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Auf dem Weg zum Tor des Monats: Daichi Kamada wirbelt gerne in Berlin.

Eintracht Frankfurt

Eintracht Frankfurt: Willig, aber mittelmäßig

  • Thomas Kilchenstein
    vonThomas Kilchenstein
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Gegen die neureiche Berliner Hertha geht es für Eintracht Frankfurt schon darum, einen kleinen Fehlstart in die Saison zu vermeiden. Die Perspektiven könnten besser sein. Die jüngsten Erinnerungen an die Hauptstadt immerhin sind gut.

An das letzte Aufeinandertreffen gegen die Hertha haben sie in Frankfurt noch die allerbesten Erinnerungen. Im Juni war es und Eintracht Frankfurt siegte am 31. Spieltag ziemlich souverän in Berlin mit 4:1 – inklusive eines Tores des Monats, erzielt von André Silva nach brillantem Solo von Daichi Kamada zum 2:1. Wiederholung aus Frankfurter Sicht gewünscht, aber auch realistisch?

Der Blick richtet sich mit einiger Spannung in die Hauptstadt, zu einem Klub, dem - wie der Stadt - das Image anhing, arm, aber sexy zu sein. Nun, Hertha ist seit einiger Zeit alles andere als arm, seit der durch mehrere Insolvenzen gegangene Großinvestor Lars Windhorst zig Millionen von Euro in den Klub pumpt. Zu den 224 Millionen, die er vor knapp einem Jahr gab, kommen bis diesen Oktober weitere 150 Millionen Euro hinzu. Dafür erhält der 43-Jährige 66,6 Prozent der Anteile und die Hoffnung, aus der Hertha tatsächlich einen Big-City-Klub zu formen, ein Ansinnen, das ein irrlichternder Jürgen Klinsmann ums Haar konterkariert hätte.

Wenn alles nach Plan läuft und die vielen, vielen Millionen sinnvoll in besseres Personal investiert werden, dann dürfte die Hertha die Eintracht in dieser Runde überflügeln. Dabei standen die Hessen zuletzt in der Tabelle meist vor den Berlinern, die es in den letzten drei Saisons nie auf einen einstelligen Tabellenrang schafften, das vergangene Spieljahr schlossen sie als Zehnter ab, Eintracht Frankfurt als Neunter. Zuvor hatte sich die Eintracht gerade nach dem Pokalsieg 2018 und dem Erreichen des Halbfinales im Europapokals aufgemacht, den nächsten großen Schritt zu gehen und vernehmlich an das Tor zum ersten Drittel der Bundesliga anzuklopfen. Davon ist sie im Augenblick ein Stück entfernt.

Statistik als Mutmacher

Der Verlust an Qualität durch den Abgang der vielzitierten „Büffelherde“ konnte nicht kompensiert werden. Zwar spülte der Verkauf der drei Stürmer Luka Jovic, Ante Rebic, Sebastien Haller rechnerisch runde 100 Millionen Euro aufs Konto – wobei der Klub noch 24 Millionen Euro von West Ham United zu bekommen hat – doch das Gros dieser Summe wurde in Spieler investiert, die nicht das fußballerische Vermögen der drei Abgänge haben. Djibril Sow, Dominik Kohr, Erik Durm, Bas Dost, Stefan Ilsanker, Ragnar Ache, Steven Zuber, die in den letzten zwei Jahren verpflichtet wurden, sind allenfalls ambitionierte Ergänzungsspieler, Profis, die man in ein intaktes Team dazuholen kann, die aber eine Mannschaft nicht direkt auf ein anderes, höheres Level hieven können. Eintracht Frankfurt ist mittlerweile eine zwar willige, aber mittelmäßige Truppe, die es schwer haben wird, erneut dort anzuklopfen, wo sie schon einmal war: auf der europäischen Bühne.

Und die Corona-Pandemie haben die Perspektiven in Frankfurt, wie bei vielen anderen Klubs auch, noch einmal trüber werden lassen. Der Umsatz (280 Millionen Euro) wird sich halbieren, zudem hat die Krise wegen ausgefallener Mindereinnahmen bei TV-Einnahmen und Eintrittserlösen die Frankfurter 20 Millionen gekostet, Finanzvorstand Oliver Frankenbach bezifferte die Umsatzeinbußen ohne Stadionpublikum auf stolze 60 bis 80 Millionen Euro. Selbst jetzt, da wenigstens ein Teil der Fans zurückkommen darf, legt der Klub noch drauf. Große Steine würde die Eintracht keinem ihrer Spieler in den Weg legen, sollten sie vor dem 5. Oktober noch einen anderen, zahlungskräftigen Arbeitgeber finden.

Hertha BSC, die am Freitagabend (20.30 Uhr/live in Dazn) 5000 Besucher ins Olympiastadion lassen darf, kennt angesichts des Investments der Tennor Holding B.V. solche Probleme nicht. Mit dem frischen Geld verpflichtete die Hertha jüngst Jhon Cordoba (15 Millionen Euro) vom 1. FC Köln, Alexander Schwolow (acht Millionen) vom SC Freiburg und Deyovaisio Zeefuik (vier Millionen) vom FC Groningen, alle drei kamen zum Auftakt, einem ungefährdeten 4:1-Sieg bei Werder Bremen, zum Einsatz, Cordoba erzielte gleich einen Treffer. Und Trainer Bruno Labbadia, seit April in der Hauptstadt, hat in der Vergangenheit längst bewiesen, dass er Mannschaften aufs rechte Gleis setzen kann - zumindest in der ersten Saison. Und die Aufbruchstimmung, die derzeit in der Hauptstadt herrscht, ist mit Händen zu greifen.

Das Interessante am Fußball ist aber: Glücklicherweise entscheidet nicht immer das höhere Investment über Sieg oder Niederlage auf dem Rasen. Und die Hertha stolperte bereits in der ersten Runde beim Zweitligisten Eintracht Braunschweig, unterlag mit 4:5. So ganz chancenlos ist ein homogenes Team wie die Eintracht ohnehin nie, gerade auswärts, wenn die Hessen nicht das Spiel machen müssen. Für Tore sind sie immer gut, zuweilen auch für solche des Monats. Und auch die Statistik gibt ein bisschen Mut: In der Liga haben die Frankfurter von den vergangenen neun Spielen nur eines verloren.

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