1. Startseite
  2. Eintracht

Bedrohtes Paradies

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Frank Hellmann

Kommentare

Entstammt der „Kompetenz aus der Grenzecke“: Weltmeister Matthias Ginter und sein neuer Dortmunder Teamkollege Roman Weidenfeller.
Entstammt der „Kompetenz aus der Grenzecke“: Weltmeister Matthias Ginter und sein neuer Dortmunder Teamkollege Roman Weidenfeller. © rtr

Der WM-Titel kann der Bundesliga viel Auftrieb geben. Die „Kompetenz in der Grenzecke“ ist in Gefahr. Thomas Schaaf will die Raute behalten und Armin Veh den Teamgeist übertragen.

Thomas Schaaf hat hinterher mit einem Schmunzeln erzählt, er habe seine Anwesenheit im Mozartsaal des Mannheimer Kongresszentrums als „spannende Nummer“ empfunden. Denn neben dem neuen Trainer von Eintracht Frankfurt saßen zum einen Armin Veh (VfB Stuttgart), „mein Vorgänger“, und zum anderen Christian Streich (SC Freiburg), „mein erster Bundesliga-Gegner“, auf dem Podium. Gemeinsam mit DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock und Kameruns Nationaltrainer Volker Finke erörterten sie auf dem Internationalen Trainerkongress die Schlussfolgerungen für den deutschen Fußball aus dem Gewinn der Weltmeisterschaft.

Einig waren sich die Fußballlehrer, dass „dieser Titel das Ergebnis langjähriger Nachwuchsarbeit ist“, wie Schaaf sagte, den zudem begeistert hat, „wie viele Teams bei dieser WM ihre Ideen umgesetzt haben; wie aktiv sie waren, um selbst zu agieren“. Der 53-Jährige sah sich im Grunde in seiner offensiv geprägten Anschauung bestätigt. Der gleichaltrige Kollege Veh („Thomas ist ein absoluter Fachmann: Wir haben vor Wochen einmal lange telefoniert“) hält überdies den deutschen Zusammenhalt für nachahmenswert: „Wir Trainer sind verantwortlich, einen glaubwürdigen Teamgeist vorzuleben.“ Auch wenn er im Trainingslager eher nicht auf Wohngemeinschaften setzen würde, die nach Sandrocks Einschätzung die Stars eine neue Stufe der „Selbstdisziplin und Selbstverantwortung“ lehrten.

Kosmopolit Finke („Man muss ins Ausland gehen, um die deutsche Organisation zu schätzen“) stellte heraus, dass das Drumherum bei der DFB-Auswahl ein Erfolgsgarant sei – ihm wird am heutigen Donnerstag eröffnet, ob er überhaupt für Kamerun weitermachen darf.

Die eindringlichste Mahnung für die Zukunft des deutschen Fußballs sprach der Freiburger Christian Streich aus, der bei den vielen Lobpreisungen auf den schwarz-rot-goldenen Unterbau Wasser in den Wein schüttete. Dass neben den alimentierten Vereinen VfL Wolfsburg, Bayer Leverkusen und TSG Hoffenheim demnächst wohl noch Rasenballsport Leipzig in die Bundesliga drängt, passt dem 49-Jährigen überhaupt nicht. „Wir müssen aufpassen, dass wir weiterhin Vereine haben, die nicht von Menschen mit viel Geld gesponsert werden“, warnte Streich. „Das ist der Schlüssel. Die Gefahr besteht in hohem Maße.“ Da sieht einer die Talentförderarbeit im Breisgau in höchster Gefahr, was ja auch Bundestrainer Joachim Löw um einige Annehmlichkeiten bringen würde.

Schaaf: "Die Raute finde ich nicht so schlecht "

Streich fürchtet, spätestens „in fünf, sechs Jahren“ von der Erstliga-Landkarte verdrängt zu werden, und dann könne er nicht mehr junge, deutsche Kräfte wie den zu Borussia Dortmund gewechselten Matthias Ginter der Elite zuführen. Die „Kompetenz in der Grenzecke“ (Streich) ließe sich in der zweiten Liga ja nicht annähernd so gut entwickeln, und der Coach ist skeptisch, dass andere Klubs so zielgerichtet auf deutschen Nachwuchs setzen wie der Sportclub.

„Die kaufen lieber für 20, 30 Millionen Euro im Ausland.“ Veh schlug insofern noch in dieselbe Kerbe, als er das Gebaren der Premier League kritisierte: „England schmeißt mit irrsinnig viel Geld um sich, setzt aber nicht seine jungen Spieler ein. Das ist der signifikante Unterschied zu Deutschland.“

Mit einem süffisanten Grinsen nahm Veh den Umstand hin, dass Chefausbilder Frank Wormuth in seiner WM-Analyse vorgetragen hatte, die Mittelfeldraute sterbe aus. „Wer sagt das?“, fragte Veh und stellte heraus, dass es allenfalls neue Trends gebe, aber keine neuen Systeme mehr. Sein Frankfurter Nachfolger Schaaf konnte ihm da nur beipflichteten: „Ich wehre mich gegen solche Prinzipien. Die Raute finde ich nicht so schlecht. Viel wichtiger ist doch, wie die Spieler aus dieser Grundformation ihre Rolle interpretieren.“

In seiner Zeit beim SV Werder hat der in Mannheim geborene Schaaf bekanntlich diese Mittelfeld-Anordnung hoffähig gemacht, und kein Ensemble hat sie über Jahre so spektakulär interpretiert wie seine stürmisch einstellten Hanseaten. Sowohl Veh als auch Schaaf kündigten fast schon trotzig an, entgegen den WM-Erkenntnissen die Raute nicht einzumotten.

Interessant ist übrigens, wie unterschiedlich die drei Bundesliga-Trainer ihre Zielsetzung für die neue Spielzeit vortrugen – ein jeder mischte in sein Statement seinen ironischen Unterton. Streich möchte mit dem SC Freiburg „den einen oder anderen Schritt nach vorne machen, wir haben schließlich keinen Europapokal.“ Süffisante Spitze: „Wenn uns am Saisonende dann nicht die halbe Mannschaft weggekauft wird, ist das ein Erfolg.“

Veh erneuerte seine Absicht, er habe nicht ein zweites Mal beim VfB Stuttgart angeheuert, „um Zwölfter zu werden“. Zweideutiger Zusatz: „Aber wir müssen im Kader noch etwas machen, sonst werden wir Dreizehnter.“

Schaaf berichtete, seine Mannschaft sei „fleißig, es macht unglaublich Spaß, aber wir brauchen eine Zeit der Anpassung. Deshalb ist der Trainer sehr geduldig.“ Beiläufiges Bonmot: „Unser Anspruch ist nicht, Deutscher Meister zu werden.“

Auch interessant

Kommentare