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Eintracht Frankfurt und der Geist der Berge

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Von: Ingo Durstewitz

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Beste Voraussetzungen für eine erfolgreiche Saison: Die Eintracht reist wieder nach Windischgarsten.
Beste Voraussetzungen für eine erfolgreiche Saison: Die Eintracht reist wieder nach Windischgarsten. © imago images / MIS

Schon zum vierten Mal reist die Eintracht zum Trainingslager nach Windischgarsten. Der Blick auf vergangene Jahre zeigt: Der Ausgang ist offen.

Frankfurt/Windischgarsten – Windischgarsten, mal wieder. Marktgemeinde in Oberösterreich, 2397 Seelen, Luftkurort, historischer Ortskern, nördliche Kalkalpen, Gleinkersee, bekannt für das berühmt-berüchtigte Lederhosenfest und bei Insidern auch für sagenhafte Bergmanderln. Nun also auch für Eintracht Frankfurt erneut Windischgarsten, zum vierten Mal in den letzten zehn Jahren schon – dabei fielen sogar zwei Sommer-Trainingslager komplett aus, Corona, Pandemie. Man erinnert sich dunkel, vielleicht.

Markus Krösche, der Eintracht-Sportvorstand, war noch nie dort, also kein Bergpanorama, kein Lederhosenfest, keine Bergmanderln. „Ich bin gespannt“, sagt der Manager. Die Eintracht reist an, na klar, um sich bestmöglich vorzubereiten auf die schwierige und anspruchsvolle und spannende Saison. Es liegt ein bisschen was vor den Frankfurter Europapokalsiegern, nicht weniger als eine irgendwie geartete Bestätigung der letzten famosen Spielzeit, sei es durch wiedererkennbare Auftritte im Pokal, der Liga oder – Obacht – der Champions League. Vielleicht könnten sie, zum Auftakt, ja auch den internationalen Supercup gewinnen. Wer ist schon Real Madrid?

Trainingslager von Eintracht Frankfurt „extrem wichtig“

Es geht darum, den Klub wieder würdig zu vertreten und Spuren zu hinterlassen, so wie in den vergangenen Jahren. Ein Titel muss dabei nicht zwingend herausspringen. Das erwartet niemand, das wäre vermessen. Schwierig wird das gesamte Unterfangen dennoch. Trainer Oliver Glasner tut viel dafür, gar keinen Schlendrian einziehen zu lassen. „Sechs Wochen lang gab es für uns nur Glückwünsche und Gratulationen“, sagt er. „Aber auf dem Platz ist es damit vorbei.“ Auf den Lorbeeren ausruhen ist nicht. Keiner schenkt der Eintracht etwas, ganz im Gegenteil: Der Euro-League-Gewinner wird gejagt. „Wir müssen einen neuen Fokus finden“, mahnt Kapitän Sebastian Rode an.

Da bietet so ein Trainingsquartier in der Vorbereitung jede Menge Chancen, um die Mannschaft einzuschwören und auf Linie zu bringen. Das hat Coach Glasner angekündigt. Er will sein Team zu einer Einheit formen, den Eintracht-Stil rauskitzeln und wieder das fördern, was während der Sommerferien ein wenig untergegangen ist: Automatismus, Klarheit, Selbstverständlichkeit. Aber auch: Wille, Mentalität, Einstellung.

In Österreich soll der Grundstein gelegt werden. So ein Camp sei eine gute Sache, findet Sportchef Krösche. „Ich finde das extrem wichtig. Man verbringt viel Zeit zusammen, aber in einer guten, lockeren Atmosphäre. Das hilft bei der Integration der Neuen“, sagt er. „Es ist gut für die Gruppe, um sich besser kennenzulernen.“ Und, davon mal ganz abgesehen: „Man hat die Möglichkeit, intensiv und gut zu trainieren. Von daher empfinde ich so ein Trainingslager als wichtiges Element der Vorbereitung.“

Das mondäne Hotel Dilly in Windischgarsten wird generell sehr gerne als Basiscamp benutzt. Union Berlin war schon da, die TSG Hoffenheim ist regelmäßiger Gast, die Nationalmannschaft der Slowakei vor der EM 2021. Und viele, viele, viele mehr. „Die Infrastruktur für die Teams ist einzigartig“, sagt der gemütvolle Besitzer Horst Dilly. Die Wege sind kurz, die Plätze nah, das Essen gut, die Aussicht spektakulär. „Für die Region ist dies eine unbezahlbare Werbung.“ Fast 15 000 Übernachtungen pro Jahr sind die Folge. Vor Corona. Für die Mannschaften geht es eher um Fitness, Taktik, Teambuilding. Um Konkurrenzfähigkeit. Das war schon immer so.

