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Wirkt etwas desillusioniert: Sportmanager Bruno Hübner.

Eintracht Frankfurt

Aufbruch statt Stillstand

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Eintracht Frankfurt muss angriffslustiger und offensiver werden - und die Marke sexyer machen.

Als Bruno Hübner seine Mission in Frankfurt begann, das ist jetzt auch schon ein paar Jahre her, da malte er mit Worten schöne Bilder. Der Sportdirektor der Eintracht war voller Feuer, konnte es gar nicht erwarten, diesen Koloss von einem Verein zu bewegen und in Wallung zu bringen, den schlafenden Riesen zu neuem Leben zu erwecken.

Als Bruno Hübner, der Überzeugungstäter, also anfing in Frankfurt und die Mannschaft noch gar keine Mannschaft war, als der Verein gerade mit Pauken und Trompeten abgestiegen war in die zweite Liga und schwer getroffen am Boden lag, da beschwor Hübner die Einheit. Er war überzeugt davon, diesen Kahn mit Schlagseite wieder flott zu bekommen. „Jeder, der hierher kommt, muss wissen, dass die Eintracht ein Topklub ist, der unter die ersten Sechs in der Bundesliga gehört“, sagte Hübner. Das war 2011. Im Sommer. In der zweiten Liga. Heute, fast vier Jahre später, würde er das so nicht mehr formulieren.

Es ist ruhig geworden um den 54 Jahre alten Sportdirektor, er werkelt jetzt deutlich mehr im Hintergrund, für Journalisten ist er selten zu sprechen, und wenn, dann an der Seite des neuen Medienchefs Markus Jestaedt. Hübner hat sich aufgerieben, er wurde aus den eigenen Reihen attackiert, ausgebremst sowieso. Er ist ein bisschen desillusioniert. Einen solchen Satz wie zu Beginn seiner Amtszeit würde ihm jetzt nicht mehr über die Lippen kommen. Das ist eigentlich schade.

Über Eintracht Frankfurt hat sich nämlich eine merkwürdige Schwere gelegt, der Klub befindet sich im luftleeren Raum. Keiner weiß, wer eigentlich die Richtung vorgibt, und vor allen Dingen: Welche Richtung ist das?

Das liegt auch an den personellen Konstellationen. Der Aufsichtsrat wird erst am 8. Juni neu bestückt, dann wird Wolfgang Steubing den Vorsitz übernehmen. Das ist nur gut für den Verein. Der angesehene Börsenmakler hat nicht nur ein großes Herz für die Eintracht, er ist ein klarer Analytiker und kluger Macher, der nicht den Stillstand verwalten will. Er will vorankommen, anschieben, den Blick nach oben richten. So ist er gepolt.

Und es liegt an der Person von Heribert Bruchhagen, der in sein letztes Jahr als Vorstandschef geht. Der erfahrene Funktionär hat einen Stern mehr, kann Entscheidungen immer noch im Alleingang treffen und durchwinken. Aber er wird nicht mehr der große Alleinherrscher sein. Dazu ist er in seinem letzten Jahr zu schwach, dazu sind auch nicht mehr genügend Gefolgsleute an Bord. Die Frage wird sein, wie der 66-Jährige seine letzten Monate bestreiten will: Eher staatsmännisch als Souverän oder doch noch tagesaktuell und operativ. Und wann wird er die Geschäfte übergeben? Es macht ja keinen Sinn, dass er auch noch in die Planungen für die Spielzeit 2016/2017 eingebunden ist.

Bruchhagen hat sich jetzt in der Diskussion um Trainer Thomas Schaaf klar positioniert, er hat sich zum wankenden Coach bekannt und, wenn man so will, noch mal die Muskeln spielen lassen. Denn intern ist der Coach umstritten, da gibt es Zweifel, ob mit Schaaf die Zukunft bestritten werden sollte – außer er würde sich öffnen, die Mannschaft mitnehmen, sie anders anpacken, auf seine Seite ziehen.

Für Bruchhagen ist diese Positionierung eine Gefahr: Wenn es schiefgehen sollte mit diesem Trainer, wird das alleine auf ihn zurückfallen. Seine unbestritten große Reputation in der Bundesliga, sein hervorragendes Standing in der Branche würde ihn dann nicht mehr vor Ungemach aus den eigenen Reihen schützen.

