpfiff auf den Videowürfel geschaut haben, sahen Sie, dass die Bayern nur 3:3 gegen Düsseldorf gespielt haben. Das konnten Sie kaum glauben, man sah es in Ihrem Gesicht geschrieben.
Das stimmt. Ich habe während des Spiels auf der Leinwand gesehen, dass es 3:1 für Bayern steht und am Ende dann 3:3. Ich konnte das nicht glauben, ich habe Düsseldorf ja hier gesehen (die Eintracht zerlegte die Fortuna 7:1; Anm. d. Red.) – da konnte ich mir nicht vorstellen, dass sie ein 1:3 in München aufholen.

Verfolgen Sie das, was da in München rund um Ihren Ex-Trainer Niko Kovac vorgeht?
Das möchte ich nicht kommentieren, ich finde es aber schon traurig, was da passiert gerade.

Hatten Sie im Kopf, die Eintracht zu verlassen und sich etwa Bayern München anzuschließen?
Ich habe schon gegen Ende der vergangenen Saison gesagt, dass ich es mag, hier zu sein. Hier fühle ich mich wohl, ich mag es, wenn die Fans mich unterstützen. Es passt hier einfach. Die medizinische Abteilung ist sehr gut, sie helfen uns, gesund zu bleiben. Für mich ist es sehr wichtig, dass ich ein gutes Gefühl habe. Ich wollte nicht wechseln. So einfach ist das.

Wir dachten, um ehrlich zu sein, nicht, dass Sie nach Frankfurt zurückkehren.
Es gab einige Angebote, gute Angebote, ich habe dann über alles nachgedacht und abgewogen. Es ging mir da, wie gesagt, nicht nur um Fußball, sondern auch um das Lebensgefühl. Ich habe mich dann dafür entschieden, hier zu bleiben. Und es war keine schlechte Entscheidung, wie man sehen kann (lacht).

Weiche Faktoren scheinen ja nicht unerheblich zu sein, also ist es für Sie wichtig, dass Sie sich rundum wohlfühlen?
Das ist das wichtigste überhaupt, wichtiger als das, was auf dem Platz passiert. Denn der Tag hat 24 Stunden und nicht nur die 90 Minuten, die wir auf dem Fußballfeld sind. Es ist sehr wichtig, dass das Drumherum stimmt, dass man sich wohlfühlt. Die Lebensqualität ist entscheidend, und die ist hier sehr gut. Ich bin sehr froh, hier zu sein.

Kommen wir zur Weltmeisterschaft, diese märchenhafte Geschichte, die Kroatien da geschrieben hat. Wann haben Sie gespürt, dass da etwas Großes entstehen kann?
Eigentlich recht früh, wir haben erst Nigeria 2:0 geschlagen und dann gegen Argentinien mit 3:0 gewonnen, da haben wir gespürt, dass etwas sehr Spezielles passieren kann. Wir waren alle in guter Form, dann hat uns die Welle einfach immer weiter getragen. Aber das war auch kein Zufall, wir haben ja jetzt auch 3:2 gegen Spanien gewonnen. Wir können gegen jede Mannschaft der Welt bestehen.

Wie war diese Episode in Russland, erzählen Sie doch mal.
Na ja, eigentlich recht unspektakulär. Wir haben dort in einem Hotel mitten im Wald gelebt, 80 Kilometer von St. Petersburg entfernt. Wir waren dort, wenn man so will, in Quarantäne (lacht). Wir haben nichts mitbekommen, das einzige, was wir von der Welt da draußen mitbekommen haben, war über unsere Smartphones. Das war wie in der Vorbereitung: Wir haben trainiert, gespielt, gewonnen – und zurück ins Hotel.

War das nicht langweilig?
Nein, gar nicht. Dort ist dieser spezielle Geist entstanden, wir hatten eine gute Atmosphäre, die Zeit ging schnell um. Die anderthalb Monate haben sich wie eine Woche angefühlt.

Nach dem Finale haben wir die Bilder aus Ihrer Heimat gesehen, die Menschen waren alle aus dem Häuschen. Das müssen ja bewegende Tage gewesen sein?
Wir haben nicht erwartet, dass so viele Menschen da sein würden, es waren mehr als eine halbe Million Leute auf der Straße. Als wir in Zagreb gelandet sind, sind wir mit dem Bus in die Innenstadt gefahren: Wir haben sieben Stunden gebraucht – normalerweise dauert die Fahrt 20 Minuten. Es war einfach unglaublich.

Dabei haben Sie ja schon einiges erlebt, nach dem Pokaltriumph mit der Eintracht in Berlin war ja auch ganz Frankfurt auf den Beinen.
Der Empfang hier nach dem Pokalfinale war schon Wahnsinn, das war das erste Mal, dass ich so etwas erlebt habe. Aber selbst das kann man nicht damit vergleichen, was nach der WM in Kroatien los war. Das war wirklich unbeschreiblich und unvergesslich.

Vizeweltmeister, Pokalsieger, Sie sind zum absoluten Starspieler aufgestiegen – das war ja ein Traumjahr für Sie.
Das kann man so sagen, das war das beste Jahr meiner Karriere bisher. Auch der Sieg im Pokalfinale war ein absolutes Highlight, ich hatte vorher zwei Endspiele verloren, einmal in Italien, da habe ich aber nicht gespielt, und im Jahr zuvor gegen Dortmund. Umso glücklicher bin ich, dass wir den Pokal geholt haben.

War das Spiel in Berlin das beste Ihrer Laufbahn?
Es war das beste Spiel meiner Karriere, ja. Dabei bin ich erst auf den letzten Drücker fit geworden. Ich hatte mich Anfang April beim Spiel gegen Werder Bremen verletzt und musste wegen eines Muskelfaserrisses vier Wochen pausieren. Ich hatte dann noch zwei Wochen, um mich auf das Endspiel vorzubereiten. Die Zeit hat gereicht, es war ein perfektes Spiel.

Und dann kommt Prince Boateng auf dem Frankfurter Römer auf der Siegesfeier daher und plaudert die streng geheime Siegtaktik vor Tausenden Fans aus: „Bruda, schlag den Ball lang.“ Sagen Sie, hat sich das wirklich so zugetragen?
Als wir auf dem Weg von der Umkleide hinaus aufs Feld waren, habe ich ihm gesagt, er soll mir den Ball hinter die Abwehrspieler schlagen. Wir wussten, dass das unsere Chance ist gegen die Bayern. Ich habe gefühlt, dass wir unsere Chance bekommen würden, ich habe mich richtig gut gefühlt. Und wir hatten ja schon ein paarmal gegen die Bayern gespielt, deshalb wusste ich genau, wie sie spielen. Die Abwehrspieler stehen immer sehr hoch, aber hinter ihnen ist sehr viel Platz. Da muss der Ball halt hinkommen.

Und Sie haben Boateng das genauso auf Deutsch gesagt, „Bruda, schlag den Ball lang.“
Nein, auf Englisch. Er hat es dann übersetzt (lacht). Ich habe es ihm übrigens nicht nur einmal gesagt, sondern die ganze Zeit: Do it, do it, do it.

Interview: Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein

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