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Fingerzeig Richtung Frankfurt? Roger Schmidt.

Eintracht Frankfurt

Auch Roger Schmidt im Visier

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Eintracht Frankfurt beschäftigt vor dem großen Halbfinale auf Schalke die Trainersuche.

Für den scheidenden Torwart Lukas Hradecky war der 27. Mai des vergangenen Jahres ein außergewöhnlicher Tag. Es war, man ahnt es, das Pokalfinale zwischen Eintracht Frankfurt und Borussia Dortmund, und obwohl der Frankfurter Schlussmann nicht besonders glücklich agierte in diesem Endspiel, war es für ihn „eines der größten Spiele meines Lebens“. Nach Berlin wolle er wieder hin, sagte er jetzt dem „Kicker“, vermutlich geht es dem Rest der Mannschaft nicht viel anders. Das Finale in Berlin am 19. Mai ist das große Ziel dieser auf der Zielgeraden leicht ins Stolpern geratenen Mannschaft.

Eintracht Frankfurt geht als klarer Außenseiter in das zweite Halbfinale am Mittwoch (20.45 Uhr/live ARD) gegen Schalke 04; vor allem natürlich, aber nicht nur, wegen den Turbulenzen, die der Wechsel des Trainers Niko Kovac zum FC Bayern aufgewirbelt hat. Da ist im Binnenverhältnis viel Porzellan zerschlagen worden, und die Frage bleibt, ob und wie schnell sich die Scherben kitten lassen. Und inwieweit der Autoritäts- und Glaubwürdigkeitsverlust des 46 Jahre alten Fußballlehrers Auswirkungen auf das Spiel und den Schlussspurt in der Liga hat.

Kovac hat seine persönlichen Ziele erreicht

Wer über Jahre hinweg die Gruppe auf gemeinsame Ziele einschwört, wer bedingungslosen Einsatz und Unterordnung persönlicher Interessen verlangt und alles, was den Teamerfolg gefährdet, sogleich sanktioniert, selbst aber seine eigenen Ziele verfolgt und seine persönliche Zukunft plant, der könnte ein Problem bekommen. Wie Niko Kovac das in den Griff bekommen will und wie sehr ihn das überhaupt noch berührt, ist eine überaus spannende Frage. Er, Kovac, hat sein ganz persönliches Ziel ja schon erreicht. In diesen Tagen wirkt er gereizt wie nie, angespannt und grantig. Er ist gar nicht mehr greifbar, kaum noch erreichbar. Er wirkt, als stünde er neben sich, als gäbe es noch einen zweiten Niko Kovac, der seit dem vergangenen Freitag an die Stelle des anderen Niko Kovac getreten ist. Ob er noch mal zurückfindet?

Es ist zudem nie besonders gut, wenn zu viele Nebenschauplätze den Blick auf das Wesentliche verstellen, wenn der Fokus verrutscht. Das Halbfinale im Pokal, vor ein paar Tagen noch der Höhepunkte der Saison, ist fast zu einem Randereignis geschrumpft.

Und nun nimmt sogar die Trainersuche schon Fahrt auf. Die Eintracht hat ihre Fühler nämlich nach Roger Schmidt ausgestreckt. Das erfuhr die FR aus dem Umfeld des Trainers. Der frühere Coach von Bayer Leverkusen arbeitet seit Juli 2017 in China bei Beijing Guoan, er wird fürstlich entlohnt, sein Vertrag läuft bis 2019. Er ist einer von mehreren Kandidaten, die die Sportliche Leitung um Fredi Bobic und Bruno Hübner nun eingehend prüfen. Klar ist, dass der 51-Jährige über kurz oder lang wieder in die Bundesliga will. Aber ist er wirklich einer für die Eintracht?

Er gilt als absoluter Fußballfachmann, aber als charakterlich nicht einfach. Als er in Leverkusen von seinen Aufgaben entbunden wurde, haben sie dem sturen und unnahbaren Schmidt unterm Bayer-Kreuz keine Träne nachgeweint. Eine Zusammenarbeit mit einem absoluten Alphatier wie Kevin-Prince Boateng könnte schwierig werden. Eintracht-Manager Hübner wollte den früheren Paderborner Coach aber schon zum Trainer machen, als Armin Veh die Frankfurter 2014 verließ. Damals entschied sich Schmidt für Leverkusen, die Eintracht holte Thomas Schaaf.

Charakterlich schwierig

Doch nicht nur wegen diesen vielen Baustellen kommt das Semifinale für Eintracht Frankfurt zur Unzeit. Ohnehin scheint der Mannschaft im Endspurt die Luft auszugehen. Viele Spieler wirken ausgelaugt, sowohl physisch als auch mental. Von der viel gepriesenen 100-prozentigen Fitness des Teams ist nicht mehr so viel zu sehen, eher, dass die Mannschaft auf der Felge geht. „Wir spielen am Anschlag“, hat Kovac gesagt. Schon gegen Hoffenheim war die körperliche Schlappheit unübersehbar.

Das ist auch eine Folge des intensiven Trainings und der enormen Anforderungen, die der Trainer an seine Spieler richtet. Das ist nicht mehr so extrem wie vor einem Jahr, aber immer noch ausreichend, um eine Mannschaft so ziemlich auszupressen. Aus den vergangenen drei Partien hat die Eintracht nur einen Punkt geholt.

Keine guten Aussichten, insbesondere wenn man sich das jüngste Revierderby ins Gedächtnis ruft, in dem die Schalker den Erzrivalen Borussia Dortmund beim 2:0 förmlich aufgefressen haben. Gegen diese enorme Körperlichkeit der Schalker wird Eintracht Frankfurt ein Mittel finden müssen, um überhaupt eine Chance zu haben.

Ein einziges Spiel

Andererseits waren die Hessen, die im Pokal bisher knapp fünf Millionen Euro an TV-Geld eingenommen haben und im besten Fall bis zu zehn Millionen Euro einstreichen könnten, auch im vergangenen Jahr nicht unbedingt als Favorit in das damalige Halbfinale in Mönchengladbach gegangen.

Zwar hatten die Frankfurter mit einem 3:1-Sieg über den FC Augsburg die ärgsten Abstiegssorgen verscheucht, doch die Eintracht spielte eine der schlechtesten Rückrunden ihrer jüngeren Geschichte mit insgesamt nur lächerlichen 13 Punkten – sechs davon schon am Jahresanfang geholt. In Gladbach schwang sie sich dann zu ihrer besten Leistung auf.

Und trotz aller Querelen: Es ist ja nur ein einziges Spiel, 90 Minuten, in denen vieles möglich ist, in denen auch die Tagesform und der Wille entscheiden können. Schließlich geht es um die Eigenmotivation und den Erfolg jedes einzelnen Spielers. „Es ist unser Finale vor dem Finale“, sagte Kapitän David Abraham. Die Mannschaft könnte erneut etwas Großes schaffen – unabhängig vom Trainer.

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