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"Aufrecht durchs Brandenburger Tor gehen"

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Von: Thomas Kilchenstein, Ingo Durstewitz

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Stammgäste im Olympiastadion: Auch in diesem Jahr werden mehr als 20.000 Eintracht-Fans ihre Mannschaft anfeuern.	i
Stammgäste im Olympiastadion: Auch in diesem Jahr werden mehr als 20.000 Eintracht-Fans ihre Mannschaft anfeuern. i © Imago

Eintracht-Aufsichtsratschef Wolfgang Steubing über die Vorfreude auf das Pokalfinale gegen den FC Bayern, die Zukunft von Alex Meier und was er vom neuen Trainer Adi Hütter erwartet.

Herr Steubing, was überwiegt bei Ihnen, wenn Sie an das Finale am Samstag denken? Die Vorfreude oder die Angst vor einer Klatsche?
Zweifellos die Vorfreude. Wir können ja nicht dahin fahren und davon ausgehen, dass wir eine Klatsche kriegen. Was wären wir denn da für Sportsmänner? Außerdem steht das ja sowieso in den Sternen. Wir sind, glaube ich, nicht unbedingt der Favorit (lacht), aber wir sind auch keine Brosamen, die man mal eben so in die Welt schießt. Das sind wir sicher nicht. Wir werden alles geben, damit wir nicht in Sack und Pack nach Frankfurt zurückfahren müssen. Wir wollen aufrecht durchs Brandenburger Tor gehen, und das weiß die Mannschaft auch. 

Was bedeutet dieses Finale, das zweite binnen eines Jahres, für Eintracht Frankfurt?
Das ist eine großartige Geschichte. Ich habe mir schon immer alle Pokalfinalspiele live vor Ort angesehen, und mein Freund Gert Trinklein war zweimal als Spieler dabei und hat sogar mal ein Tor geschossen. So ein Pokalfinale ist etwas ganz Besonderes. Das ist in Deutschland so ein Spiel, bei dem alle Emotionen noch mal geballt zusammenkommen. Natürlich sind die Bayern in der Liga das Maß aller Dinge, aber wir können ihnen als Außenseiter in einem Spiel vielleicht mal ein Bein stellen. Es ist ein grandioses Erlebnis, und es wird uns dabei helfen, Merchandising und Marketing zu intensivieren. 

Sie sprechen von dem Zuwachs an Renommee?
Genau. Es ist ein hundertprozentiger Imagegewinn für uns. Die Partie wird in 180 Länder auf diesem Planeten übertragen, 800 Millionen Zuschauer werden am Fernsehschirm zusehen – da kann ich nur sagen: Das ist toll für Eintracht Frankfurt. Wir haben schon im vergangenen Jahr gemerkt, dass uns nach dem Endspiel gegen Dortmund eine Menge Aufmerksamkeit zuteil wurde. Auch von Sponsorenseite. Und unser Vorstand Axel Hellmann hat das in hervorragende Konzepte umgesetzt, die den Verein finanziell erheblich stabilisiert haben. 

Braucht es womöglich sogar einen Pokalsieg, um die Saison zu retten?
Die Saison retten? Wieso denn das?

Naja, auf den letzten Metern ist in der Bundesliga die Europapokalteilnahme leichtfertig verspielt worden. 
Wir brauchen diese Teilnahme am Finale, um die Stimmung bei den Fans aufzuhellen. Es ist klar, dass es eine gewisse Enttäuschung gibt, weil wir die internationalen Plätze nicht erreicht haben. Aber dieses Erlebnis Berlin, das ist allgegenwärtig. Ich weiß gar nicht, wie viele Eintracht-Anhänger vor Ort sein werden, 50.000, 60.000, 70.000? Das ist schon außergewöhnlich. Unser Team wird da wieder eine tolle Party organisieren. Das werden die Bayern nicht machen, weil da ist so ein Finale ja Gewohnheit. Wenn jeden Tag Weihnachten ist, ist es ja nichts Besonderes mehr. Für uns ist es wie Weihnachten und Ostern zusammen. Zum zweiten Mal hintereinander.  

