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Adler aus der Asche

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Von: Thomas Stillbauer

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Ganz schön ganz schön betörend sein, diese unsere Eintracht.
Ganz schön ganz schön betörend sein, diese unsere Eintracht. © dpa

Eintracht Frankfurt ist kein herkömmlicher Fußballklub. Wir geben den Armen und Gebeutelten. Dafür ziehen wir den Reichen und Großmäuligen das Fell über die Ohren.

Jetzt erst recht. Nach dem allseits erwarteten, vielleicht um das eine oder andere Tor zu hoch ausgefallenen 0:3 in Bochum gab es nicht wenige, die eines für absolut sicher erklärten: den Auswärtssieg an diesem Mittwoch in London gegen Tottenham Hotspur. Dies ist schließlich Eintracht Frankfurt und kein herkömmlicher Fußballklub. Wir geben den Armen und Gebeutelten. Dafür ziehen wir den Reichen und Großmäuligen das Fell über die Ohren.

Das war schon immer so. Archäologen fanden vor Jahren heraus, dass es Eintracht Frankfurt war (nicht etwa David), die Goliath mit einem gezielten Freistoß aufs Auge besiegte. Es wurde nur niemals so richtig publik; zu wenig unabhängige Presse seinerzeit. Auch war es Eintracht Frankfurt (nicht etwa Siegfried), die vor Ewigkeiten den bösen Drachen zur Strecke brachte – nur um sich ein paar Tage später von zwei Waschbären den Ball klauen zu lassen. Und Bälle waren im Altertum ausgesprochen rar. Selbst in der Bundesliga verfügte man erst vor wenigen Jahren über genug Bälle, um stets mehrere davon am Spielfeldrand zu deponieren. Früher, wenn Werner Lorant die Kugel unter dem Jubel des Publikums gegen die Bayern übers Tribünendach holzte, musste erst mal jemand in den Wald, suchen.

Wo waren wir? Ach, der Wankelmut der Adlerträger. Um ihn zu verdeutlichen, noch ein kleiner Rückgriff in die jüngere Fußballhistorie. 30. April 1976. An anderer Stelle war es schon mal erwähnt: Der junge Eintracht-Fan hatte alles perfekt vorbereitet. Sportschauzeit, Eltern nicht da, Bude sturmfrei. Fernseher an. Wohnzimmertisch beiseite gerückt, um besser jubeln zu können, denn der Gegner hieß an diesem Spieltag Rot-Weiß Essen.

Nichts gegen den traditionsreichen Verein aus dem Revier, aber die Truppe hatten wir in den Jahren zuvor mit 6:0, 9:1 und 5:0 abgefiedelt. Gut, ein umkämpftes 3:4 in Essen lag auch dazwischen, aber dies hier war ein Heimspiel, und zwar mit der vollen Kapelle. Namen, die auch heute noch Augen überall dort leuchten lassen, wo man den Fußball liebt: Dr. Kunter, Beverungen, Körbel, Müller, Neuberger, Reichel, Kraus, Nickel, Grabowski, Hölzenbein, Wenzel. Unschlagbar. Eigentlich. Das Resultat gegen Essen, natürlich ohne Bewegtbilder, nur vom Moderator vorgetragen: 1:3. Wohnzimmertisch wieder geradegerückt.

Der junge Eintracht-Fan war tödlich beleidigt. Sein Team zählte doch zu den besten Mannschaften Europas. Zwei Wochen zuvor hatte man sich erst im Halbfinale aus dem kontinentalen Cup der Pokalsieger verabschiedet, äußerst unglücklich, wie der Fan befand, und jetzt diese Schlappe gegen die Punkte- und Torverhältnislieferanten aus Essen? Torschützen für die Gäste übrigens: Hrubesch und Burgsmüller. Es sollte sich später noch erweisen, dass sie nicht zu den Allerschlechtesten zählten.

Die Niederlage damals war aber nicht ganz charakteristisch für Eintracht Frankfurt. Sie lag nicht direkt zwischen zwei Großereignissen, es folgte kein Fußballfeiertag. Viel eher war die Luft raus, denn die Adler gewannen für den Rest der Saison kein Spiel mehr bis auf das Allerletzte. Das allerdings mit 6:1 gegen den damaligen Spitzenklub Braunschweig. Tore: Grabowski (3), Nickel (2), Hölzenbein. Letzterer wollte womöglich Schwung holen für die Europameisterschaft, die vier Tage nach dem Bundesligafinale begann. Mit vier Teilnehmerländern. Andere Zeiten.

Zurück nach London. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Adler wie Phoenix aus der Asche auferstehen. Ein Faktor spricht klar für die Eintracht: Mein Opa Alfred hat passend zum Spiel Geburtstag. 102 wäre er an diesem Mittwoch geworden. Ein Alter wie ein Toto-Tippschein. Setzen wir auf die 2, Jeschäftsfreunde, setzen wir auf Auswärtssieg. (Thomas Stillbauer)

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