1. Startseite
  2. Eintracht

Eintracht: Auf dem falschen Fuß erwischt

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Thomas Kilchenstein, Ingo Durstewitz

Kommentare

Das Beste zum Schluss: Diant Ramaj hält den Punkt fest. Foto: Jan Hübner
Das Beste zum Schluss: Diant Ramaj hält den Punkt fest. © Jan Huebner

Ersatztorwart Diant Ramaj holt sich viel Lob ab, patzt aber einmal entscheidend – und die Frage bleibt: Was ist Eintracht Frankfurt ohne Filip Kostic wert?

Das Lob aus berufenem Munde war vielleicht eine Spur zu dick aufgetragen, aber Oliver Glasner war es offenbar ein dringendes Bedürfnis, seine Nummer zwei ein bisschen zu bauchpinseln. Das ist verständlich. Diant Ramaj, ein 20 Jahre junger Torsteher im Dienste von Eintracht Frankfurt, hat am Sonntagnachmittag in Augsburg das erste Profispiel seiner gesamten Karriere bestritten, das letzte Mal, als es für ihn um Punkte ging, stand er noch beim FC Heidenheim im Kasten – in der A-Jugend, im März 2020, 1:2-Niederlage zu Hause gegen den SC Freiburg. Nach dem Bundesligadebüt des gebürtigen Stuttgarters im Erwachsenenfußball sagte sein Vorgesetzter Oliver Glasner also: „Es war ein großartiger Auftritt, er hat mutig mitgespielt.“ Das stimmt. Zum einen. Zum anderen nicht.

Der deutsch-kosovarische Schlussmann hat beim Auswärtsspiel der Eintracht in Augsburg ganz zum Schluss, als nicht mal mehr 120 Sekunden zu spielen waren, seiner Mannschaft das 1:1 gesichert: Den Schuss aus Nahdistanz des durchgebrochenen Stürmers Florian Niederlechner entschärfte er mit einer gehörigen Portion Wagemut. Es war die typische Parade eines Torwarts, der einen vor ihm auftauchenden Angreifer zum Scheitern bringen will: schnell raus, furchtlos und kompromisslos, Arme ausfahren wie eine Krake, Beine breit, sich generell groß machen – und hoffen, dass man das Ding dann irgendwie hält. Das hat Diant Ramaj geschafft, das hat er gut gemacht. Gar keine Frage.

Eintracht Frankfurt: Viel Lob für Diant Ramaj

So hatte er seinen Anteil am Punktgewinn bei den bayerischen Schwaben und sich allerlei nette Worte abholen dürfen, von Kapitän Sebastian Rode etwa. „Er hat ein hervorragendes Spiel gemacht. Schade, dass er beim 1:1 etwas unglücklich aussah. Aber das kommt vor“, urteilte der 31-Jährige. Es kommt auch vor, dass der Torhüter etwas zu forsch ist, zu offensiv denkt. Wie beim von Rode beschriebenen Ausgleichstreffer durch Michael Gregoritsch. Der abgezockte Österreicher hat den Eintracht-Goalie nach 38 Minuten nämlich einfach mal verladen, ihn, im doppelten Sinne, auf dem falschen Fuß erwischt: Gregoritsch zielte nämlich aus spitzem Winkel in die kurze Ecke – Ramaj aber spekulierte auf eine Hereingabe in die Mitte, verlagerte seinen Schwerpunkt auf die andere Seite und sah deshalb äußerst unglücklich aus. Kracher ins kurze Eck, Ausgleich, 1:1. Dumm gelaufen.

Die Augsburger Offensivkraft Gregoritsch zollte sich selbst umgehend einigen Respekt, weil er den Treffer doch recht „schlitzohrig“ erzielt habe. Er habe gesehen, dass der Eintracht-Keeper gezockt habe, und sich daher dafür entschieden, volle Lotte aufs kurze Eck draufzuhalten. „Das mache ich bei unseren Torhütern im Training aus Spaß auch immer“, grinste der 27-Jährige. Umso schöner für ihn, wenn es dann im Ernstfall klappt.

Gregoritsch sparte dennoch nicht mit Lob für den gegnerischen Ballfänger. „Ramaj ist wirklich ein super Torwart, er macht das richtig gut. Aber in dem Moment wollte er vielleicht ein bisschen zu viel.“ Auch Eintracht-Kapitän Rode glaubt an die Fähigkeiten des noch jungen Mannes im grellgelben Sweater. „Man sieht im Training, was er für ein Talent ist.“ Und Kollege Timothy Chandler assistierte: „Von ihm werden wir in den nächsten Jahren noch viel sehen.“

Eintracht Frankfurt: Kevin Trapp blockiert den Weg

In Augsburg zeigte der frühere Heidenheimer fürwahr das gesamte Portfolio eines ambitionierten und modernen Keepers, der erstmals im Brennpunkt steht: Anfangs viel Glauben in die eigene Stärke, gute Szenen mit dem Ball am Fuß, eine offensive Denke, dann einen Patzer und sich anschließende Nervosität. Man erkennt freilich auch mühelos, dass der sehr selbstbewusste und wehrhafte Kerl über viel Talent verfügt, das aber in die richtigen Kanäle fließen muss. Das geht in aller Regel nur über Spielpraxis, die der 20-Jährige aber nicht hat und auch nicht erhalten wird: Mit einiger Wahrscheinlichkeit wird Stammkraft und Nationaltorwart Kevin Trapp nach seiner Corona-Infektion schon am Freitag im Heimspiel gegen Arminia Bielefeld ins Heiligtum zurückkehren. Und sollte der 31-Jährige tatsächlich, wie von Sportvorstand Markus Krösche vermutet, seine Karriere in Frankfurt beenden, wäre der Weg des von Torwarttrainer Jan Zimmermann geförderten Ramaj blockiert. Insofern ist Chandlers These, zumindest auf die Eintracht bezogen, gewagt. Doch das ist Schnee von übermorgen.

Schnee von gestern ist das Remis in Augsburg und auch die Besetzung des linken Flügels. Dort versuchte eben jener Chandler, das an Corona erkrankte Powerpaket Filip Kostic zu ersetzen. Mit überschaubarem Erfolg. Den 31-jährigen Rechtsfuß hat es, wenn man so will, ebenfalls auf dem falschen Fuß erwischt, denn Chandler ist weder ein Linksfuß noch ein Linksaußen, mühte sich dennoch nach Kräften, sollte sich aber generell mehr trauen und die ewigen Rückpässe überdenken. Dass er Kostic, den besten Frankfurter, nicht adäquat würde ersetzten können, war Chandler wohl schon vorher klar. „Ich spiele so, wie ich spiele“, sagte er. „Ich bin kein Filip Kostic. Das weiß auch jeder.“

Auch interessant

Kommentare