Wie sehen Sie, ganz persönlich, diese Saison? Sie prägten ja mal den Satz: Bordeaux und Porto – das war schon schön. Jetzt wurde es wieder nix mit Europa. 
Da ging es nur um den Weingenuss (lacht). Ernsthaft: Es ist hervorragend, international zu spielen. Das war eine wunderbare Erfahrung. Aber ich bin mit dieser Saison sehr zufrieden. Ich weiß, dass es da kritische Stimmen gibt, die das anders sehen. Aber sehen Sie: Wir hatten nichts mit dem Abstieg zu tun. Wir hatten uns spielerisch ganz gut etabliert. Wir haben an den internationalen Plätzen gerochen. Aber es war halt eng. Wir konnten unser Niveau letztlich nicht halten und sind auf Platz acht abgerutscht. Dennoch sage ich: Ich bin mit der sportlichen Leistung sehr zufrieden. Hochachtung. Es gibt eine kontinuierliche Entwicklung. Als ich Aufsichtsratsvorsitzender wurde, waren wir am Ende der Saison in der Relegation. Danach waren wir Elfter, jetzt sind wir Achter – und waren zweimal im Finale. Also, wer damit nicht zufrieden sein kann, dem kann ich auch nicht helfen. Dafür habe ich kein Verständnis. 

Klar, aber die Eintracht war nach 27 Spieltagen Vierter mit 45 Punkte, dann kamen in sieben Partien noch vier Pünktchen dazu. Das kann Sie doch nicht ernsthaft zufriedenstellen, da kann doch kein Sportler zufrieden sein. 
Als Sportler haben Sie recht, aber es ist halt so passiert. Wir hätten uns alle sehr gefreut, aber es ist uns nicht gelungen. Deshalb bin ich aber nicht enttäuscht, ganz im Gegenteil. 

Inwieweit hat das Theater um Niko Kovac eine Rolle gespielt. 
Die Kommunikation war sicher nicht optimal. Ein Trainerwechsel an sich irritiert eine Mannschaft. Denn es gibt etliche Spieler, die sich dann fragen, wie geht es jetzt mit mir weiter, wie ist meine zukünftige Position. Da entsteht ein gewisses Unsicherheitsgefühl. Dass so eine Situation nicht zu einer Verfestigung führt, ist klar. 
 
Sind Sie persönlich enttäuscht über die Art und Weise, wie Niko Kovac seinen Abgang vorangetrieben hat?
Ich wünsche Niko alles Gute dieser Welt. Er hat die Zusammenarbeit mit mir in einer persönlichen Botschaft sehr hervorgehoben und sie freundschaftlich erwähnt. Er hat mir sogar eine sehr gute Flasche Wein geschenkt. Niko Kovac war eine Wohltat für den Verein. Die Umstände rund um die Trennung, die Kommunikation, die halte ich für verbesserungswürdig. Aber jede Partei lernt daraus. 

Wie sehr hat Sie der Zeitpunkt geärgert?
Das war ungünstig, klar. Wir waren immer an den europäischen Plätzen dran, also einen guten Zeitpunkt hätte es sowieso nicht gegeben. Aber dieser Zeitpunkt war halt sehr ungünstig. Man hätte das anders lösen können. 

Haben Sie in den Gremien überlegt, den Trainer vorzeitig freizustellen?
Nein. Wenn ein Trainer zu den Bayern wechselt und man in der Folge zwei, drei Spiele verliert, muss man nicht über eine Beurlaubung nachdenken. Das ist, wie ich finde, ein bisschen unangemessen. 

Wenn die dicke Luft mal abgezogen ist, könnte man es ja auch als Auszeichnung für Eintracht Frankfurt sehen, dass die großen Bayern den Trainer wegkaufen. 
Ich hätte mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können, dass Bayern München mal einen Trainer von uns holt. Aber man lernt auch mit 68 immer noch dazu. Niko hat die DNA von Bayern München, er hat gute Connections dorthin, er ist sehr gut bekannt mit Hasan Salihamidzic. Und die Bayern hatten offensichtlich Probleme, einen Trainer zu finden. Und wenn dann die Gelegenheit gegeben ist, dieses Amt zu bekleiden, muss man das als Chefcoach sicherlich wahrnehmen. 
 