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Ohnehin wäre Eintracht Frankfurt, und das betrifft den Vorstand, die Sportliche Leitung und auch die wichtigsten Männer des Aufsichtsrats (Wolfgang Steubing, Peter Fischer, Philip Holzer) gut beraten, diese Saison nicht einfach als Jahr des Umbruchs abzuhaken und sich hinter einer substanzlosen Defensiv-Rhetorik („40 Punkte waren unser Ziel, hatten nie was mit dem Abstieg zu tun, waren nie schlechter als Platz zwölf“) zu verschanzen, sondern diese Spielzeit sorgfältig aufzuarbeiten. Das ist zwingend notwendig. Denn über eine Saison wie diese kann man nicht einfach so hinweggehen. In dieser Runde wurde eine große Chance verpasst, einige Schritte nach vorne zu kommen.

Man kann es sich einfach machen und sagen, in dem Jahr des Umbruchs sei nicht mehr drin gewesen. Und natürlich sind Zweifel angebracht, ob diese Mannschaft tatsächlich gut genug ist, um weiter oben mitspielen zu können. Und doch: Die Entwicklung der Mannschaft ist rückläufig, sie ist in der Rückserie schlechter geworden, weshalb auch das Argument des Umbruchs nicht zieht. Ein neu formiertes Team hat vielleicht zu Beginn Schwierigkeiten, doch diese sollten im Laufe der Zeit abebben. Bei der Eintracht war das nicht der Fall. Zudem: In der Rückrunde standen zeitweise acht Spieler in der Startelf, die schon im Vorjahr an Bord waren. Und doch waren die Leistungen unstet und wankelmütig.

Das liegt nicht nur am Trainer, bei weitem nicht. Die atmosphärischen Störungen sind Fakt, doch diese Mannschaft präsentierte sich auch genügsam, sie hat keine Robustheit, keine mentale Kraft, um sich gegen Rückschläge aufzulehnen. Das haben die Verantwortlichen erkannt und wollen wieder mehr Mentalitätsspieler holen, Vollblutfußballer, die vielleicht die eine oder andere spielerische Schwäche haben, aber nie aufstecken oder zurückziehen, die auch als Typ wichtig für das Klima sind. Charaktere eben wie Heiko Butscher, Oka Nikolov oder Martin Lanig, die aus der zweiten Reihe heraus die Mannschaft geführt und auf das innere Gleichgewicht geachtet haben. Stefan Reinartz, der aus Leverkusen kommen wird, ist da eine erste solche perspektivische Verpflichtung, die Sinn macht.

Und Eintracht Frankfurt muss wieder an einem Profil arbeiten, in dem ganzen Klub muss eine andere Mentalität, eine frische, offensive, vorwärts gewandte Herangehensweise Einzug halten. Es muss eine andere Philosophie hineingetragen werden. Der Verein muss aus der Deckung kommen, das Angestaubte abschütteln, die Langweile vor der Tür lassen. Aufbruch statt Stillstand. Aktiv sein, nicht verwalten. Ein etabliertes Mitglied der Bundesliga zu sein, heißt nicht automatisch, immer nur Platz zehn anzupeilen. Kapitän Kevin Trapp hat völlig Recht, wenn er sagt: „Wir sollten nicht zufrieden sein, wenn wir Zehnter oder Zwölfter werden. Unser Ziel muss sein, oben ranzukommen.“ Das liegt in denen Genen des Sportlers.

Eine Platzierung in Reichweite der Europapokalplätze ist schwer genug für einen Verein mit diesem Etat und diesen beschränkten finanziellen Möglichkeiten, doch wer sich immer nur an der Misswirtschaft in Stuttgart, Hamburg oder Hannover orientiert und auf die dortigen Probleme hinweist, macht es sich zu einfach. Es gibt genügend Gegenbeispiele. Man muss klug sein, clever, schnell, pfiffig, man muss eine herausragende Personalpolitik betreiben, im Scouting vorneweggehen. Das alles ist schwer genug.

Die Eintracht muss ein Leitbild entwickeln, eine Idee haben, sie muss für etwas stehen. Ex-Trainer Armin Veh brachte das auf den Punkt: „Wo Eintracht draufsteht, soll auch Eintracht drin sein.“ Das galt damals für die Spielweise, es lässt sich aber auf den ganzen Klub ausweiten. Die Eintracht muss ihr Profil schärfen, die Marke sexyer machen, offensiver und angriffslustiger werden. Es muss nicht immer alles klappen, was man vorhat und propagiert, aber man muss es versuchen. Sonst droht wieder der Stillstand.

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