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Eine Führungspersönlichkeit mit Vorbild-Charakter - und sportlich absolut top: Kevin-Prince Boateng.

Kevin-Prince Boateng

Die Autorität

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Kevin-Prince Boateng ist mit viel Charisma zum Gesicht von Eintracht Frankfurt geworden.

Es hat nicht viel gefehlt an diesem Freitagabend und Kevin-Prince Boateng hätte sich selbst um den Lohn seiner Arbeit gebracht. Er hatte im Zweikampf mit Lars Stindl den Fuß reingestellt, prompt gab es Elfmeter. Ein berechtigter, wie der Frankfurter ehrlicherweise fand. „Wenn ich der Gladbacher Spieler gewesen wäre, hätte ich auch einen haben wollen. Den kann man geben.“ Dass der 30 Jahre alte Deutsch-Ghanaer dann nicht zum Spielverderber avancierte, war pures Glück, Thorgan Hazard donnerte den Strafstoß an die Latte.

So blieb Kevin-Prince Boateng der entscheidende Mann auf dem Platz, der diese Partie prägte wie kein Zweiter.

Er ist der Chef im Team

Es war ja nicht nur das Führungstor kurz vor der Pause, das ihn heraushob. Wie schon im Hinspiel in Gladbach war Boateng ein Treffer gelungen, sein bislang vierter in 20 Spielen. Was ihn so eminent wertvoll für diese Mannschaft macht, ist seine Präsenz auf dem Spielfeld, sein Charisma, seine Aura. Er ist der Chef im Team, unumschränkt, er führt die Spieler, gibt Rhythmus und Tempo vor. Er ist das, was früher als „verlängerter Arm des Trainers“ umschrieben wurde.

Niko Kovac, im gleichen Berliner Kiez wie der 16 Jahre jüngere Paradiesvogel aufgewachsen, weiß das, er vertraut ihm, nicht blind, aber mehr als allen anderen Profis: „Kevin gibt der Mannschaft Stabilität und Mentalität.“ Wenn es je eine Führungspersönlichkeit gegeben hat, dann ist er eine. Dass der einstige Weltklassespieler, früher bei AC Mailand oder Tottenham Hotspurs am Ball, sowieso über „spielerische Qualitäten verfügt, die es nicht allzu oft in der Bundesliga gibt“ (Kovac), ist unstrittig.

Sportlich absolut top

Er ist der beste Fußballer im Team der fleißigen Arbeiter, er verliert kaum einmal den Ball, und wenn doch, zieht er noch einen Freistoß. Am Freitag gegen Gladbach hat er allein 19 Zweikämpfe gewonnen, die meisten aller Frankfurter Spieler. Was er im Spiel tut, hat Hand und Fuß, ob es der 40-Meter-Pass aus dem Fußgelenk ist, oder der kleine, überraschende Hackentrick.

Er hat im Sturm gespielt, im defensiven Mittelfeld und im offensiven, er kann das, ist vielseitig einsetzbar. Und er wird immer besser. Weil er jetzt auch konditionell deutlich zugelegt hat, mittlerweile kann er wieder Sprints anziehen (17 waren es am Freitag), er war überall auf dem Feld zu finden.

Sein Wert für diese Mannschaft aus der ganzen Welt ist aber noch ein anderer. Kevin-Prince Boateng, reichlich tätowiert und extrovertiert, gilt vielen im Team, gerade den Jüngeren, als Vorbild. Sie schauen zu ihm auf, gucken sich einiges ab. Er ist so etwas wie eine Vaterfigur, sein Wort hat Gewicht.

Boateng ist der einzige Star im Kollektiv. Er ist der gereifte Platzhirsch, der dezidiert Stellung zu Rassismus nimmt, vor der UN redet, im Torjubel an verunglückte Fußballer erinnert und auf dem gesellschaftlichen Parkett in Frankfurt eine gute Figur abgibt. Seine Ausstrahlung ist enorm. Inzwischen ist er zum Gesicht dieses multinationalen Klubs geworden. Er ist die Autorität – mit und ohne Ball.

Eines aber tut Kevin-Prince Boateng nicht: Er lässt nicht den Star raushängen. Er lobt die Kollegen, bildet sich auf seinen Status nichts ein. „Es macht einen Riesenspaß mit der Mannschaft zu spielen. Wenn man so zusammenhält wie wir, kann man viel erreichen. Es funktioniert bei uns, es passt.“

Das Gegenteil eines PR-Gags

Man spürt, in dieser Multi-Kulti-Truppe fühlt sich ein Boateng wohl, es ist genau die richtige Mischung aus Coolness, harter Arbeit und Lockerheit. Und er weiß im Herbst seiner Karriere, auch jeden Moment zu genießen. „Natürlich gucken wir nach oben. Das ist schön für den ganzen Verein, die Mannschaft und die Stadt.“

Es ist nicht alles gut gelaufen in seiner turbulenten Laufbahn, er hat einige Jahre verschenkt, etwa in London, als er sich wenig professionell verhalten hatte, als er sich aus lauter Frust Lamborghinis im halben Dutzend kaufte und eine besondere Liebe zu chips & fish entwickelte. Das hat ihn zurückgeworfen. Selbst heute, nach mehr als einem halben Jahr Training unter Kovac, sei er „noch nicht da, wo er hinkommen will“, sagt der Coach. Kann er womöglich noch besser? Geht es nach Boateng, dann schon, und er meint das Kollektiv: „Wir haben uns das in Spanien erarbeitet. Spielerisch machen wir das jetzt viel besser, aber da kommt noch viel mehr.“

Aber schon jetzt ist die Verpflichtung des geläuterten, gereiften Boateng, der sehr genau weiß, wie er sich zu verhalten hat und das Image des bad Boy längst abgestreift hat, für Eintracht Frankfurt ein Volltreffer. Es hat ja nicht wenige gegeben, die den Wechsel im Sommer schon als Jux-Transfer abgetan hatten, mit dem der Klub bestenfalls ins Gespräch kommen wollte, die ihm nicht mehr zutrauten, nach seiner letzten Station auf der spanischen Sonneninsel Gran Canaria noch einmal Bundesliga-Niveau zu erreichen. Kevin-Prince Boateng mag vieles sein, ein PR-Gag ist er nicht.

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