Ist es heutzutage eigentlich Usus, dass selbst Trainer Ausstiegsklauseln in ihren Verträgen haben? Wir kannten das bisher nur von Spielern. 
Ich habe in den letzten Jahren lernen müssen, das Ausstiegszenarien in den Trainerverträgen normal sind. Sie sind im Prinzip auf dem Transfermarkt wie Spieler. Das war früher nicht so. Aber heute ist das gang und gäbe, State of the Art.

Was hat sich denn sonst alles verändert in den vergangenen Jahren?
Es ist alles völlig neu, das Beratergeschäft ist da natürlich zuvorderst zu nennen. Ich habe früher als Verwaltungsrat bei der Eintracht mit Uli Stein über einen Vertrag verhandelt. Wir haben das im Bitburger gemacht, einer Kneipe in der Innenstadt. Da haben wir drei Bier getrunken, dann ist der Uli auf Toilette und hat gesagt: ,Wenn ich wieder komme, sage ich dir Bescheid, ob ich das Angebot annehme.‘ Ich wäre völlig irritiert gewesen, wenn er gesagt hätte, ich muss jetzt erst mal meinen Berater anrufen. Das gab es damals nicht. Undenkbar. Heute gibt es kein Gespräch ohne Berater. Spieler und Berater sind eine Einheit. Und da können Sie sich jetzt aussuchen, wer da mehr zu sagen hat. 

Fürchten Sie den Ausverkauf bei der Eintracht? Lukas Hradecky geht, Marius Wolf wahrscheinlich, am Ende vielleicht noch Ante Rebic oder Kevin-Prince Boateng.
Wer denn noch alles, haben Sie nicht noch welche vergessen (lacht)? Nein, im Ernst: Die Sportliche Leitung um Fredi Bobic und Bruno Hübner hat ganz klare Konzepte, wie sie vorgehen will. Wir wollen Leistungsträger halten, müssen aber auch auf die Wirtschaftlichkeit schauen. Wir sind da sehr gut aufgestellt. Keiner braucht die Dauerkarte zurückgeben, weil er Angst hat, dass keiner der Leistungsträger mehr da ist. Wir werden wieder eine Fluktuation haben, das steht fest. Es werden einige neue Spieler kommen, andere werden uns verlassen. Wir werden wieder eine gute Mannschaft zusammenbekommen. 
 
Welche Rolle spielt da der neue Trainer Adi Hütter?
Wir werden jetzt sehen, welche Vorstellungen er hat und wie er den einen oder anderen sieht. Das muss ja nicht deckungsgleich sein mit dem, wie Niko die Spieler gesehen hat. Und auch die neuen Spieler wissen jetzt, wer neuer Trainer wird. Das ist ja auch ganz wichtig. 

Wo wir schon mal bei den Spielern sind. Was wird denn aus Alex Meier?
Alex ist ein ganz toller Typ, eine Ikone in Frankfurt. Er ist 35 Jahre alt und hat in den vergangenen anderthalb Jahren heftige Verletzungen gehabt. Er ist in engstem Kontakt mit Fredi Bobic und auch mit Peter Fischer und mir. Es liegt uns allem am Herzen, Alex Meier der Eintracht zu erhalten. Er ist eine Identifikationsfigur. Ob das als Spieler möglich ist, kann ich jetzt nicht beantworten. Da müssen noch einige Dinge besprochen werden. Auf jeden Fall wollen wir ihn in die Gemeinschaft Eintracht Frankfurt einbetten. Nach Charly Körbel ist er die Fußball-Ikone Frankfurts. Wir werden alles tun, um ihn zu halten. 

