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Backups im Kasten: Jens Grahl und Diant Ramaj, Helfer und Hitzeblitz

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Von: Ingo Durstewitz

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Zwei Stuttgarter Ballfänger im Adler-Dress: Die Torhüter Jens Grahl (links) und Diant Ramaj (rechts) lauschen Torwarttrainer Jan Zimmermann bei seinen Anweisungen. Imago IMages
Zwei Stuttgarter Ballfänger im Adler-Dress: Die Torhüter Jens Grahl (links) und Diant Ramaj (rechts) lauschen Torwarttrainer Jan Zimmermann bei seinen Anweisungen. © Imago Images/Jan Huebner

Die Eintracht-Ersatztorhüter sind zwei verlässliche Typen, aber von ihrem Naturell her total unterschiedlich. Und sie haben konträre Perspektiven.

Frankfurt - Kein Mensch käme ernsthaft auf die Idee zu behaupten, Jens Grahl habe sportlich bei Eintracht Frankfurt tiefe Spuren hinterlassen. Das wäre Humbug. Der 34 Jahre alte Schlussmann hat in nun eineinhalb Jahren zwei Pflichtspiele absolviert, einmal half er in der Hessenliga bei der zweiten Mannschaft aus, weiße Weste beim 3:0-Erfolg in Stadtallendorf im Oktober. Und einmal durfte er in der Bundesliga ran, das war im April, drei Tage nach dem epischen Sieg in Barcelona. Schnöde 0:2-Niederlage mit einer B-Elf bei Union Berlin. Die FR bescheinigte dem Keeper aber eine „ordentliche Leistung“ nach 2461 Tagen ohne ein Bundesligaspiel, „an ihm lag es nicht“.

Andererseits: Nur wer weit weg ist von der Mannschaft und ausschließlich das bewertet, was auf dem Fußballfeld stattfindet, wäre der Meinung, Jens Grahl würde wenig bis gar nichts zum Erfolg beitragen. Das Gegenteil ist der Fall. Der gebürtige Stuttgarter ist ein fester Bestandteil der Mannschaft, er ist akzeptiert und angesehen. Auch wenn er nicht spielt, auch wenn er in der Hierarchie der Torhüter nur an Nummer drei zu finden ist und seinen Stammplatz auf der Tribüne hat, wenn es für die Kollegen ernst wird.

Jens Grahl, Jenson gerufen, kann das verschmerzen, er hat sich ja bewusst dafür entschieden, seinen Heimatklub, den VfB Stuttgart, zu verlassen, und sich in relativ hohem Alter noch mal einer neuen Herausforderung zu stellen. Natürlich lag das an dem Angebot der Eintracht, das ihm die Chance bietet, nach der aktiven Karriere seine Sporen als Jugendtrainer im Leistungszentrum am Riederwald zu verdienen. Das ist in dem Alter und mit einer begrenzten sportlichen Perspektive mehr wert als der Stammplatz bei einem Zweitligisten.

Zudem hat sich der Frankfurter Torwarttrainer Jan Zimmermann intensiv um den klugen Kopf bemüht, da funken zwei auf einer Wellenlänge, auch „Zimbo“ ist ja ein intelligenter, eloquenter Mann. „Er hat mich von seinem Weg überzeugt, er hat die entscheidende Rolle bei meinem Wechsel gespielt“, sagt Grahl.

Eintracht Frankfurt: Papa der Mannschaft

Er geht in seiner Rolle als Kümmerer und Helfer voll auf, er ist ein integrativer Typ, kommt gut an, weil er auf andere zugeht und sie mitnimmt, aber auch für jeden Spaß zu haben ist. Solche Burschen kommen an in einer Gruppe, selbst wenn sie bunt und heterogen ist. Einer wie Jens Grahl ist wichtig für die Hygiene in der Kabine, zuständig für die Balance und das Innenleben. Das war schon immer so. In Stuttgart war er die gute Seele. „Ich war der Papa der Mannschaft“, sagt er selbst. Und das, obwohl er in fünf Jahren kein einziges Pflichtspiel für den VfB gemacht hat.

Eine Vaterfigur ist der ihm vorgestellte Diant Ramaj sicher nicht, die Nummer zwei, ebenfalls in Stuttgart geboren, ist deutlich jünger und unerfahrener. Der 21-Jährige hat auf dem Feld freilich andere Ansprüche und eine andere Perspektive. Der einstige deutsche Juniorennationaltorwart mit kosovarischen Wurzeln ist ehrgeizig bis zum Anschlag, gilt als Toptalent. So richtig zeigen konnte er das in Frankfurt noch nicht, das liegt logischerweise an der Stammbesetzung im Kasten: Kevin Trapp. Am Nationalkeeper führt kein Weg vorbei.

Keine einfache Situation für einen aufstrebenden Schlussmann, der sich ja auch zeigen und spielen muss, um besser zu werden, sich zu entwickeln. In eineinhalb Jahren kommt er auf vier Pflichtspiele, drei davon in der Hessenliga (zwei Siege, eine Niederlage), eines in der letzten Saison bei den Profis in der Bundesliga, 1:1 in Augsburg im Januar dieses Jahres.

Eintracht Frankfurt: Viel Lob

Anschließend prasselte viel Lob auf ihn herab, obwohl er sich beim Gegentor von Michael Gregoritschs Schuss in die kurze Ecke übertölpeln ließ. „Von ihm werden wir in den nächsten Jahren noch viel sehen“, sagte Urgestein Timothy Chandler. Kapitän Rode assistierte: „Man sieht im Training, was er für ein Talent ist.“

Doch der Weg des früheren Heidenheimers ist durch Trapp blockiert. Insofern hängt seine Zukunft auch so ein bisschen an der von Trapp: Verlängert dieser, wird sich der bis 2027 gebundene Ramaj wohl nach einem neuen Arbeitgeber umsehen müssen. Denn auf der Bank wird er auf der Dauer nicht besser, das stellt ihn auch nicht zufrieden.

Zudem: Sein Potenzial hat er noch nicht in Gänze entfaltet, er muss lernen, seinen Ehrgeiz und seinen Wagemut in die richtigen Kanäle zu lenken. Ramaj, gut mit dem Fuß, ist ein Draufgänger und Heißsporn, der sich vor lauter Tatendrang und Adrenalin dann manchmal verzettelt. Weniger ist aber manchmal mehr. Wird er noch lernen, der junge Hitzeblitz im Kasten. (Ingo Durstewitz)

Unterdessen scheint die Eintracht mit ihrem Nachwuchsarbeit auf dem richtigen Weg, jener zu den Profis ist aber ziemlich weit geworden.

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