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Würde gerne noch mal International spielen: Marco Russ.

Interview Marco Russ

„Armin Veh passt perfekt zu uns“

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Eintracht-Verteidiger Marco Russ über die Rückkehr des alten Trainers, seine Führungsrolle im Team und Zigaretten in der Mittagspause.

Marco Russ, das Eigengewächs vom Riederwald, ist mittlerweile auch schon 29 Jahre alt, in zwei Wochen feiert er gar seinen 30. Geburtstag. „Ich bin der zweitälteste hier im Trainingslager bei uns“, sagt der Eintracht-Spieler und lacht. Der Innenverteidiger hat an Format und Einfluss gewonnen. Sein Wort hat Gewicht. Kritik, sagt der gebürtige Hanauer nun im FR-Interview, wolle er in Zukunft weiterhin anbringen, aber auf seine Wortwahl achten. Die neue Eintracht findet er ziemlich stark, die Europacupplätze seien sicher nicht in unerreichbarer Ferne – und auf Trainer Armin Veh singt er wahre Loblieder.

Herr Russ, Sie gehören ja mittlerweile schon zu den erfahrenen Kräften bei Eintracht Frankfurt. Können Sie aus dem Stegreif sagen, das wievielte Trainingslager Sie jetzt hier gerade hinter sich bringen?
Ich hatte zufälligerweise gerade mal nachgerechnet. Es müssen insgesamt so 35 sein. Wahnsinn, oder? 

Merkt man auch daran, wie schnell die Zeit vergeht?
Ja, gerade in den letzten zwei Jahren habe ich das gespürt. Ich merke es halt jetzt immer, wenn die Jungen nachrutschen. Zu meiner Zeit war Oka Nikolov der große, erfahrene Routinier, zu dem alle aufgeschaut haben und der zehn Jahr älter als die Jungen war. Tja, und heute bin ich zehn Jahr älter als zum Beispiel Luca Waldschmidt. Ich bin nach Makoto Hasebe der zweitälteste Spieler hier, da merkt man dann schon, dass man auf der älteren Seite steht (lacht). 

Spüren Sie das auch schon körperlich?
Das glücklicherweise noch nicht. Irgendwann wird wahrscheinlich die Zeit kommen, dass ich merke: „Okay, die jüngeren Spieler sind viel athletischer und schneller, der Speed und Zug fehlt.‘ Aber das ist noch nicht so. Ich bin topfit und habe nicht das Gefühl, dass die anderen mir physisch überlegen sind. Von daher mache ich mir keine Sorgen. 

Kann man als fast 30-Jähriger über dieselben Scherze lachen wie ein 18-Jähriger?
Klar, da bin ich vorne mit dabei, da bin ich nicht raus. Auch Schui (Co-Trainer Alexander Schur; Anm. d. Red.) nicht, der scherzt oft genauso mit uns. Nee, da ist noch alles im grünen Bereich. 

Aber die Prioritäten verschieben sich doch irgendwann.
Ja, natürlich. Mit dem Alter und wenn man eigene Kinder hat, da merkt man, dass Fußball nicht alles ist, dass es etwas gibt, was über dem Fußball steht. Auch wenn wir alle den Fußball lieben. Aber die Kinder, die Frau, die Familie – das ist das Wichtigste. Und die Gesundheit. Ich habe schon zu Wolfsburger Zeiten gespürt, was wirklich wichtig ist. 

Was hat sich noch geändert im Laufe der Jahre als Profi?
Nehmen Sie die Physis der jungen Spieler. Als ich aus der Jugend kam, da haben wir kaum gezielt am Körper oder Defiziten gearbeitet. Heute kommen die jungen Spieler mit ganz anderen Voraussetzungen zu den Profis hoch. Klar ist das dann eine Riesenumstellung für sie, weil es sie schlaucht. Das ist aber nur eine Gewöhnungssache. Ich hatte in der letzten Saison häufiger mal die U19 verfolgt. Mensch, da sind ja Brocken dabei – Wahnsinn. Ich war früher zwar groß, aber ein Strich in der Landschaft. Heute sind alle Jungs schon muskulös.