Aber er will weiter Fußball spielen.
Vielleicht finden wir eine Lösung, die jedem gerecht wird. Die kann ich aber jetzt nicht präsentieren, weil ich sie nicht habe. Da gehören alle Parteien dazu, wir wollen eine gemeinsame Lösung. 

Was zeichnet den neuen Trainer Adi Hütter aus?
Ich habe natürlich meinen Freund Pirmin Schwegler zu ihm befragt, und er hat mir nur Gutes berichtet. Er steht für Disziplin und Ordnungssinn, hält aber nicht so starr an seinem Konzept fest wie Niko Kovac. Er ist etwas flexibler. Ob das hier funktioniert, wird man sehen. Er hatte in Bern auch eine bunte Mannschaft mit vielen Nationen. Das war auch ein Grund, weshalb wir gesagt haben: Okay, das könnte passen. 

Wo soll der neue Trainer den Verein hinführen?
Wir wollen weiterkommen und mit dem Abstieg nichts zu tun haben. Wir wollen uns langsam nach vorne bewegen. Das ist mein Wunsch. Und jetzt gehen da nicht mehr vier oder fünf Plätze, sondern zwei Plätze. Und diese zwei Plätze sind hart umkämpft. Wir tun im Rahmen unserer Möglichkeiten alles dafür, dass wir zumindest diese Chance haben. Wir haben den Etat ein bisschen erhöht, schon Voraussetzungen geschaffen. Als Fredi Bobic vor zwei Jahren zu uns kam, da musste er erst mal Spieler verkaufen, um neue holen zu können. Das sieht heute schon anders aus. 

Im vergangenen Jahr konnte Fredi Bobic für mehr als 20 Millionen Euro einkaufen gehen. Sprechen wir für die kommende Saison von einer ähnlichen Größenordnung?
Im letzten Sommer war das so, das ist richtig. Jetzt muss man sehen. Aber wir werden auf jeden Fall wieder investieren können, wir könnten eine solche Größenordnung wieder stemmen. 

Die Eintracht hat im TV-Ranking auch noch Plätze gutgemacht.
Das ist korrekt. Wir sind da vier Plätze nach vorne gesprungen, das sind rund acht Millionen Euro. Das heißt, dass wir unseren Sportetat erhöhen können. Aber wir werden nicht nur in Beine investieren, sondern auch in Steine. Ich erinnere nur daran: Wir planen den Bau einer neuen Geschäftsstelle für 35 Millionen Euro. Wir warten auf die Bagger. 

Das Eigenkapital ist ja auch durch die neu gegründete Gesellschaft „Freunde des Adlers“ und auch durch die Steubing AG erhöht worden, 15 Millionen Euro sind dem Verein zugeführt worden. 
Wir haben jetzt ein Eigenkapital in Höhe von 28 Millionen Euro. Das ist schon eine Hausnummer. Als ich angefangen habe vor drei Jahren hatten wir fünf Millionen, manchmal vielleicht nur drei. 

Wohin soll es mit der Eintracht mittelfristig noch gehen?
Ich habe ein Mandat bis 20. Juni 2020. Wenn ich dazu beitragen könnte, dass wir uns Jahr für Jahr ein bisschen verbessern, dann wäre ich sehr zufrieden. Wir sind sehr gut aufgestellt. Die Zusammenarbeit mit Fredi Bobic ist super. Ich bin begeistert von ihm. Das ist ein klasse Typ, ein Glücksfall für die Eintracht. Er arbeitet gewissenhaft und verlässlich, er ist fleißig ohne Ende. Und auch menschlich absolut top, manchmal rufe ich ihn nachts um zwei Uhr an, das ist kein Problem. 

Es gab ja mal Gerüchte, dass er die Eintracht Richtung Wolfsburg verlassen könnte. Haben Sie da einen Plan B in der Tasche, falls der Tag X mal kommt?
Das ist für mich nicht vorstellbar. Ich habe mit Fredi solch ein vertrauensvolles Verhältnis, sodass er mich zumindest rechtzeitig informieren würde, er würde mich nicht auflaufen lassen. Ich kann mir momentan nicht vorstellen, dass wir getrennte Wege gehen.

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