Den ersten Eintracht-Trip in die betuliche Marktgemeinde beaufsichtigte Armin Veh, der das damals aber „überhaupt nicht wollte“, wie der frühere Eintracht-Trainer steif und fest behauptete. Zehn Jahre genau ist das her, doch er musste dann doch, der Armin Veh aus Augsburg. Schließlich hatte er die Eintracht nach diesem merkwürdigen Abstieg 2011 wieder in die Bundesliga geführt, nur ein Jahr später, und er entschloss sich dazu, das fortzusetzen, was er begonnen hatte. „Eigentlich war das gar nicht geplant, es war nicht vorgesehen, dass ich dann noch Trainer der Eintracht bin.“ Manchmal kommt es eben anders.

Das Trainingslager in Oberösterreich hatten andere klargemacht, Armin Veh, der Genießer, konnte sich dann doch damit arrangieren. Nach ein paar Tagen im Schoße des rührseligen Hoteliers Horst Dilly war das Domizil für ihn mehr als okay. „Es passt alles.“ Es sollte sich lohnen, ein Jahr später war die Eintracht als Aufsteiger in die Europa League eingezogen. Es war, wenn man so will, der Anfang der märchenhaften, magischen Nächte: Eintracht Frankfurt international. Mit der Krönung eine Dekade später.

2015 verschlug es die Eintracht erneut nach Windischgarsten, Armin Veh war wieder Trainer, zum zweiten Mal, eine eher unerquickliche, sperrige Episode mit Thomas Schaaf lag dazwischen. Doch die gute Idee, den einstigen Erfolgscoach zurückzuholen, nun ja, sie erwies sich als eher nicht so prickelnd. Okay, im Quartier beim Dilly war alles wie immer, tolle Stimmung, hungriges Team, wie das eben so ist in der Vorbereitung. Alexander Schur, Ex-Kapitän, damals frisch ins Trainerteam aufgenommen und ein begnadeter Entertainer, erzählte auf dem Hüttenabend etliche Schoten über Felix Magath, der Waldläufe niemals auf ausgetrampelten Pfaden ansetzte, sondern immer solche, bei denen es durchs Dickicht mit Dornen, Stacheln und Brennnesseln ging. Haris Seferovic, der Angreifer, träumte vom Europacup, denn sein neuer Sturmpartner Luc Castaignos, ja, der könne schon was. „Ich und er – wir verstehen uns sehr gut“, ließ Seferovic in der ihm ureigenen Art wissen. Wurde dann doch nix. Veh merkte es schnell, konnte es aber nicht stoppen, flog raus – und Niko Kovac musste die Eintracht in der Relegation retten. 2016 war das.

Niko Kovac also, jener Niko Kovac, der den ganzen Verein, wie Vorstandssprecher Axel Hellmann noch heute mit Inbrunst beteuert, auf ein anderes Level gehoben hat. „Niko war für uns von allen sportlichen Verantwortungsträgern der größte Glücksfall. Er hat bei uns eine andere Arbeitsmentalität eingeführt und auch das Denken, Grenzen durch Fleiß zu verschieben“, sagt der 50-Jährige. „Davon profitieren wir bis heute. Für uns als Verein war das eine Grenzverschiebung, nach dem Motto: Man kann Außergewöhnliches schaffen, wenn man außergewöhnlich engagiert und fleißig daran arbeitet.“

Auch Adi Hütter war demnach einer dieser Profiteure, er war mit seiner Mannschaft 2019 in Windischgarsten. Es war eine komische Zeit, die Eintracht flog direkt aus Österreich zum Euro-League-Quali-Spiel nach Tallinn, gewann glanzlos – und reiste wieder zurück ins Basiscamp. Es folgte eine Saison, die es so noch nie gegeben hatte, sie endete Ende Juni, das Aus in der Euro-League folgte in Basel im August 2020 – vor Beginn der nächsten Spielzeit. Die Pandemie hatte die Welt auf den Kopf gestellt und die Fußballspiele zu Geisterspielen gemacht. Nicht so lange her, das alles.

Nun also das vierte Mal Windischgarsten, der Geist der Berge, er soll Eintracht Frankfurt erfolgreich durch die lange Saison tragen. Klappt, siehe oben, mal besser und mal schlechter. (Ingo Durstewitz)

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