Wir können uns noch erinnern, als Francisco Copado und Christian Lenze mal in einem Trainingslager in Oberstaufen dem damaligen Trainer Friedhelm Funkel nachts in der Disco in die Arme gelaufen sind und dann am nächsten Tag in der Mittagshitze mit dem Medizinball Runden laufen mussten. Gibt es das heute noch?
Glaube ich nicht. Früher haben auch ältere Spieler mal geraucht in der Mittagspause. Das gibt es gar nicht mehr. Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wann der letzte Spieler bei uns mal geraucht hat. Und abends hat doch keiner mehr Lust, rauszugehen. Wenn man bis eins, zwei Uhr nachts ausgeht und man weiß, dass man am nächsten Morgen Training hat, nein, da verzichtet man doch freiwillig. 

Sie bereiten sich ja selbst auf eine Vorbereitung sehr gewissenhaft vor, absolvieren etwa ein Pilates-Programm. Wie wichtig ist das für Sie?
Im Alter wird das immer wichtiger. Früher konnte ich in der Sommerpause essen, was ich wollte. Und auch, wenn ich keinen Meter gelaufen bin, habe ich kein Gramm zugenommen. Das ändert sich im Alter schon. Man muss seinen Körper pflegen, darauf achten, was man isst. Man muss sich fithalten. Ich versuche auch in den Ferien immer, mein Körper auf einem gewissen Level zu halten. 

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Der neue Trainer ist der alte Trainer, Armin Veh ist zurück. Es wird wieder mehr gelacht bei der Eintracht.
Er ist von seiner Art her schon eher der offenere Typ, der herziger ist. Ich habe schon damals gesagt, dass er von seiner Art her perfekt zu uns passt. Er weiß, dass er mit uns viel lachen und Spaß haben kann. Er weiß aber auch ganz genau, wann er die Zügel anziehen muss. Diesen Spagat bekommt er gut hin. Er lässt uns zwar viel Leine, aber steckt das Feld schon klar ab. Wenn ihm was im Training nicht passt, kann er uns das deutlich zu verstehen geben. Andererseits gewährt er uns Freiräume, wenn er zufrieden ist. Das zeichnet ihn aus. Wir haben jeden Tag Spaß im Training. Ich denke, das sieht man auch. 

War das unter Vorgänger Thomas Schaaf anders?
Ja, er war halt als Typ eher etwas zurückhaltender. In seinem Auftreten war er schon eher distanzierter zum Team. Ich habe viele solcher Trainer kennengelernt: Felix Magath, Christoph Daum oder Friedhelm Funkel waren auch eher distanziert. Und dann gibt es die Art Trainer wie Veh, den du zwar nicht duzen darfst, der auch nicht der Kumpeltyp ist, aber mit dem du auch mal lachen kannst und der auch selbst mal einen Scherz macht oder einen Spruch raushaut. Das hält die Lockerheit. 

Aber unter Thomas Schaaf haben Sie eine exponierte Rolle eingenommen, sind zum Sprachrohr und Führungsspieler aufgestiegen.
Das eine hat ja nichts mit dem anderen zu tun. Sportlich war es auch nicht so schlecht, wir sind Neunter geworden und hatten lange die Chance, Europacup zu spielen. Aber allein das Drumherum ist jetzt viel positiver. Und mit den Verstärkungen haben wir eine gute, schlagkräftige Truppe beisammen. 

Und es wird wieder mehr Fußball gespielt.
Klar. Das ist die Philosophie des Trainers. Der eine spielt so, der andere anders. Armin Veh möchte Ballbesitz und Kurzpässe. Ich denke, das liegt der Mannschaft doch besser als die vorherige Spielweise. Wir haben die Mannschaft, um Pressing zu spielen. Und wir sind so spielstark, uns nach vorne kombinieren zu können. Und wenn wir auch fünf-, sechsmal zum Torwart zurückspielen, so haben wir den Ball doch in unseren Reihen. Es ist auch kräftesparend, wenn man den Gegner laufen lässt. Und mit Spielern wie Stefan Reinartz oder David Abraham können wir das auch gut spielen, sie kennen das aus Leverkusen und Hoffenheim. Ich finde, wir haben echt gut eingekauft. 

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Was sind die Ziele für die Eintracht?
Trotz Berg- und Talfahrt waren wir in der letzten Saison lange dabei und sind am Europacup vorbeigeschrammt. Wenn wir es hinbekommen sollten, mehr Konstanz in unser Spiel zu bekommen, dann denke ich schon, dass etwas drin ist. Die Frage ist ja auch, ob Mannschaften, die letzte Saison etwas abgefallen sind, jetzt wieder kommen. Hamburg, Stuttgart oder auch Hoffenheim. Es kommt darauf an, wie die Vereine, die immer noch mehr Geld oder Potenzial haben, wie die ihr Potenzial abrufen. Das muss man sehen. Aber von unserer Stärke und unserem Potenzial her können wir das toppen, was wir letzte Saison geschafft haben. Und dann ist auch der Europacup drin. Wenn man die internationalen Spiele erlebt hat, dann ist das halt auch noch mal eine ganz andere Nummer. 

Sie waren in der vergangenen Saison sehr meinungsstark. Werden Sie das so beibehalten?
Prinzipiell schon. Ich würde jetzt auch nicht sagen, ich bin übers Ziel hinausgeschossen, aber vielleicht habe ich manche Sachen unüberlegt ausgedrückt. Das war dann halt aus der Emotion heraus. Wenn man jetzt noch mal zu dem Thema Jürgen Grabowski kommt (Russ hatte den Ehrenspielführer attackiert und als „Vollexperten“ kritisiert, weil dieser die Abwehr als offen wie einem Scheunentor bezeichnete; Anm.d.Red.), dann stehe ich nach wie vor zu meiner inhaltlichen Ausführung. Wie ich das damals gesagt habe, war aber ein bisschen hart. Und da kann ich auch verstehen, dass er genervt und sauer war. Aber nichtsdestotrotz werde ich mich weiterhin äußern, wenn der Punkt erreicht ist, an dem ich die Schnauze voll haben. Ich werde es aber in Zukunft so sagen, dass man es vertreten kann und sich keiner auf den Schlips getreten oder beleidigt fühlt. Aber wenn ich die Mannschaft ungerecht behandelt sehe, werde ich weiterhin meinen Mund aufmachen. Ich bin in dem Alter und in der Position, das zu sagen, wenn mir was nicht passt. Ich habe ein gewisses Standing in der Mannschaft. 

Mit Carlos Zambrano und David Abraham haben Sie auf Ihrer Position ganz gehörige Konkurrenz. Fürchten Sie um Ihren Platz?
Carlos ist einer der besten Innenverteidiger, mit denen ich je zusammengespielt habe. Er muss nur seine Mätzchen lassen, das weiß er auch. Und das wird er auch, da bin ich mir sicher. Generell gilt: Lieber kämpfe ich um meinen Platz, aber ich weiß, dass wir eine Super-Truppe beisammen haben. Konkurrenz belebt das Geschäft. Jeder pusht den anderen, das kann die Qualität auch noch mal erhöhen. 

Schielen Sie auf das Kapitänsamt?
Ich denke, der Trainer sucht noch. Ich war der erste, der die Binde im Testspiel trug, dann Stefan Aigner, Bastian Oczipka. Dann sind da noch Alex Meier und Stefan Reinartz. Ich denke, dass wir vier, fünf diejenigen sind, die die Mannschaft führen und dass sich aus diesem Kreis auch der Kapitän herausbildet. Ich würde es gerne machen, aber ich wäre nicht enttäuscht oder sauer, wenn ich es nicht würde. Freuen würde ich mich natürlich, wenn es mich treffen sollte – das ist doch klar.

Interview: Ingo Durstewitz

 

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